Kommentar Siemens baut um statt umgebaut zu werden

Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik
Heinz Arnold, Editor-at-Large, HArnold@weka-fachmedien.de

Wer nicht von anderen zerschlagen und filetiert werden will, der muss das selber tun.

In der Hoffnung, dass das Management wenigstens noch ein Teil der Bedingungen selber bestimmen kann, bevor andere zu Vorschlaghämmern und ähnlichen chirurgischen Instrumenten greifen, um als träge betrachtete Konzerne so um zu operieren, dass die das vermeintlich beste Ergebnis für die Investoren liefern. Zu welch chirurgischen Leistungen so manche aktivistischen Investoren fähig sind, haben sie weltweit demonstriert und zeigen es gerade hierzulande wieder einmal in beeindruckender Weise.

So kann die Strategie Vision 2020+ von Siemens auch als Flucht nach vorne interpretiert werden. Was ja nicht schlecht wäre, wen sie in die richtige Richtung geht.  Nicht wenige Experten dürften Joe Kaeser jedenfalls zustimmen, wenn er sich inmitten der größten Veränderung in der Industriegeschichte sieht. Nicht ohne Stolz verkündet er, dass die Strategie »Vision 2020« über die vergangenen vier Jahre  bereits zu schönen Erfolgen geführt habe, dass man nun aber nicht auf halbem Wege stehen bleiben dürfe.

Die Zeiten, in denen Prozesse so stabil waren, dass sie innerhalb großer Konzerne langfristig optimiert werden konnten, sind vorbei. Mit Industrie 4.0 und der digitalen Transformation kommen den kleinen, schlagkräftigen, unternehmerisch denkenden und schnell agierenden Einheiten höhere Bedeutung denn je zu. Das Erreichte muss in Zeiten solcher Umbrüche immer wieder neu überdacht werden, neue Geschäftsmodelle können nur kleine Einheiten schnell aufnehmen und umsetzen. Das merken selbst die Unternehmen, die die Chancen der digitale Revolution früh erkannt und umgesetzt haben wie Amazon, Apple, Facebook und Google, und die nun aufpassen müssen, dass die Kinder ebendieser Revolution sie nicht fressen.

Gern greifen die Unternehmen zum Bild der von Darwin entworfenen Evolutionstheorie zurück, um die komplexen Vorgänge zu beschreiben. »Nicht die größten Unternehmen werden überleben, sondern die anpassungsfähigsten«, sagte Joe Kaeser zur neuerlichen Strategie des Umbaus von Siemens. Wer assoziiert da nicht den Untergang der großen unbeweglichen Dinosaurier und den Ausstieg der agilen kleinen Säuger?

Doch bevor sich der Betrachter in den oberflächlich so eingängigen Bildern des Vulgärdarwinismus verliert, sollte er die Frage stellen, um was es wirklich geht. Es geht nicht nur darum, hier und da mal etwas besser zu sein, es geht ums Überleben. Die Unternehmen müssen sich auf allen Ebenen ändern. Häufig werden sie zerschlagen noch bevor sie am Markt so richtig scheitern können. Oft würden notwendige Veränderungen solange vermieden, bis Unternehmen sichtbar in Schwierigkeiten gerieten, so Kaeser. Dann sei es zu spät. Also muss sofort gehandelt werden: Umbau, am besten permanent.

Damit aktivistischen Investoren zusätzlich ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen, ist sicherlich ein schöner Effekt. Dann kann der Unternehmer sogar an das große Ganze denken, auch dazu findet sich in der Pressemitteilung von Siemens zur Vision 2020+ ein nicht nur grammatikalisch interessanter Satz: »Ein noch stärkeres Siemens kann auch seiner gesellschaftlichen Verantwortung besser gerecht werden.«