Europäische Bildverarbeitungsbranche 2012 Wachstum trotz Konjunktureintrübung

Andreas Breyer, EMVA: »Die 3D-Bildverarbeitung wird sich im kommenden Jahr weiter etablieren.«
Andreas Breyer, EMVA: »Die 3D-Bildverarbeitung wird sich im kommenden Jahr weiter etablieren.«

Die Bildverarbeitungstechnik wird sich auch in den kommenden Jahren immer mehr nicht-industrielle Anwendungen erschließen. Dies ist einer der Gründe dafür, dass die europäische Bildverarbeitungsbranche trotz weltweiter konjunktureller Abschwächungstendenzen für 2012 ein Umsatzwachstum von insgesamt 5 Prozent erwartet.

Die europäische Bildverarbeitungsindustrie blickt auf ein weiteres Erfolgsjahr zurück. Nachdem sie bereits im Jahr 2010 die Umsatzrückgänge des Krisenjahres 2009 praktisch kompensierte, steigerte sie ihren Gesamtumsatz im abgelaufenen Jahr 2011 nach vorläufigen Daten um voraussichtlich 20 Prozent. Dies ist erneut ein deutliches Signal, dass Bildverarbeitung als Schlüsseltechnologie aus effizienten Produktionsprozessen nicht mehr wegzudenken ist. Die Qualitätsinspektion bleibt dabei der zentrale Prüfprozess, sei es in der Automobilindustrie als nach wie vor größter Abnehmerbranche oder in anderen industriellen Anwendungen. Darüber hinaus werden nichtindustrielle Anwendungen zukünftig ihren Anteil am Gesamtumsatz der Bildverarbeitungsbranche weiter steigern. Hierzu zählen Kundenbranchen wie die Sicherheits- und Verkehrstechnik, aber auch 3D-Anwendungen etwa in der Unterhaltungsindustrie. In der Landwirtschaft wird mit Bildverarbeitung Präzisionsackerbau betrieben, und der Einzelhandel nutzt Bildverarbeitungsanwendungen in zunehmendem Maße zur Analyse des Käuferverhaltens. Besonders großes Potenzial hat die Bildverarbeitung in der Medizintechnik. Die »Medical Discovery Tour« auf der Messe »Vision 2011« belegte die zunehmende Bedeutung dieser Branche für die europäische Bildverarbeitung eindrucksvoll.

Gerade die Medizintechnik, aber mehr und mehr auch industrielle Anwendungen etwa in der Automobilindustrie, in der Robotik und bei der Abfalltrennung werden einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass sich 3D-Anwendungen im kommenden Jahr weiter etablieren. Außerdem wird Bildverarbeitung auch 2012 dazu beitragen, dass Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien wettbewerbsfähig werden oder bleiben. So ist Bildverarbeitungstechnik erforderlich bei der Entwicklung und Produktion von Windanlagen, Solarzellen, Brennstoffzellen und effizienten Batteriespeichern. Steigende Leistungsfähigkeit, kleinere Bauformen und höhere Auflösungen sind neben den zunehmenden 3D-Applikationen generelle Trends, die eine weitere Optimierung versprechen. Hinzu kommt die zunehmende Anwendung von Beleuchtung im nicht-sichtbaren Spektrum, sei es zur Optimierung von Prüfprozessen oder zur Nutzbarmachung von Potenzialen bei Infrarot- und UV-Anwendungen etwa in der Recycling-Branche oder zur Dichtheitsprüfung von Pipelines und Stromleitungen. Bei der Auswahl der Schnittstelle trägt die EMVA (European Machine Vision Association) mit der kontinuierlichen Weiterentwicklung des GenICam-Standards zur weiteren Standardisierung bei.

Regional betrachtet dürfte die Bedeutung der asiatischen Absatzmärkte für Bildverarbeitung aus Europa auch im kommenden Jahr wachsen. Insbesondere China wird durch einen steigenden Automatisierungsgrad seinen Anteil am Gesamtumsatz weiter ausbauen und sich als wichtigster Überseemarkt nachhaltig vor Nordamerika etablieren können. In Indien wird die Bereitschaft zunehmen, in Bildverarbeitung zu investieren, etwa zur effizienteren Produktion und sicheren Verpackung von Lebensmitteln.

Was die Rahmenbedingungen angeht, wird die für den Konjunkturverlauf alles entscheidende Frage im nächsten Jahr sein, ob es dem Euroraum gelingt, die Währungs- und Bankenkrise in den Griff zu bekommen. Noch hat sich diese nicht nachhaltig negativ auf die Bildverarbeitungsindustrie ausgewirkt, etwa durch ein verändertes Kreditvergabeverhalten der Banken für Ausrüstungsinvestitionen. Allerdings wurden in Euroländern mit extrem hoher Staatsverschuldung bereits erste national geförderte Projekte zeitlich verschleppt.

Insgesamt gehen Prognosen von einer Abkühlung des Weltwirtschaftsklimas im kommenden Jahr aus, die besonders Europa treffen wird. Während das weltweite Wachstum abermals getrieben von den BRIC-Staaten auf mehr als drei Prozent geschätzt wird, blickt Europa insgesamt einem Stagnationsjahr entgegen. Deutschland wird hierbei mit einer Wachstumsrate von etwa einem halben Prozent des Bruttoinlandsprodukts bereits zu den Wachstumstreibern zählen. Auch in den USA gibt es erste Anzeichen, dass die Wirtschaftsleistung der produzierenden Industrie 2012 zurückgehen könnte. In den BRIC-Staaten wird sich das Wachstum leicht abschwächen, aber mit Raten zwischen 3,5 und 8 Prozent erneut deutlich über dem Weltniveau liegen.

Die europäischen Bildverarbeiter können optimistischer in das neue Jahr blicken. Zwar ist eine Abschwächung der Wachstumsrate wahrscheinlich, der Branchenumsatz wird aber aller Voraussicht nach auch im kommenden Jahr zunehmen, so dass von einem Wachstum von 5 Prozent ausgegangen werden kann. Dies alles kann jedoch nur eintreten, wenn die Eurokrise durch umfangreiche und glaubwürdige Konsolidierungsschritte nachhaltig entschärft wird.