Renate Pilz übergibt den Staffelstab Von der Hausfrau zur Unternehmenslenkerin

Auf der SPS IPC Drives gab Renate Pilz ihren Ausstand als langjährige Teilnehmerin und Ausstellerbeirätin – hier umringt von ihren beiden Kindern Thomas Pilz und Susanne Kunschert.

Vielen in der Automatisierungs-Branche ist sie ein Begriff: Renate Pilz, die Vorsitzende der Geschäftsführung des gleichnamigen Unternehmens. Zum Jahreswechsel ist sie im Alter von 77 Jahren in den »Ruhestand« getreten – ein guter Anlass, Stationen ihres bewegten Lebens Revue passieren zu lassen.

Markt&Technik: Ihr Ehemann Peter Pilz kam im September 1975 durch den Absturz eines Passagierflugzeugs auf dem Flug von Stuttgart nach Leipzig ums Leben. Wie haben Sie nach dem ersten Schock auf dieses tragische Ereignis reagiert?

Renate Pilz: Der Flugzeugabsturz, der meinem Mann das Leben nahm, brachte meine Familie und mich in eine Situation, für die es eigentlich keine Worte gibt. Mein Mann hatte die von seinem Vater Hermann Pilz 1948 als Glasbläserei gegründete Firma Pilz übernommen, in Richtung elektronische Automatisierungstechnik weiterentwickelt und zu internationalisieren begonnen. Und jetzt stand ich mit zwei Kindern im Alter von vier und sieben Jahren da und hatte weder von der Führung eines Unternehmens noch von der Technik Ahnung. Ich hatte zwar Ausbildung und Abitur, aber meine Rolle als Hausfrau und Mutter hat mich erfüllt.

Das Unternehmen zu verkaufen hätte in einem solchen Fall vielleicht nahegelegen, kam aber für mich nicht in Frage. Ich hatte ja gesehen, mit welcher Leidenschaft mein Mann sein Unternehmen aufgebaut hat. Er war auf seinem Gebiet ein Visionär. Das Unternehmen sollte weiterleben. Außerdem hatte mein Mann ein tolles Team an seiner Seite, das ihm über den Tod hinaus die Treue hielt – auch das war für mich eine Verpflichtung, an dem Unternehmen festzuhalten.

In welcher Situation befand sich das Unternehmen damals?

Zu der Zeit, als mein Mann tödlich verunglückte, hatte die Elektronik begonnen, allmählich in die Automatisierung vorzudringen. Er erkannte diesen Trend sehr früh: Im Jahr 1968 brachte das Unternehmen sein erstes Zweihand-Relais auf den Markt – bereits ein Produkt für die sichere Automatisierung. 1969 folgte das erste Steuerungssystem – fest verdrahtete Steuerungstechnik als Ursprung der programmierbaren Sicherheitssteuerungen. Die erste frei programmierbare Steuerung „Pitronic“ erschien dann 1978; sie markierte letztlich den Beginn von Industrie 3.0. Mein Mann hatte noch mit deren Entwicklung begonnen.

Mit welchem Hintergrund hatte Ihr Mann das Unternehmen seines Vaters übernommen und fortgeführt?

Vor dem Einstieg meines Mannes produzierte die Firma Pilz Glasapparate für die Medizintechnik und Quecksilberschaltgeräte. Sein Vater bekam dann gesundheitliche Probleme, sodass mein Mann kurzfristig einsprang und deshalb sein Studium der Elektrotechnik nicht beenden konnte. Mit seinen technischen Kenntnissen und unternehmerischem Gespür stieg er bald in die elektronische Automatisierungstechnik ein und kümmerte sich nicht nur um Produkte und deren Vertrieb, sondern etablierte schon damals auch eine Schulungs- und Applikationsabteilung sowie das Marketing. Zudem gründete er ab 1968 die ersten Auslandsniederlassungen in Frankreich, Österreich und der Schweiz.

Und wie ging es nach dem Tod Ihres Mannes weiter?

Nach seinem Tod bildete ich gemeinsam mit zwei guten Beratern, mit denen mein Mann auch schon die Gesellschaftsverträge aufgesetzt hatte, einen Beirat. Dessen erste und wichtigste Aufgabe war es natürlich, einen Geschäftsführer zu suchen. Das Unternehmen entwickelte sich gut. Ich sah meine Aufgabe im Beirat darin, das Unternehmen im Sinne meines Mannes zu lenken und mich mit der Technik einerseits und der Führung des Unternehmens und seiner Mitarbeiter andererseits vertraut zu machen. In solch einem Fall wachsen einem ungeahnte Kräfte und ein starker Wille zu.

Das Allerwichtigste war für mich jedoch immer die Familie. Und ich habe gelernt: Dass die Werte, die dort gelten, auch im Unternehmen gelten müssen. Einen Schub gegeben hat mir ein kleines Lebenswunder: Kurz nach dem Tod meines Mannes – es muss im Jahr 1976 gewesen sein - fuhr ich auf die Hannover-Messe, doch es fiel mir schwer, auf den Stand des Unternehmens zu gehen. Da kam mir eine Gruppe junger Männer entgegen, von denen einer auf meiner Höhe sagte: »Lasst uns mal schauen, was es beim Pilz Neues gibt«. Ich dachte mir, »So muss es bleiben«, und folgte ihnen.

Ende 1994 entschlossen Sie sich dazu, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen. Was war das am Anfang für ein Gefühl?

Die Führung des Unternehmens machte mir vom ersten Moment an viel Freude und wurde bald eine Selbstverständlichkeit. Die unmittelbare operative Verantwortung zu tragen war schon etwas ganz anderes als die Arbeit im Beirat. Aber meine Mitarbeiter machten mir den Einstieg leicht.

Wenn eine wichtige Entscheidung anstand, habe ich mich immer intensiv mit allen Aspekten auseinandergesetzt. Manchmal ergibt sich die richtige Entscheidung jedoch aus der Intuition. Und noch etwas: Ganz ohne Hierarchie geht es nicht, aber wir können kein hierarchisches Denken brauchen. Dann kann man mit jedem Mitarbeiter auf Augenhöhe reden. Wer das Gefühl hat, ernst genommen zu werden, versteht auch ein Nein.

Generell war es mir immer wieder eine Freude, etwas Neues zu machen und auf den Weg zu bringen. Dass dies von Erfolg gekrönt war, zeigen die Zahlen: Im Jahr 1995 erzielten wir mit 420 Mitarbeitern einen Umsatz von 54,4 Mio. Euro, 2016 waren es 2172 Mitarbeiter (am Stichtag 31. Dezember) und 306 Mio. Euro.