Kommentar Mangelnde Akzeptanz oder blindes Vertrauen

Manne Kreuzer, Markt&Technik
Manne Kreuzer, leitender Redakteur MKreuzer@markt-technik.de

Die Reaktionen der Anwender auf elektronische Helfer in und um Fahrzeuge sind sehr unterschiedlich und häufig nicht rational nachvollziehbar.

Jahrzehntelang emotionalisierte die KFZ-Industrie ihre Käuferschaft – erst mit dem Ziel der langfristigen Kundenbindung, dann um unnötige Pferdestärken und Ausstattungsmerkmale der schier endlosen Aufpreislisten zu verkaufen. Hierzulande wurde des Auto zum des Deutschen liebstes Kind (ob steigende Zulassungszahlen und sinkende Geburtenraten damit zusammenhängen?).

Davon profitiert auch die Elektronikindustrie, die immer mehr Bauteile in die Fahrzeuge hineinverkauft – und in deren Umgebung. So gibt es mittlerweile auch Parkroboter, die das Auto an den Reifen anheben und in der nächsten freien Parklücke abstellen. Seit zwei Jahren tut dies beispielsweise das System »Ray« am Düsseldorfer Flughafen – mit mässigem Erfolg: Die Betreiber haben in der Spitze eine Auslastung von 60 Prozent ermittelt, im Normalbetrieb sind es nur 30 bis 40 Prozent. Zu Schäden an den Fahrzeugen soll es bislang nicht gekommen sein, trotzdem schenken die Deutschen diesem System zu wenig ihr Vertrauen.

Auch in anderen Ländern wird die Kundschaft für ihr Fahrzeug „begeistert“ – allerdings scheint dies manchmal zu erfolgreich zu sein, da die Kundschaft den elektronischen Helferlein Fähigkeiten zusprechen, die so nie von den Automobilherstellern zugesagt worden sind. Ein trauriges Beispiel ist der Tod eines Tesla-Fahres, der dem „Autopiloten“, der eigentlich nur ein besserer Spurhalteassistent ist, sein blindes Vertrauen schenkte und nicht mehr auf die Verkehrssituation achtete. Jahre zuvor verklagte ein Campmobil-Fahrer einen Hersteller, weil es zu einem Unfall kam, nachdem der Fahrer den Tempomat – im Ausland „Cruise Control“ genannt – aktivierte, aufstand und dann im hinteren Teil des Fahrzeugs nach einem Getränk suchte. Ein oder zwei Worte auf einer Taste und so mancher Zeitgenosse glaubt zu wissen, was es damit alles auf sich hat.

Die einen befürchten Kratzer im Lack, die anderen vertrauen ihr Leben blind einer Fahrzeugfunktion an – sicherlich zwei Extreme, aber leider ist damit zu rechnen, dass sich die „gesunde Gaußsche Normalverteilung“ zu Gunsten dieser Extreme abflacht. Neue technische Helfer verführen aber nicht nur die Käufer, sondern auch die Fahrzeugdesigner. Sind sie schon mal in einem Roadster gehockt, der eine Rückfahrkamera braucht, weil man sonst nicht richtig nach hinten schauen kann? Wenn nun, wie in Japan der Fall, die Gesetze geändert werden und die Rück- und Seitenspiegel durch Kamerasysteme ersetzt werden dürfen, dann ist mit weiteren Design-Exzessen zu rechnen: Mit „Schießscharten“ statt Fenstern mutiert die Fahrt zum Videospiel und „Game over“ zum Alltag. Lassen sich „Panzer“ wirklich besser vermarkten als elegante Autos, mit denen man sehen und gesehen werden kann?

Elektronische Helfer sind doch eigentlich dafür gemacht, um die Passagiere bequemer durch die Tücken des Alltags zu bringen und nicht um Design- und Entwicklungsschwächen zu kaschieren – oder um das Gehirn abzuschalten.