Bilanz der SPS IPC Drives 2017 Automatisierung und IT verschmelzen

Industrie-4.0-/IIoT-Retrofit als Alternative?

Industrie 4.0 und IIoT betreffen natürlich nicht nur neue Produktionsstätten, sondern auch bestehende. Viele mittelständische Unternehmen können und wollen die Investition in komplett neue Produktionsanlagen mit IIoT-Connectivity nicht auf sich nehmen, wenn sie sich nicht darauf verlassen können, dass die Investition sich letztlich rechnet. Für sie bietet sich Industrie-4.0- oder IIoT-Retrofit an – ein Thema, das heuer erstmals auf einer SPS IPC Drives so richtig in Schwung kam und mit vielen verschiedenen Lösungen vertreten war.

Turck duotec etwa präsentierte das Retrofit-Modul „duoSol-I-xCom“, das auf dem Embedded-Board „duoMod-I-AM335x“ beruht und für den Einbau in Schaltschränke gedacht ist. Im Systemverbund mit einer Steuerungs-Software bildet das Modul eine Komplettlösung, die unter anderem Produktionsprozesse überwacht, kontrolliert, auswertet und insgesamt effizienter macht. HMS Industrial Networks stellte das IIoT-Gateway „eWON Flexy 205“ vor, das außer dem sicheren Fernzugriff auch Alarm-Management, Erfassung von Maschinendaten, Aufzeichnung historischer Daten und Erhebung von Key-Performance-Indicators beherrscht. Die Daten werden aus der Steuerung erfasst – Treiber für Steuerungen wichtiger Hersteller sind vorhanden – und per OPC UA, MQTT oder HTTPS in die Cloud übertragen.

Die Industrie-4.0-Daten-Retrofit-Lösung von SSV Software Systems beruht darauf, bestehende Maschinen oder Anlagen mit passenden Sensoren nachzurüsten und mit einem IIoT-Gateway wie dem IGW/936 von SSV zu verbinden. Nach einer Vorverarbeitung und Verdichtung der Daten im Gateway gelangen sie via OPC UA lokal an IT-Systeme wie ERP und MES oder per REST und MQTT an einen oder mehrere Cloud-Services.

Einfaches IoT-Retrofit haben sich auch Delta Logic und Schildknecht für ihre neue Kooperation auf die Fahnen geschrieben. Hierfür portiert Delta Logic seine Kommunikationsbibliothek „Accon-AGLink“ auf das IoT-Edge-Gateway „Dataeagle“ von Schildknecht. »Wir freuen uns, dass wir unseren Kunden dank Accon-AGLink in Zukunft die Möglichkeit bieten können, bereits installierte Steuerungen, die zuvor über keine Cloud-Connectivity verfügten, zu einer horizontalen Vernetzung im Sinne von Industrie 4.0 quasi im Handumdrehen aufzurüsten, ohne dass irgendeine Änderung in der Steuerung vorgenommen werden muss«, betont Thomas Schildknecht, Vorstand der Schildknecht AG. »Dank der global akzeptierten eSIM-Karte im Dataeagle sind wir in der Lage, die Daten von weltweit installierten Siemens-Steuerungen aufzunehmen, vor Ort bereits zu verarbeiten, per Mobilfunk an die Cloud zu versenden und auf einem Portal anwenderfreundlich darzustellen.«

Im Zuge von Industrie 4.0 und der Umrüstung kommt dem Netzwerk-Management einschließlich der Überwachung auf Stabilität und Sicherheit eine wesentlich größere Bedeutung zu, als ihm derzeit in der Automatisierung beigemessen wird. Durch TSN verliert die SPS ihre zentrale Stellung in der Netzwerküberwachung, und das Netzwerk wird Mittel zum Zweck. »Dem Switch wird künftig eine zentrale Rolle zukommen, die viele der derzeit am Markt verfügbaren nicht erfüllen«, mahnt Karl-Heinz Richter, Geschäftsführer für Marketing & Vertrieb der Indu-Sol GmbH. »Wer den Switch liefert, muss Verantwortung für das Netz übernehmen.« Mit dem Switch „PROmesh P9“, den Indu-Sol auf der SPS IPC Drives präsentiert hat, legt das Unternehmen den Grundstein dafür, dieser Entwicklung zu begegnen. So greift der Switch neben einer Bedienoberfläche per Web-Interface auch ein Thema auf, das im IT-Bereich so gut wie nicht auftaucht, in der komplexen Automatisierungstechnik aber durchaus zu beachten ist: Potenzialausgleichsströme, die über den Schirm der Datenleitungen in den Switch abgeleitet werden.

Mit einer kontinuierlichen Messung des Switchs über das gesamte Frequenzspektrum (20 kHz) sowie einer Erfassung von Mittelwerten (RMS-Messung) und Spitzenwerten (Peaks) lassen sich Ursachen und Zusammenhänge für EMV-Störungen einfacher nachvollziehen. Transparenz, Verfügbarkeit und Sicherheit sind zentrale Bestandteile von Industrie 4.0, auch bei bestehenden Anlagen. Als Antwort auf diese Herausforderungen präsentierte Rhebo seine Sicherheits- und Monitoring-Lösung „Rhebo Industrial Protector“ sowie seine Dienstleistung Rhebo Industrie 4.0 Stabilitäts- und Sicherheitsaudit (RISSA). Die selbstlernende Anomalie-Erkennung gewährleistet Transparenz in Steuernetzen und Echtzeiterkennung von Veränderungen in der Steuerkommunikation, die potenziell zu Störungen oder Produktionsausfällen führen können.

»Um eine automatisierte Fertigung effizienter zu machen, reicht es nicht, nur die Prozesstaktung zu erhöhen oder neue Robotik einzuführen«, betont Klaus Mochalski, CEO von Rhebo. »Die dringendste Frage ist, wie man eine Übersicht über sein Steuernetz bei all diesen Maschinen erhält, die miteinander kommunizieren. So werden die Herausforderungen der Verschmelzung von Fertigung und IT für Unternehmen organisier- und überschaubar.« Entscheidend sei dabei, dass die Beobachtung passiv erfolge und garantiert keine Rückwirkung auf die bestehenden Netze habe und eine Installation im laufenden Anlagenbetrieb möglich sei.