IDT / ZMDi Sprung von gut 6 Mrd. $ auf über 10 Mrd. $

Dr. Sailesh Chittipeddi, IDT

»Die 10 Mrd. Dollar sind noch konservativ gerechnet. 
Allein der Sensormarkt im Automotive-Segment 
beläuft sich auf 7 Mrd. Dollar. 
Wir rechnen nur mit der Hälfte davon. ZMDi hat das größte 
Produktportfolio an Signalaufbereitungskomponenten 
im Markt. Wir sind also sehr zuversichtlich, dass unsere 
Annahmen stimmen.«
Dr. Sailesh Chittipeddi, IDT: »Die 10 Mrd. Dollar sind noch konservativ gerechnet. Allein der Sensormarkt im Automotive-Segment beläuft sich auf 7 Mrd. Dollar. Wir rechnen nur mit der Hälfte davon. ZMDi hat das größte Produktportfolio an Signalaufbereitungskomponenten im Markt. Wir sind also sehr zuversichtlich, dass unsere Annahmen stimmen.«

IDT hat durch die Übernahme von ZMDi seinen adressierbaren Markt von 6 auf über 10 Mrd. Dollar erweitert. Markt&Technik sprach mit Dr. Sailesh Chittipeddi, Global Vice President of Operations und CTO von IDT, wo er im Detail diese enormen Wachstumsmöglichkeiten sieht.

Markt&Technik: Durch die Übernahme von ZMDi hat sich der von IDT adressierbare Markt von gut 6 Mrd. Dollar im Vorjahr auf nunmehr über 10 Mrd. Dollar erhöht. Wie ist so ein Sprung möglich?

Dr. Sailesh Chittipeddi: Das ist möglich, weil sich die Technologien, Produkte und Geschäfte der beiden Unternehmen hervorragend ergänzen. ZMDi ist beispielsweise ein Experte, wenn es um die Signalaufbereitung geht, IDT wiederum im Bereich Timing. Und die Kombination aus Signalconditioning und Timing bringt klare Vorteile. Ein weiteres Beispiel ist unsere drahtlose Ladetechnik. Auch hier kann die Kombination des Know-hows beider Firmen enorme Vorteile bringen. Dazu ein Beispiel: Ein Unternehmen hat ein implantierbares System entwickelt, das den Blutzuckerspiegel mithilfe von ZMDi-Produkten misst. Das Problem dabei ist, dass das System wieder herausgeholt werden muss, sobald die Batterie leer ist. Mit unserer drahtlosen Ladetechnik wäre dieser Schritt überflüssig. Das sind Applikationen, die wir langfristig mit dem kombinierten Know-how adressieren können.

Ein Punkt, den IDT bei der Übernahme ja auch betont hat, war der Zugang zum Automotive-Markt. Ist das so einfach?

IDT hat Bausteine, die sich hervorragend für Automotive-Anwendungen eignen. Das gilt besonders für den Infotainment-Bereich. ZMDi ist in diesem Markt schon lange aktiv. Jetzt können wir diesen bestehenden Kanal nutzen, um unsere Produkte in den Automotive-Markt zu verkaufen. Würden wir dieses Geschäft selbst aufbauen wollen, bräuchten wir Jahre dazu. Das Gleiche gilt aber auch für den Industriemarkt, den wir selbst auch nicht adressiert hatten. Auch in diesem Fall eröffnet uns ZMDi einen neuen Kanal und ein neues Kundenpotential.

Industrie wird aber doch typischerweise über die Distribution abgewickelt?

Ja, aber auch hier gilt: Die Distributoren haben Zugang zu Kunden, die wir gar nicht kennen. Wir müssten hier viel Geld investieren, um das selbst aufzubauen. Umgekehrt gilt aber auch, dass ZMDi durch die Übernahme Zugang zu Kunden erhält, die das Unternehmen alleine nicht adressieren konnte. Dazu zählt zum Beispiel der Mobiltelefonmarkt, den wir mit unserer drahtlosen Ladetechnik adressieren, und den ZMDi natürlich auch mit seinen Signal-Conditioning-ICs adressieren kann. Das gilt aber auch für die Nokias und Ericssons dieser Welt, die bereits unsere Kunden sind und denen jetzt auch das ZMDi-Portfolio offensteht.

Gibt es noch weitere Beispiele?

Ja. Zum Beispiel der Storage-Markt. Er ist auch ein Zielmarkt für Sensoren, den ZMDi bislang überhaupt nicht adressiert hat. Nehmen Sie das Beispiel Festplatten. Wenn diese das Ende ihres Lebenszyklus erreichen, tritt eine ganz charakteristische Vibration auf. Wenn man diese Vibration erfassen kann, dann kann man verhindern, dass das Bauteil ausfällt. Wir sind mit unseren Speicher-Interface-Produkten in den Datenzentren vertreten. Jetzt können wir auch die entsprechenden Sensoren anbieten. Für ZMDi wäre es deutlich schwieriger gewesen, diesen Kundenkreis anzugehen. Darüber hinaus passen aber auch die digitalen Power-Management-Produkte von ZMDi in diesen Anwendungsbereich. Also auch hier erweitert sich einfach das Marktpotenzial für bestehende Produkte. Das Gleiche gilt natürlich auch für die Telekommunikation. Hier ist IDT durch seine Timing-Produkte stark vertreten, dort werden aber auch Signal-Conditioning-ICs benötigt. Und umgekehrt: Denken Sie an den Automotive-Markt und das autonome Fahrzeug. So ein Fahrzeug muss man eigentlich als Server auf Rädern betrachten. Dort ist eine überraschend große Menge an DRAM, NAND-Flash, NOR-Flash und SSD-Speicher notwendig. Das heißt für uns, dass wir hier viel mehr Bausteine liefern können, quasi huckepack auf dem ZMDi-Kanal, der bereits besteht.

Aber wie sieht es mit AEC-Q100 aus?

IDT ist ein fabless Unternehmen, das heißt wir nutzen Foundries zur Fertigung unserer ICs. Und die meisten Fabs, die wir nutzen, sind bereits AEC-Q100-konform. Das einzige, was wir jetzt noch tun müssen, sind gewisse Zuverlässigkeitstests, die von der Automobilindustrie gefordert werden.

Wenn man in sicherheitskritische ADAS-Systeme liefert, müssen die Komponenten aber auch gemäß ISO 26262 entwickelt werden. Wie sieht es damit aus?

Das ist richtig. Deshalb haben wir alles, was mit dem Automotive-Markt zu tun hat, in Dresden gebündelt. Der Dresdner Standort ist unser neues Automotive-Center of Excellence für das Gesamtunternehmen. Dort haben wir ein Spitzentestlabor, das bereits ISO- und AEC-Q100-konform ist. Damit können wir problemlos als IDT im Automotive-Markt aktiv werden.

Können Sie Beispiele nennen, welche Vorteile die Kombination von Signal Conditioning und Timing bringt?

Damit sind völlig neue Funktionen zu realisieren. Nehmen wir Mobilgeräte: Mit den Signal-Conditioning-ICs kann die Signalintegrität von Druck-, Feuchtigkeits-, Temperatur-, Gas- und optischen Sensoren verbessert werden. In Kombination mit unseren Timing-Komponenten lassen sich beispielsweise Mobilgeräte entwickeln, die ihre Umgebung genau erfassen und damit in der Lage sind, ihre Leistung automatisch anzupassen. Ein weiteres Beispiel sind Geräte zur Erfassung von Fitness- und Gesundheitsdaten: Wearables und mobile Medizintechnik brauchen ein hochgradig effizientes Power-Management. Darüber hinaus müssen sie auch in verrauschten Umgebungen kommunizieren können. Hier ermöglicht die Kombination beispielsweise eine deutlich längere Batterielaufzeit, aber auch eine höhere Messgenauigkeit. Selbst der Automotive- und Industriemarkt können davon profitieren, denn Signal Conditioning ist essentiell, um Informationen aus verschiedenen Quellen zu verarbeiten und zu kombinieren. Für jede dieser Quellen ist ein programmierbares und unabhängiges Timing notwendig. Und wenn man an intelligente Fahrzeuge denkt, dann sind beide Funktionen unabdingbar.

Zurück zu dem erweiterten SAM, können Sie konkrete Zahlen nennen?

Nehmen wir nur die Kommunikationsinfrastruktur. Hier konnten wir beispielsweise nur auf der HF-Seite mithilfe neuer Produkte unseren Content von 16 über 35 Dollar erhöhen. Hinzu kommen unsere neuen Timing-Produkte. Damit kommen wir auf einen ASP pro Timing-Card von 90 Dollar. Darüber hinaus liefern wir unsere Serial-Rapid -IO-Bausteine in diesen Markt. In allen 4G/LTE-Basisstationen sitzen diese Komponenten.
Und mit ZMDi können wir auch noch das Power-Management abdecken. Wir sprechen hier von einem ASP in Höhe von 4 Dollar pro Board, wobei mehrere Boards pro BTS zum Einsatz kommen. Und mit der nächsten Technologiegeneration dürften wir auf über 20 Dollar pro Board kommen.
Der SAM von IDT lag 2013 bei etwas über 3,6 Mrd. Dollar. Dank eigener Produktentwicklung konnten wir ihn bis 2015 auf über 6 Mrd. Dollar steigern. Mit der Übernahme von ZMDi hat sich dieser Wert noch einmal auf über 10 Mrd. Dollar erhöht.
Und wir sind bei der Einschätzung des adressierbaren Marktes sehr konservativ. Allein der Automotive-Sensormarkt beläuft sich auf eine Größte von 7 Mrd. Dollar. Wir adressieren nicht den gesamten Sensormarkt, aber dennoch erhöht sich unser SAM auf über 10 Mrd. Dollar. Diese Vergrößerung ergibt sich allein dadurch, dass wir die ZMDi-Produkte an unsere bestehenden Kunden verkaufen können und umgekehrt auch unsere Produkte an bestehende ZMDi-Kunden. Weitere Synergie-Effekte sind hier noch gar nicht berücksichtigt.

Reibungsverluste aufgrund unterschiedlicher Kulturen befürchten Sie nicht?

Nein. ZMDI ist beispielsweise wie IDT fabless. Und das ist in dem Bereich, in dem ZMDi tätig ist, keine Selbstverständlichkeit. Die meisten anderen Sensorhersteller wie beispielsweise Elmos oder Melexis haben ihre eigene Fab, auch wenn Melexis sich selbst als fabless bezeichnet, aber die Eigentümer von Melexis sind die gleichen wie von XFab.

Im Automotive-Markt ist aber genau die eigene Produktion ein Argument, das Hersteller als Pluspunkt verwendet.

Das stimmt, aber dieses Argument verliert an Bedeutung. Schauen Sie sich die Größe von TSMC an, das kann ja wohl kaum einer toppen. Second Source ist bei TSMC auch kein Problem, denn die Foundry verfügt über unendlich viele Fabs. Das Argument, das für eine eigene Fabrik spricht, wird also immer schwächer. Dass das stimmt, zeigt auch, dass selbst NXP als größter Automotive-Supplier Foundries nutzt.

Eigene Fabs sind speziell bei CMOS-Technologien mit kleinsten Geometrien ein Problem.

Aber TSMC unterstützt auch BCD, und TSMC macht ziemlich sicher einen besseren Job in der Organisation von Fabs als andere Hersteller. TSMC ist schließlich ausschließlich auf die Fertigung fokussiert.
Aber noch mal: Eigene Fertigungsanlagen sind eine Belastung. Schauen Sie, selbst ein Unternehmen wie Cypress, das Spansion übernommen hat, hat während seiner letzten Quartalsergebnisse die Auslastung seiner Fabriken mit 55 Prozent beziffert. Zugegeben, letztes Jahr war ein schlechtes Jahr, aber das ist für eine zyklische Industrie normal, und das ist eben genau das Problem, wenn man seine eigenen Fabriken hat.

Wären wir ein Multi-Milliarden-Unternehmen wie NXP oder TI, dann würden wir vielleicht eine engere Partnerschaft mit einer Foundry eingehen, beispielsweise Anteile an den Kapazitäten übernehmen, aber aus unserer Sicht ist das derzeitige Verhältnis perfekt. Wir bekommen genau das, was wir wollen. Hinzu kommt, dass TSMC selbst im Automotive-Markt Fuß fassen will. Das heißt es ist für uns ziemlich einfach, zu zeigen, dass die Versorgung mit der entsprechenden Qualität problemlos funktioniert.
IDT hat den Vorteil, dass wir das Equipment aus unseren Fabriken und die Prozesse an TSMC verkauft bzw. transferiert haben. Damit ist unsere sehr gute Partnerschaft mit TSMC also auch historisch begründet.

Heißt das, dass IDT das Foundry-Geschäft, das ZMDi mit XFab hat, zu TSMC transferieren will?

Nein, wir wollen die Fertigung bei XFab erhalten, keine Frage. Auch bei XFab stellt sich das Problem mit Second Source nicht.

Jetzt muss also nur noch integriert werden – in vielen Fällen das größte Problem bei Übernahmen.
IDT ist wie ZMDi ein Ingenieursunternehmen und kein finanzgetriebenes Unternehmen. Das heißt, dass es bei der Übernahme von ZMDi nicht um Synergien hinsichtlich Kosten ging, was bei vielen anderen M&As ganz häufig als Argument angeführt wird. Bei unserer Übernahme ging es um die Produkte und Technologien und wie beide Unternehmen ihren Marktanteil erhöhen können.
IDT hat seinen adressierbaren Markt durch neue Produktentwicklungen erhöht. Selbst wenn wir auf diesem Niveau bleiben, würde der Umsatz deutlich wachsen, weil der TAM viel größer ist. Das ist ein enormer Vorteil bei dieser Übernahme.
Wir haben ein sehr gutes Technologieunternehmen gekauft, mit einem hervorragenden Ingenieurs-Team – es hat Weltklasseniveau, egal ob in München, Dresden, Sofia oder Warna. Hinzu kommt, dass einige Ingenieure von ZMDi sehr breit aufgestellt sind: Sie können nicht nur ein Chip-Design durchführen, sondern bis zu einem gewissen Maß auch Applikations-Support leisten und Code entwickeln. Diese Flexibilität ist ziemlich schwierig zu bekommen, speziell im Silicon Valley. Das ist für uns von Vorteil, und wenn wir es richtig anstellen, dann gehört diese Übernahme sicherlich zu den erfolgreicheren in der Halbleiterindustrie.
Das Interview führte Iris Stroh