Weidmüller wieder ein Automatisierer Andere Zeiten erfordern Strategiewechsel

Michael Matthesius, Weidmüller: »Wir gehen fest davon aus, dass wir auch in den nächsten Jahren in den Bereichen Automatisierung und Digitalisierung stark wachsen werden.«

Anfang der 2000er-Jahre stieg Weidmüller aus der Automatisierungstechnik aus, aber jetzt – Industrie 4.0 im Blick – engagiert sich das Unternehmen dort wieder stark. Michael Matthesius erläutert die Hintergründe; er leitet den Geschäftsbereich Automation Products & Solutions der Weidmüller-Gruppe.

Markt&Technik: Herr Matthesius, Sie sind bei Weidmüller für die Entwicklung von Automatisierungs- und Digitalisierungslösungen verantwortlich. Aus welchen Beweggründen ist das Unternehmen mit dem „u-mation“-Portfolio wieder in die Automatisierungstechnik eingestiegen?

Michael Matthesius: Wir haben den ersten Schritt, der intern lange vorbereitet wurde, schon 2013 mit der Vorstellung des Remote-I/O-Systems „u-remote“ gemacht. Seitdem haben wir das Portfolio nach und nach weiter ausgebaut und mit u-mation ein umfangreiches Angebot für unsere Kunden geschaffen. Die ersten Überlegungen dazu gab es, als immer klarer wurde, dass wir uns vom reinen Komponentenhersteller stärker zum Lösungsanbieter entwickeln müssen. Wir haben sehr früh gesehen, dass die reine Komponente künftig eine ganz andere Rolle spielen wird. Moderne Fertigungsanlagen zeichnen sich durch hohe Flexibilität, dezentrale Strukturen und kommunikationsfähige Komponenten aus – ihre Automatisierungskonzepte sind komplex. Eine schnelle und zuverlässige Datenübertragung bildet das Rückgrat dieser Fertigungsanlagen und Maschinen. Hier spielte damals auch das Thema Industrie 4.0 eine Rolle. 2013 haben wir dann eine eigene Division dafür gegründet.

Woraus besteht das Automatisierungs- und Industrial-IoT-Portfolio von Weidmüller derzeit? Welche Komponenten sollen in absehbarer Zeit folgen?

Wir haben schon verschiedene Anwendungen und Use-Cases entwickelt: Anbindung von Maschinen und Anlagen an die Cloud, Energie-Monitoring als Service, IoT-Service-Plattform zur Entwicklung von Geschäftsmodellen oder vorausschauende Instandhaltung. All dies sind nur Beispiele für die vielen Anwendungsfelder von morgen. Dabei helfen wir unseren Kunden mit unserem Know-how, sodass sie langfristig selbst in der Lage sind, Projekte zu entwickeln. Grundsätzlich unterscheiden wir dabei zwischen Greenfield- und Brownfield-Projekten.

Bei Greenfield-Projekten geht es darum, eine vollständig digitalisierte Maschine oder Anlage neu zu bauen, bei Brownfield-Projekten ist der Anlagen- und Maschinenpark meist noch nicht Industrial-IoT fähig. Letzteres trifft heutzutage auf den Großteil der installierten Basis zu. Daher kommt dem Thema Retrofitting, also dem digitalen Nachrüsten von Maschinen und Anlagen, mittlerweile eine zentrale Bedeutung zu. Hier werden keine Eingriffe an der installierten Automatisierungstechnik vorgenommen, sondern vielmehr parallele Strukturen aufgebaut. Für diesen Bereich bieten wir mit unserem offenen, individuell skalierbaren Automatisierungs- und Digitalisierungsportfolio u-mation ein großes Sortiment.

Das Herzstück bildet „u-control“, unser IoT-Controller. Das integrierte Engineering-Tool „u-create“ auf Web-Basis erfordert für die Programmierung gemäß IEC 61131-3 nur einen HTML5-Browser. Dies ermöglicht den Maschinenzugriff von überall und mit jedem Endgerät. Ein weiterer Vorteil: Die offenen Web-Techniken ermöglichen die Unabhängigkeit von Geräten und Betriebssystemen. Als Schnittstelle zwischen u-control und der Feldebene bieten wir unser bekanntes, modulares I/O-System u-remote. Feldbuskoppler für die gängigsten Bus- und Kommunikationssysteme sowie Safety-Module und Stepper-Modul ermöglichen Lösungen für eine Vielzahl von Applikationen. Unsere Multitouch-Panels der Serie „u-view“ sorgen für eine optimale Visualisierung auf Basis von Web-Techniken.