Kommentar Nissan gegen Renault – Einigung weit entfernt

Hiroto Saikawa, Vorstandsvorsitzender des Automobilkonzerns Nissan, nimmt an einer Pressekonferenz im Hauptsitz der Firma teil.
Hiroto Saikawa, CEO von Nissan, zeigt sich von Merger-Vorschlägen bisher wenig begeistert.

Renault versucht Nissan einen Meger schmackhaft zumachen. Das dürfte ohne weitreichende Zugeständnisse wohl kaum gelingen.

Shakespeare hätte Stoff genug für ein Drama gefunden: Zwei Kulturen prallen aufeinander, unter den Protagonisten finden sich genügend Egomanen, die der Handlung Würze verleihen, hinter den Kulissen finden Ränkespiele aller Art statt, wechselnde Koalitionen kämpfen um die Vorherrschaft, schlussendlich sind die Persona Dramatis auch nur Figuren in einem Spiel und keiner ist ohne Fehl und Tadel. Wer es noch nicht erraten hat: Hier ist von dem Kampf zwischen Frankreich und Japan, zwischen Renault und Nissan, und zwischen den Protagonisten in den verschiedenen Lagern die Rede.

Tragische Figur im Moment: Carlos Ghosn, der vom Superhelden zum Schurken mutierte – zumindest aus japanischer Sicht. Er selber stellt sich als gutmeinenden Retter von Nissan hin, der nur das Wohl der beteiligten Firmen im Auge hatte – und unglückliches Opfer eines Ränkespiels hinter den Kulissen wurde. Hatte er gar nicht gemerkt, wie sich innerhalb von Nissan etwas gegen ihn zusammen braute? Der ehemalige CEO von Olympus, Michael Woodford, jedenfalls kam ebenfalls in Kalamitäten, hatte die Flucht ergriffen und darüber ein interessantes Buch geschrieben: »Enthüllung. Kaltgestellt. Gejagt. Bedroht.«.

Zumindest hatte Ghosn wohl nicht damit gerechnet, dass es seinen Feinden gelingen könnte, ihn fast physisch auszuschalten und in den Kerker zu werfen. Frankreich muss zusehen, wie ein ehemals durchaus geschätzter Manager, in einem ganz anders gearteten Rechtssystem vorgeführt wird: Erst langer Arrest, dann überraschende Freilassung unter strengen Auflagen auf Kaution, dann wieder Verhaftung, wieder Freilassung – das Spiel könnte sich fortsetzen. Oder kam es der französischen Regierung zunächst sogar nicht ungelegen, dass Ghosn aus dem Gefecht gezogen wurde? Wer Verschwörungstheorien mag, der kann hier seiner Phantasie freien Raum lassen. Der Wechsel zwischen U-Haft und Freilassung auf Kaution wirft jedenfalls noch einmal ein besonderes Licht auf die Situation in Japan.

Jetzt spielt Jean-Dominique Senard, Aufsichtsratsvorsitzender von Renault und Nachfolger Ghosns bei Renault den Diplomaten. Er möchte einen ganz neuen Führungsstil in die Beziehungen zwischen Renault und Nissan bringen und in die Allianz sowieso. Ob die Charme-Offensive auf japanischer Seite etwas nützt? Die Nissan-Manager, allen voran der ehemalige Ghosn-Ziehsohn Hiroto Saikawa, geben sich spröde. Was nicht anders zu erwarten war: Denn Nissan steht ganz anders als noch vor 20 Jahren, als Ghosn den Konzern rettete, besser da als Renault heute. An Selbstbewusstsein mangelt es daher auf der Seite Nissans nicht. Den Avancen einer Übernahme durch Renault – trotz allem Süßholzraspelns – zeigt Saikawar erst mal die kalte Schulter. Aus seiner Sicht will Renault etwas von Nissan, nicht umgekehrt.

Und was wird aus Frankreichs Ziel, die Allianz Renault-Nissan-Mitsubishi unumkehrbar zu machen? Dem wird Nissan kaum zustimmen, solange dies die aus Sicht Nissans inhärenten Ungerechtigkeiten zementieren würde. Den Status quo aufrecht zu erhalten läge aber im Interesse Frankreichs. Diese Gegensätze wird auch viel Diplomatie nicht übertünchen können. Bisher dürften Renault und Nissan von einer Einigung noch weit entfernt sein.