Kommentar Ein perfektes Fragezeichen

Ingo Kuss, Chefredakteur Markt&Technik

Droht der Automobilbranche ein perfekter Sturm? Der Titel einer aktuellen Studie erweckt diesen Eindruck, doch sie bleibt überzeugende Beweise für ihre These schuldig.

Wie stark werden sich die zukünftigen strengen CO2-Grenzwerte auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Automobilbranche auswirken? Laut einer aktuellen Studie könnten die Folgen dramatisch sein: Der Kreditversicherer Euler Hermes rechnet in einer Untersuchung mit einem Anstieg der Produktionskosten um sieben Prozent bis Ende 2020 und sogar um 15 Prozent bis 2025. Würden diese Mehrkosten auf die Verkaufspreise aufgeschlagen, käme es zu Einbußen bei den Autoverkäufen von 9 bzw. 18 Prozent. Die Studie sieht aus diesem Anlass rund 160.000 Arbeitsplätze in der Automobilindustrie in akuter Gefahr.

160.000 Jobs – das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl einer Stadt wie Heidelberg. Entsprechend alarmierend ist auch der Titel der Studie formuliert: „New CO2 Emission Regulation in Europe: A Perfect Storm for Car Manufacturers?“ Angesichts der genannten Zahlen könnte man das für eine rein rhetorische Frage halten. Tatsächlich haben die Marktforscher aus gutem Grund ein Fragezeichen ans Ende des Titels gesetzt. Denn im weiteren Verlauf der Studie rechnen sie selbst nicht mehr damit, dass die höheren Produktionskosten 1:1 an die Kunden weitergegeben werden. So sollen finanzielle Puffer und Einsparungen etwa durch Kooperationen genutzt werden, um den Preisanstieg zu dämpfen. Schlussendlich geht Euler Hermes bis Ende 2020 nur von einer Steigerung der PKW-Preise um etwa 2,6 Prozent aus. Dies würde laut Studie zu einem Umsatz-Minus von 2,3 Milliarden Euro und rund 60.000 gefährdeten Arbeitsplätzen führen.

Das klingt schon nicht mehr ganz so dramatisch. Hinzu kommt, dass in der Untersuchung nicht nach einzelnen Branchensegmenten differenziert wird, obwohl dort große Unterschiede zu erwarten sind. Natürlich wird es bei den mit der Dekarbonisierung einhergehenden großen Umwälzungen in der Automobilindustrie auch Verlierer geben, vor allem im Bereich der klassischen Verbrenner-Technologien. Doch umgekehrt zählen etwa alternative Antriebe, Software und Elektronik schon jetzt zu den klaren Gewinnern.

Schaut man sich beispielsweise aktuelle Zahlen von Volkswagen an, ergibt sich ein sehr differenziertes Bild. So stehen nach dem Umbau des Zwickauer Werks zur E-Autofabrik zwar zukünftig deutlich weniger Mitarbeiter am Band, beim Einbau des Cockpits etwa nur noch neun statt bisher 25. Insgesamt wird sich der Automatisierungsgrad von 12 auf knapp 30 Prozent erhöhen. Dennoch soll niemand seinen Job verlieren – weil VW nicht mit fallenden, sondern mit steigenden Produktionszahlen rechnet.

Ob sich unterm Strich die wegfallenden und hinzukommenden Jobs branchenweit in den nächsten Jahren ausgleichen werden, bleibt abzuwarten. Wie jeder große Transformationsprozess ist auch die Elektrifizierung des Autos mit erheblichen und zurzeit nur schwer überschaubaren Risiken verbunden. Dass nun aber zwangsläufig ein „perfekter Sturm“ für die Automobilbranche droht, ist aktuell nur ein Studientitel. Mit einem dicken Fragezeichen.