Kommentar Feindbild autonomes Fahren

Ingo Kuss, Chefredakteur Markt&Technik

Beim Test von vollautomatisierten Fahreugen auf öffentlichen Straßen ist es bereits mehrfach zu gezielten Attacken durch andere Verkehrsteilnehmer gekommen. Dahinter steckt offenbar ein Phänomen, das älter als die Automobilbranche selbst ist.

Allein die Herausforderung, das ganz normale Chaos auf den Straßen zuverlässig zu bewältigen, ist für autonome Fahrzeuge eigentlich schon groß genug. Doch nun sieht es so aus, dass Robotertaxis zusätzlich mit einer ganz neuen Art von Problemen konfrontiert werden, die bei menschlichen Fahrern erst gar nicht auftreten. Das legen zumindest Berichte aus Städten nahe, in denen bereits derartige Fahrzeuge getestet werden. So kam es etwa in Chandler im US-Bundesstaat Arizona wiederholt zu Attacken auf die dort eingesetzten Testfahrzeuge der Google-Schwester Waymo. Einzelne Autos wurden mit Steinen beworfen und von anderen Fahrzeugen abgedrängt oder gestoppt, die Sicherheitsfahrer beschimpft und bedroht.

Auch in Las Vegas blieben Fahrten von hochautomatisierten Testautos des Zulieferers Aptiv nicht ohne Zwischenfälle: Taxifahrer machten dort mit rabiaten Gesten und Fahrmanövern ihrem Ärger über die zukünftige Konkurrenz Luft. Zumindest in diesen Fällen ist das Motiv der Täter offensichtlich. Große Ride-Hailing-Anbieter wie Uber und Lyft machen schließlich keinen Hehl daraus, dass sie sich der Fahrer als wesentlichem Kostenfaktor baldmöglichst entledigen wollen. So schnell, wie das rasante Wachstum der Fahrdienstvermittler neue Jobs geschaffen hat, können diese auch wieder verschwinden, sobald Robotertaxis ihre Praxistauglichkeit beweisen haben. 

Bei den Übergriffen in Chandler ist die Motivlage dagegen weniger eindeutig. Einer der Täter nannte der New York Times als Grund für seine Attacken, sein Sohn sei beim Spielen beinahe von einem Testfahrzeug erfasst worden. Nach dieser Logik müsste es allerdings überall zu Angriffen auf Autos jeder Art kommen. Eine grundsätzliche Technikfeindlichkeit scheint daher auch eine gewisse Rolle zu spielen. Damit ließe sich auch das ICEing-Phänomen erklären, also das gezielte Zuparken von Ladestationen durch Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor (Internal Combustion Engine, ICE), um Fahrer von Elektroautos zu drangsalieren. 

Die darin zum Ausdruck kommenden prinzipiellen Vorbehalte gegen neue Technologien sind typische Begleiterscheinungen wirtschaftlicher und technischer Umbruchsphasen. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts zerstörten Textilarbeiter aus Protest mechanisierte Webstühle. Die Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen macht es den deutschen Maschinenstürmern und englischen Ludditen schwer, den technischen Fortschritt zu akzeptieren. Seitdem sind neue Entwicklungen immer wieder – zumindest bei einem Teil der Bevölkerung – auf deutliche Ablehnung gestoßen. 

Für die Entwicklung autonomer Fahrzeuge ergeben sich daraus zwei Konsequenzen: Zum einen müssen die Fahrzeuge darauf vorbereitet werden, dass es zu gezielten Attacken kommen kann, und sie müssen lernen, wie sie damit umgehen sollen. Genauso wichtig sollte aber eine begleitende Öffentlichkeitsarbeit sein, um gerade an den Teststandorten möglichst viele Skeptiker von den Vorzügen des automatisierten Fahrens zu überzeugen. Denn wer nicht gerade selber Taxi fährt, dürfte unterm Strich von der neuen Technik profitieren – sowohl in puncto Sicherheit als auch bei den Fahrtkosten.