Kommentar Die wirkliche Herausforderung

Ingo Kuss, Chefredakteur Markt&Technik

Auf der CES werden kühne Zukunftsvisionen bejubelt, doch im Autohaus nebenan können schon kleine Veränderungen die Stammkundschaft verärgern. Allein durch Technikkompetenz ist dieser Spagat zwischen so unterschiedlichen Ansprüchen nicht zu bewältigen.

Auf einer Messe wie der CES können Fahrzeugstudien und Prototypen gar nicht futuristisch genug sein. Da ist es nur konsequent, wenn sich etwa Mercedes-Benz für sein Showcar „Vision AVTR“ gleich Unterstützung aus Hollywoods Traumfabrik holt. Das technikbegeisterte Publikum in Las Vegas weiß solche Extravaganzen zu schätzen – der klassische Autokäufer ist allerdings weitaus konservativer eingestellt.

Allein die Umstellung auf ein volldigitales Cockpit, wie jetzt bei der neuesten Golf-Generation geschehen, treibt dem ein oder anderen VW-Verkäufer bereits die Sorgenfalten auf die Stirn: Kommt die werte Kundschaft mit dem neuen Bedienkonzept zurecht, dessen Feinheiten sich erst nach einem ausführlichen Blick in die Bedienungsanleitung erschließen? Denn gerade die modellwechselübergreifende Vertrautheit des Innenraumkonzepts und seine intuitive Bedienbarkeit gehören zum Markenkern des Bestsellers. Dass der Golf über einen so langen Zeitraum an der Spitze des Zulassungsstatistik zu finden ist, zeigt sehr deutlich: Eine Vielzahl von Käufern will überhaupt keine dramatischen Veränderungen.

Auch die zuletzt rasant gestiegenen Zulassungen speziell von Plug-in-Hybriden (laut Kraftfahrt-Bundesamt im November plus 216 Prozent, im Dezember plus 198 Prozent) sollte man nicht vorschnell als Beleg für einen beginnenden Bewusstseinswandel interpretieren. Wie eine aktuelle Studie ermittelte, bleiben die Ladekabel oft originalverpackt im Kofferraum und die erfassten Verbrauchswerte entsprechend hoch. Kein Wunder, bei einem inzwischen auf über 50 Prozent hochgeschnellten Dienstwagenanteil: Entsprechend genutzte Plug-in-Hybride erhalten einen satten Steuerrabatt, auch wenn sie nie in die Nähe einer Ladesäule kommen. Da geht es weder um die Umwelt noch um technische Faszination. Die einzigen Ressourcen, die Fahrer in solchen Fällen schonen wollen, sind die eigenen Finanzen.

VW hat sein Produktionsziel für 2025 zwar vor Kurzem von einer auf 1,5 Millionen Elektroautos erhöht, doch das ist nur die Angebotsseite. Ob den Wolfsburgern der beabsichtigte Sprung in den Massenmarkt auch tatsächlich gelingt, wird sich erst ab dem Sommer zeigen, wenn die Auslieferung des vollelektrischen Hoffnungsträgers ID.3 beginnt. Denn Massenmarkt sind eben nicht die technikverliebten CES-Besucher, sondern Käufer, die einem höheren Elektrifizierungs- oder auch Digitalisierungsgrad oft erst einmal skeptisch gegenüberstehen.

In der gut abgeschirmten Welt von technischen Arbeitsgruppen, Kongressen und Fachmessen kann leicht der Eindruck entstehen, es müssten nur noch eine Reihe von – zweifelsohne anspruchsvollen – technischen Problemen bewältigt werden, um all die aufwändig in Szene gesetzten Visionen vom hochautomatisierten elektrischen Fahren auch Realität werden zu lassen. Zusätzlich ist allerdings noch sehr viel Überzeugungsarbeit zu leisten, um auch solche Käuferschichten anzusprechen, die am liebsten am Status quo festhalten würden. Und das ist womöglich sogar die größere Herausforderung.