Kommentar Das Denken in alten „Auto-Bahnen“ überwinden

Heinz Arnold, Editor-at-Large Markt&Technik

E-Autos werden sich von Autos mit Verbrennungsmotoren zukünftig ähnlich stark unterscheiden wie diese von der Kutsche. Doch zunächst müssen noch veraltete Denkmuster überwunden werden.

Die ersten Autos sahen aus wie Kutschen ohne Pferde. Denn wie anders sollte man sich ein selbstfahrendes Gefährt vorstellen als in Form einer Kutsche, die eben statt der Pferde ein Motor antreibt? Schnell aber stellte sich heraus, dass die neue Technik ganz neue Design-Freiheitsgrade eröffnete. Außerdem entwickelte sich eine Infrastruktur rund ums Auto und Straßen, die die gemeinsame, sich wechselseitig bedingende Evolution noch beschleunigte. Deshalb sehen heute nicht nur die Autos ganz anders aus, auch die Umwelt, in der wir leben, hat sich tiefgreifend verändert.

Die Elektrifizierung wird mit Sicherheit einen erneuten Evolutionsschub auslösen. Denn auch der elektrische Antrieb eröffnet neue Freiheitsgerade. Die E-Autos werden sich von Autos mit Verbrennungsmotoren ähnlich stark unterscheiden wie die Kutsche vom Auto. Die gleichzeitig voranstürmende Vernetzung und das autonome Fahren werden den evolutionären Druck zur Veränderung noch erhöhen.

Wir sollten also nicht mehr in den alten „Auto-Bahnen“ denken und so manche vermeintliche Gewissheiten, die sich tief in die Welt der Technik eingegraben haben, über Bord werfen. Darin liegt die eigentliche Herausforderung. Davon kann Prof. Dieter Gerling von der Universität der Bundeswehr in Neubiberg ein Lied singen. Er hat 48-V-Motoren entwickelt, die viele Vorteile aufweisen.

Doch immer noch ist das alte Denkmuster weit verbreitet: Aus der Erfahrung mit Überlandleitungen hat sich die Einstellung festgesetzt, dass hohe Leistungen nur mit hoher Spannung übertragen werden können, nicht mit hohen Strömen. Obwohl es doch eigentlich leicht einzusehen ist, dass im Auto ganz andere Verhältnisse herrschen. Firmen wie Continental, Toroidion und Volabo zeigen jedenfalls, dass 48-V-Motoren in Leistungsbereiche von einigen zehn bis zu hunderten kW vorstoßen können. Doch die alten Denkmuster zu durchbrechen, darin liegt laut Prof. Gerling nach wie vor die größte Hürde.

Allerdings sind die E-Motoren nur ein Element auf dem Weg zur Elektrifizierung. Es werden sicherlich noch viele alte Zöpfe abgeschnitten, alte Gewissheiten aufgegeben und alte Denkbahnen verlassen werden müssen, um den Weg in die Mobilität der Zukunft zu öffnen.