Mobility as a Service App schafft soziale Distanz, um Corona einzudämmen

Boyd Cohen, CEO von Iomob: »Ein Schlüsselelement für die Eindämmung des Coronavirus ist es,  für die angemessene Distanz der Personen in den Transportsystemen zu sorgen, so dass das Risiko der Ansteckung minimiert wird.«
Boyd Cohen, CEO von Iomob: »Ein Schlüsselelement für die Eindämmung des Coronavirus ist es, für die angemessene Distanz der Personen in den Transportsystemen zu sorgen, so dass das Risiko der Ansteckung minimiert wird.«

Mit einem speziellen Filter ausgestattet, macht die App von Iomob öffentliche und private Transportsysteme in Corona-Zeiten sicherer.

Am 13. März hat die EU Start-up-Unternehmen dringend aufgerufen, Ideen und Konzepte vorzulegen, mit deren Hilfe der Coronavirus-Krise begegnet werden könnte. »48 Stunden später hatten wir ein vollständiges Konzept eingeschickt, unser Management hatte praktisch ununterbrochen daran gearbeitet, um 30 Seiten einschließlich eines Finanzierungsmodells fertigzustellen«, sagte Dr. Boyd Cohen,  Mitgründer und CEO von Iomob, im Interview mit Markt&Technik. »Und das, obwohl wir alle an unserem Standort in Barcelona in Quarantäne sitzen und jeweils von zu Hause aus arbeiten.« In dieser Zeit ist es Iomob sogar gelungen, 16 weitere europäische Transportorganisationen zu gewinnen, die dem Konzept ihre Unterstützung zugesichert haben. Bis zum darauffolgenden Freitag hatte sich die Zahl der Unterstützer sogar noch auf 22 erhöht.  

Denn Boyd Cohen fühlte sich sofort angesprochen und sah es als eine große Chance für seine Firma an: »Im Moment gibt es ja viele Ratgeber, die Start-ups empfehlen, Mitarbeiter abzubauen und die Krisenzeit im Winterschlaf möglichst zu überleben.« Doch das entspricht ganz und gar nicht der Mentalität des Amerikaners: »Innovate don´t hibernate«, lautet sein Motto. Dazu fühlte er sich als CEO eines Start-ups, das Mobilität als Service (Mobility as a Service, MaaS) anbietet in genau der richtigen Position. Denn die Transportunternehmen, unabhängig davon, ob sie privat oder öffentlich betrieben werden, sind sehr interessiert daran, ihre Systeme so auszulegen, dass sie für Personen, die trotz der Corona-Krise auf den öffentlichen Transport angewiesen sind, möglichst sicher sind.

»Ein Schlüsselelement dabei ist, für die angemessene Distanz der Personen in den Transportsystemen zu sorgen, so dass das Risiko der Ansteckung minimiert wird«, so Cohen. Die gute Nachricht: Dies lässt sich relativ einfach bewerkstelligen, solange nur ein weiterer Filter in die bereits vorhandene MaaS-App von Iomob integriert wird. Denn das 2017 gegründete Unternehmen mit operativem Sitz in Barcelona hat vor fünf Monaten seine erste MaaS-Plattform auf den Markt gebracht und sie nun um die »COREMaaS« (COvid19-REsilent MaaS) erweitert. Iomob (der Name kommt von IoT Mobility) wollte sich dadurch differenzieren, dass praktisch alle am Personentransport beteiligten Unternehmen eingebunden werden können: Von Anbietern von Scooter- und Fahrraddiensten über Taxifirmen bis zu Bussen, U-Bahnen, Zügen und Fluglinien. Genau das sind die Kunden von Iomob, die Betreiber von Personenbeförderungsdiensten, so Cohen: »Unsere Plattform zielt auf Business-to-Business- und Business-to-Government-Kunden ab, wir bieten keine Business to Consumer-Systeme.«

Viele kleine private Transportanbieter sind daran interessiert, möglichst gut in die großen Systeme, etwa von Eisbahnbetreibern, eingebunden zu werden. Genau das leistet die Plattform: Die Endnutzer können ihre Wege unter Einbeziehung aller zur Verfügung stehenden Transportmittel planen, bestellen und bezahlen. »Wir haben von Anfang an höchsten Wert auf diese tiefe Integration gelegt, weil dies das System für die Endanwender so einfach macht, dass sie es auch wirklich nutzen. Sie müssen unsere App weder für die Bestellung noch für die Bezahlung verlassen, über die Grenzen aller Transportsysteme hinweg.« Dass es sich um ein robustes und einsatzfähiges System handelt, hat der Einsatz bei der spanischen Bahngesellschaft Renfe schon gezeigt, demnächst wird Skane Trafiken »COREMaaS« einsetzen.

Um die Informationen über die Belegung  der jeweiligen Transportmittel schnell zu erhalten, setzt Iomob auf Crowdsourcing. Boyd Cohen gibt zwar zu, dass die Verlässlichkeit der Informationen umstritten ist, die darauf beruht, dass die einzelnen Nutzer entsprechende Meldungen überhaupt verschicken, und dass es sich um wahre Meldngen handelt. Deshalb habe sich Iomob in dieser Frage von Crowdsourcing-Spezialist Six Fingers beraten lassen, um ein System zu entwickeln, das die Nutzer gerne heranziehen. Außerdem hätten im Moment alle ein großes Interesse daran zu helfen, so gut es ginge. Zudem spiele der Eigennutz eine Rolle: Wer darauf bauen kann, dass alle ehrlich über die Belegung der Verkehrsmittel Auskunft geben, profitiert am Schluss selber davon. Und auch die Betreiber, die »CORE MaaS« einsetzen, hätten ein Interesse daran, dass die Transportsysteme für alle Nutzer zuverlässig funktionierten.

Wer das System nutzt, dem zeigt es den Belegungsgrad an: Grün steht für 20 Prozent, gelb für 20 bis 40 Prozent und rot für eine Belegung von über 40 Prozent. Das System schlägt nur solche Alternativen vor, die für den  Nutzer sicher sind. Wartet jemand beispielsweise an der Bushaltestelle auf den nächsten Bus, so wird ihm ein stark belegter »roter« Bus erst gar nicht angezeigt, er wartet dafür eben 10 Minuten länger, bis der nächste kommt, der »grün« ist. Oder es werden ihm andere Routen gezeigt, in denen die Verkehrsmittel weniger belegt sind.  Oder nur solche Verkehrsmittel, in denen Desinfektionsmittel zur Verfügung stehen.

Boyd Cohen denkt aber schon über die Krise hinaus: »Es zeigt sich, dass es eine Reihe von weiteren Anwendungsmöglichkeiten für unsere CORE MaaS-Erweiterung gibt.« So können Personen mit einem schwachen Immunsystem die App nutzen, um ihr Ansteckungsrisiko zu verringern und Personen, die unter Klaustrophobie leiden, können sie genauso nutzen, wie Personen, die aus anderen Gründen größere Menschenansammlungen vermeiden wollen.