Hilschers Edge-Gateways Industriekommunikation 4.0 – schon Realität

Hans-Jürgen Hilscher, Hilscher
Hans-Jürgen Hilscher, Hilscher GmbH: »Unsere Kommunikationslösungen können Daten und Informationen aus dem Netzwerk erfassen, übertragen und untersuchen, und zwar von der untersten Ebene im Feld bis ganz hoch zur Unternehmensleitebene.«

Der Industriekommunikationstechnik-Hersteller Hilscher GmbH hat sich in den beiden letzten Jahren hauptsächlich auf Industrie 4.0 und das IIoT konzentriert – mit einer kompletten Kommunikationslösung vom Sensor bis zur Cloud und mit Ergänzungen seiner Netzwerk-Controller-ASIC-Familie netX.

Hans-Jürgen Hilscher, geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens, nimmt dazu Stellung.

Markt&Technik: Auf der SPS IPC Drives 2015 hat Ihr Unternehmen die, wie Sie damals sagten, erste komplette Kommunikationslösung für Industrie 4.0 vom Sensor bis zur Cloud vorgestellt. Wie ist sie am Markt angekommen?

Hans-Jürgen Hilscher: Die Resonanz auf die Industrie-4.0-Lösung hat uns sehr überrascht: Wir hatten es uns schwieriger vorgestellt, damit im Markt Fuß zu fassen. Sehr erfreulich ist, dass wir jetzt bei IBM und SAP in IIoT-Projekte hineinkommen: Wir fungieren mittlerweile als Partner der beiden Unternehmen für die Datenaggregation. Gemeinsam mit SAP haben wir einen Software-Connector zu deren Asset Intelligent Network (AIN) entwickelt. Mit ihm lassen sich die identifizierten Netzwerkstrukturen und die daran angeschlossenen Geräte in die SAP-Welt übertragen, um damit logistische Prozesse zu steuern.

Es ist uns also gelungen, als Experte für das Daten-Handling nicht mehr nur auf der Steuerungs- und Feldebene, sondern auch auf der oberen Ebene wahrgenommen zu werden. Auf den größeren Messen ist dies schon sichtbar, was uns die Tür für weitere Projekte öffnet. Momentan haben wir mehrere Referenzprojekte in verschiedenen Branchen am Laufen. Auch in der Automobilbranche sind wir mit unseren Edge-Gateways vertreten; sie erfassen und übertragen dort Daten für Predictive Maintenance. Für unsere Edge-Gateways, bei denen es sich um Schnittstellen zwischen IT und OT handelt, haben wir mittlerweile sogar Brandlabeling-Partner gefunden.

Zu Ihrer Kommunikationslösung vom Sensor bis zur Cloud gehört nicht nur das Embedded-IoT-Kommunikationsmodul „netIC IOT“, sondern auch – wie schon erwähnt – eine Serie von Edge-Gateways. Kurz vor der SPS IPC Drives 2017 haben Sie die Edge-Gateways auf die Raspberry-Pi-Plattform gesetzt. Welche Zielgruppen haben Sie damit im Blick?

Die Edge-Gateways auf Basis des Raspberry Pi 3 sind eine Ergänzung zu unseren anwendungsfertigen Edge-to-Enterprise-IoT-Gateways der Serie „netIOT Edge“. Wir haben sie im vergangenen Oktober vorgestellt und bis jetzt immerhin etwa 500 Exemplare verkauft. Mit einem netX-Controller ausgestattet, bilden die Geräte als Docker-Container eine industrietaugliche Plattform im Sinne des Open-Innovation-Gedankens. Die Kunden sind für die Software selbst verantwortlich; sie können eigene oder Open-Source-Software nutzen und wir liefern ihnen dafür quasi die Schnittstelle. Die Netzwerkkommunikationstechnik ist vorhanden und die Anwender laden die gewünschte Software hinein.

Es lag nahe, die Raspberry-Pi-3-Gateways über Amazon auch der Maker-Szene anzubieten – ein für uns neuer Vertriebskanal, der sich aber als sehr effizient erwiesen hat. Denn die Geräte werden in den entsprechenden Internet-Foren diskutiert, sodass auch der eine oder andere OEM darauf aufmerksam wird. Es gibt etliche solcher Foren, auf denen Maker oder auch Studierende über Anwendungen berichten, die sie erstellt haben. Mit den Edge Gateways auf Raspberry-Pi-3-Basis haben wir also direkt die Maker-Szene im Blick und indirekt die OEMs.

Welche Rolle spielt das Open-Source-Software-Framework „Docker“ in Ihren Edge-Gateways?

Für das Docker-Framework haben wir eine Programmierschnittstelle erstellt. Sie ermöglicht einen sicheren Einsatz von Drittanbieter-Software zur Vorverarbeitung der Daten nicht erst „in the Cloud“, sondern schon „at the Edge“, was viele Kunden explizit wünschen.

Neu im Portfolio Ihres Unternehmens ist auch die Netzwerk-Analyse. Wie ist sie konkret ausgestaltet?

Wir haben unsere Edge-Gateways der Serie „netIOT Edge“ vor Kurzem mit Netzwerk-Analysefunktionen ausgestattet. Die Geräte können alle Daten, die durch sie hindurchgelangen, auf Anomalien im Netzwerk hin untersuchen und Daten daraus aggregieren. Auswerten lassen sich die Daten dann entweder direkt vor Ort oder in der Cloud. Durch das passive Mithören sind wir schon physikalisch völlig rückwirkungsfrei auf die Kommunikation des Ethernet-Netzwerks. Sogar im ausgeschalteten Zustand läuft die Kommunikation ungehindert weiter und erlaubt beispielsweise das Aktualisieren der Filterregeln im laufenden Betrieb. Mit dieser Funktion sind wir ziemlich allein am Markt.

Apropos „allein am Markt“: Wo liegen die Alleinstellungsmerkmale Ihres Unternehmens und seiner Industrie-4.0-Kommunikationslösung?

Unsere Kommunikationslösungen können Daten und Informationen aus dem Netzwerk erfassen, übertragen und untersuchen, und zwar von der untersten Ebene im Feld bis ganz hoch zur Unternehmensleitebene. Große Netzwerkausrüster wie etwa Cisco und Dell sind nicht auf der untersten Ebene präsent. Wir bieten dagegen Funktionen an, die über das Netzwerk auch Daten aus Peripheriegeräten und Sensoren auslesen, die über IO-Link an IP67-Feldgeräten angeschlossen sind.

Wie überträgt das Embedded-IoT-Kommunikationsmodul „netIC IOT“ die Daten vom Sensor zur Cloud?

Als Kommunikationsprotokolle für die Datenübertragung vom netIC IOT zur Cloud dienen OPC UA und MQTT. Das netIC IOT entnimmt die Daten direkt der Applikationsschnittstelle des Industrial-Ethernet-Protokolls oder bekommt sie zusätzlich übergeben und überträgt sie an der SPS vorbei in die Cloud. Industrial-Ethernet- und OPC-UA- oder MQTT-Kommunikation sind also in ein und demselben Kabel möglich.