AUTOSAR aus Halbleiterhersteller-Sicht Das alte Dilemma: Wer soll das bezahlen?

Jürgen Weyer, NXP Semiconductors

«In Zukunft wird es in vielen Fällen so sein, dass wir das System und die Algorithmen verstehen müssen, um überhaupt 
eine effiziente Architekturen dafür entwickeln zu können.«
Jürgen Weyer, NXP Semiconductors: «In Zukunft wird es in vielen Fällen so sein, dass wir das System und die Algorithmen verstehen müssen, um überhaupt eine effiziente Architekturen dafür entwickeln zu können.«

2003 hat die Automobilindustrie die Entwicklungspartnerschaft AUTOSAR gegründet. Der Standard AUTOSAR wird ständig weiterentwickelt, mittlerweile gibt es das Release 4.2. Problem: Die OEMs setzen auf verschiedene Varianten, was den Aufwand für die Halbleiterindustrie beträchtlich erhöht.

Die Grundidee von AUTOSAR bestand darin, die Software von der darunter liegenden Hardware unabhängig zu machen. Anders formuliert, heißt das: »Der Ursprungsgedanke war, dass man eine Software-Plattform hat und die darunterliegende Hardware austauschbar ist, also MCU-Hersteller A raus, MCU-Hersteller B rein«, so Michael Anfang, EMEA Region Vice President Automotive Product Group, Marketing and Application bei STMicroelectronics.

Dass dieses Ziel sicherlich nicht im Sinne eines Hardware-Herstellers ist, dürfte klar sein. Das passt aber insofern ins Bild, als dass die MCU-Hersteller mit einem enormen Kostendruck zu kämpfen haben, was zeigt, dass die Idee der austauschbaren Hardware offenbar immer noch in den Köpfen vieler spukt. Doch Anfang erklärt ganz klar weiter: »Diese Erwartung wurde definitiv nicht erfüllt, bei weitem nicht.« Ähnliches ist von Jürgen Weyer, Vice President Automotive Sales EMEA bei NXP Semiconductors, zu hören. Er erklärt, dass die komplette Trennung von Hardware und Software und damit die mögliche Austauschbarkeit verfehlt wurden. »Das war ein Wunschgedanke. Wenn das konsequent verfolgt worden wäre, hätten wir auf der MCU-Seite so viel Aufwand treiben müssen, dass das kommerziell nicht mehr darstellbar gewesen wäre«, so Weyer stellvertretend für viele Halbleiterhersteller.

Dass AUTOSAR dennoch zu einer gewissen Standardisierung geführt hat, dem mag ja gar keiner widersprechen, nur wem sie Vorteile bringt, ist eine andere Frage. Für die OEMs hat AUTOSAR aus der Sicht von Hans Adlkofer, Vice President im Geschäftsbereich Automobilelektronik bei Infineon Technologies, durchaus Vorteile, die in der Halbleiterindustrie aber nicht ankommen, weder hinsichtlich einer Vereinfachung noch hinsichtlich Kosteneinsparungen. Adlkofer: »Aus unserer Sicht gibt es viele AUTOSAR-Varianten, was zu einem hohen Software-Aufwand bei den Halbleiterherstellern führt.« Und Weyer führt aus: »Die OEMs nutzen verschiedene Varianten. Das heißt für uns als Halbleiterhersteller, dass wir für Neuentwicklungen die alten Varianten nachziehen müssen und für alte Produkte die Neuentwicklungen nacharbeiten müssen. Wir müssen in beide Richtungen aktiv werden.«

Dazu kommt noch die Frage: »Ist es immer sinnvoll, AUTOSAR zu nutzen?« Weyer antwortet mit einem klaren Nein. Er ist der Überzeugung, dass es im Fahrzeug eine Vielzahl von Applikationen gibt, in denen der Overhead von AUTOSAR überhaupt nicht gerechtfertigt ist. »Wenn wir im Vergleich zur eigentlichen Applikations-Software das 30-fache an Speichergröße brauchen, um AUTOSAR zu implementieren, dann ist das absurd.«
Die Halbleiterhersteller müssen viel Aufwand in AUTOSAR stecken, zahlt sich das wenigsten wirtschaftlich aus? Auch hier verneint Weyer. Es gebe zwar heute keinen Hersteller mehr, der MCUs ohne den entsprechenden AUTOSAR-Support verkaufen kann, »der Wert dieser zusätzlichen Dienstleistung wird aber nicht honoriert«, so Weyer.

Zusätzlicher Aufwand, der dem Halbleiterhersteller keine Vorteile bringt, dafür aber zusätzliche Kosten, die nicht beglichen werden - beachtlich, was die Automobilindustrie durchsetzen kann beziehungsweise langfristig wohl eher konnte. Denn die Hersteller sind sich einig, dass die Aufwände zu groß werden, um sie einfach kostenlos weiterzugeben. Anfang stellvertretend: »Der Entwicklungsaufwand bei den Halbleiterherstellern ist extrem hoch, egal ob es die Low- oder Upper-Level-Treiber sind. Das ist ein professionelles Produkt, das nach Spice-Level-3 mit Development-Flows nach ISO 26262 entwickelt wird. Die Wertigkeit dieser Software-Module ist hoch, aber es ist eine Herausforderung, diese Wertigkeit honoriert zu bekommen.« Und Adlkofer fügt noch hinzu: »Die Frage ist auch, wie oft man sich als Halbleiterhersteller so etwas leisten kann. Wir haben AUTOSAR, wir haben aber auch GENIVI, Linux etc. Da wird die Halbleiterindustrie irgendwann überfordert. Wir sind ja keine Entwicklungsbude, wir wollen immer noch Halbleiter verkaufen.«

Software-Aufwände, die nicht bezahlt werden, sind bei weitem kein neues Problem für die Halbleiterindustrie, die Diskussion gibt es schon seit Jahren. Vielleicht ist die Halbleiterindustrie auch ein bisschen selbst schuld, denn über eine lange Zeit hat sie Software kostenlos in die Automobilindustrie geliefert. Doch dem widerspricht Dr. Peter Geiselhart, Member of the Board, Development und Sales bei Elmos Semiconductor, entschieden: »Die Halbleiterindustrie hat die Software ja nicht aus eigenem Antrieb kostenlos dazugegeben, sondern weil sie musste.« Wenn man als Halbleiterhersteller vor diesen zwei Alternativen steht, »entweder du liefert das und jenes dazu« oder »du lieferst gar nicht«, sind das keine wirklichen Alternativen. Außerdem hätte sich unter den Tier-Ones die Meinung festgesetzt, »Software hat keine Kosten«, so Geiselhart weiter.