Ethische Aspekte künstlicher Intelligenz KI-Systeme müssen mit offenem Visier agieren

Markus Dohm, TÜV Rheinland: »Bisher ist es niemandem gelungen, eine KI zu programmieren, die die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen auch nur annähernd simulieren kann.«
Markus Dohm, TÜV Rheinland: »Bisher ist es niemandem gelungen, eine KI zu programmieren, die die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen auch nur annähernd simulieren kann.«

In KI werden große Hoffnungen gesetzt, aber ihre ethische Dimension bleibt bisher oft unterbelichtet. Markus Dohm, Executive Vice President Academy & Life Care bei TÜV Rheinland, beleuchtet kritisch aktuelle Entwicklungen durch KI. Sein Fazit: Ohne den Faktor Mensch geht es (noch) nicht.

Über die menschliche Intelligenz forscht die Wissenschaft seit Jahrhunderten und versucht, eine allgemein gültige Theorie zu formulieren. Sie wird sprachlich oft als Oberbegriff für kognitive Leistungen des menschlichen Gehirns verwendet. Stark verkürzt subsumieren Psychologen darunter die Fähigkeiten des Menschen, sich selbst und seine Umwelt wahrzunehmen, Informationen zu identifizieren und zu differenzieren, sie zu verarbeiten und daraus logische Schlussfolgerungen, Erkenntnisse und Handlungsoptionen abzuleiten. Übertragen auf einen Computer bedeutet diese fluide Intelligenz praktisch die Verarbeitungsgeschwindigkeit und -kompetenz sowie die Speicherkapazität im Arbeitsgedächtnis. Selbstlernende Algorithmen verfeinern KI-Systeme, und mit ihrer Anwendung sollen diese immer besser werden. Unternehmen mit KI-Systemen unterliegen Compliance-Richtlinien, Grundsätzen guter Unternehmensführung und allgemein gesellschaftlicher Erwartungen.

Vielfach begegnen Internet- und vor allem Smartphone-Nutzern im Alltag KI-Systeme, ohne dass sie erkennbar wären. Eine Studie des amerikanischen Software-Unternehmens Pega ergab beispielsweise, dass nur 33 Prozent der weltweit 6000 Befragten bewusst ist, wenn sie KI-Lösungen nutzen. De facto nutzen aber 77 Prozent KI-Systeme. Dies beginnt schon bei der Anfrage bei einer Suchmaschine oder beim Einkaufen auf den großen Handelsplattformen, wo die Kaufempfehlungen längst einen beträchtlichen Umsatzanteil einbringen. Auch bei der Gesichtserkennung auf dem Smartphone oder bei einer Plauderei mit Siri, Cortana oder Alexa arbeitet im Hintergrund KI. Beeindruckende KI-Lösungen stehen hinter Übersetzungs- und Diktierprogrammen sowie solchen, die natürliche Sprache in Text umwandeln und umgekehrt selber in natürlicher Sprache Unterhaltungen führen können. Solche Chatbots genannten Programme geben telefonische Auskunft, arbeiten auf Websites, um eine menschliche Interaktion zu simulieren. Auch in Navigationsgeräten sind im Hintergrund KI-Lösungen tätig. Und im Auto von morgen sorgt KI zusammen mit einer Unzahl von Sensoren und Aktoren für autonomes Fahren.

Segensreich ist KI heutzutage schon in Wissenschaft, Medizin, Marketing und selbst für Juristen, wenn sie große Datenbestände durchforsten, um bei einem vorgegebenen Problem Lösungen zu finden. In der Krebstherapie analysiert KI Röntgen- oder CT-Aufnahmen, um sie mit Abertausenden Aufnahmen zu vergleichen und einen Tumor zu identifizieren. In vielen Forschungsgebieten kommt KI als Hilfswissenschaftler zum Einsatz, indem sie beispielsweise riesige Datenmengen wie bei der Genanalyse in Windeseile abgleicht. KI arbeitet als Anwaltsgehilfe und durchwühlt Urteilsdatenbanken. Und die ersten Text-KIs können sogar schon einfache Texte schreiben, wenn sie etwa Börsen- oder Sportnachrichten automatisch zu Standardtexten zusammenfügen. Im Marketing analysiert KI Verbraucherverhalten; Datenanalysen ermitteln Umsatzpotenziale, liefern personalisierte Werbung aus und stellen den Marketern Grundlagen für deren Gestaltung zur Verfügung. Allesamt Leistungen, die ohne „menschliche“ Fachkräfte und entsprechende Qualifikationen gar nicht denkbar wären. Aber ist das schon künstliche Intelligenz? Oder führt der Begriff in die Irre, wenn lediglich große Datenmengen mit immer leistungsfähigeren Rechnern ausgewertet werden?