Vielfältige Ingenieur-Karrieren

Der Ingenieur-Beruf ist abwechslungsreich und kreativ – so bewerten Berufseinsteiger laut einer aktuellen VDE-Studie ihre Aufgaben. Über Ingenieurkarrieren im Spannungsfeld von Kostendruck, Globalisierung und persönlichen Zielen diskutierten Brancheninsider im Rahmen der diesjährigen electronica.

Unter dem Motto „Leben Sie schon oder arbeiten Sie nur?“ diskutierten Nicole Julien, Leiterin Personalmarketing bei Rohde & Schwarz, Dr. Frank Rottmann, Vorstand Entwicklung und Vertrieb bei Elmos Semiconductor, Dr. Reinhard Weigl, Sales & Marketing Director DSID EMEA bei Spansion International, und Business Coach Hans-Peter Wimmer über die unterschiedlichen Ingenieurkarrieren.

Veranstaltet wurde das diesjährige electronica-Diskussionsforum (2006) von Renate Schuh-Eder von der Personalberatung Schuh-Eder Executive Consulting, die auch das Karriere- Portal der Halbleiterbranche www.semica-careers.com betreibt.

60- bis 70-Stunden Woche ist die Ausnahme

Angesprochen war der Ingenieur, der sich zunehmend in einem Spannungsfeld von Kostendruck, Globalisierung und persönlichen Zielen zurechtfinden und zum Teil erhebliche Leistungen (auch zeitliche) erbringen muss. Eine strikte Trennung zwischen Arbeits- und Berufsleben gibt es nicht, ist Dr. Frank Rottmann überzeugt. Wie belastend dies ist, hänge jedoch von den Umständen ab. Wer intrinsisch motiviert ist – was bei Ingenieuren sehr häufig der Fall ist –, für den sei Arbeit keine Belastung. Dr. Reinhard Weigl glaubt nicht, dass die 60- bis 70-Stunden-Woche für alle Ingenieure die Regel ist. Insbesondere Entwickler bei Großunternehmen hätten sehr geregelte Arbeitszeiten; häufig dürften sie sogar nicht länger als 35 Stunden pro Woche arbeiten.

Bei Spansion, sagt Weigl, sind die Mitarbeiter „bis in die Haarspitzen“ motiviert. Wichtig sei dabei, dass man ihnen große Freiheiten lasse. „Bei Spansion arbeiten alle ergebnisorientiert“, sagt Weigl. „Sie müssen daher auch lernen, sich selbst zu managen.“ Auch Nicole Julien ist davon überzeugt, dass es sehr auf die Unternehmenskultur ankommt, also die in einem Unternehmen gelebten Werte, wie Mitarbeiter ihre Arbeitslast empfinden.

Als Beispiel nennt sie die Personalpolitik von Rohde & Schwarz, die schon immer eher konservativ gewesen sei: „Wir sind vorsichtig bei Einstellungen, haben aber auch noch nie entlassen.“ Sie führt dies u.a. darauf zurück, dass Rohde & Schwarz ein eigentümergeführtes, mittelständisches Unternehmen ist. Diese Einschätzung wird gestützt von dem aktuellen Managerpanel, das die Financial Times Deutschland jeden Monat zusammen mit der Personalberatung LAB Lachner Aden Beyer & Company erstellt: Danach würden rund zwei Drittel der deutschen Top-Manager am liebsten in Unternehmen des Mittelstandes arbeiten. Und Business Coach Hans-Peter Wimmer bringt das Dilemma auf den Punkt: „In börsennotierten Unternehmen sind Arbeit und Freizeit in der Tat zwei Paar Stiefel.“ Die Arbeitsbelastung der Fach-Ingenieure liegt also durchaus im akzeptablen Rahmen.

Management: mehr Geld aber auch mehr Zeit

Anders sieht es dagegen im Management aus – dort seien Arbeitszeiten wie die anfangs genannten durchaus üblich. Doch warum streben so viele ins Management, obwohl viele von ihnen einräumen, dass sie viel lieber als Ingenieure arbeiten würden? Für die einen ist es wohl das Image, für die meisten aber wohl Geld und Ansehen. Weigl weiß aus seiner Erfahrung: „Viele wollen gar nicht Manager werden, wenn ihnen entsprechende Wachstumspfade aufgezeigt werden.“ Der Beruf des Ingenieurs ist äußerst vielfältig – er kann entwickeln, verkaufen, managen, beraten …

Bei Spansion würden Führungspositionen nicht mit mehr Ansehen oder Geld ausgestattet; jeder könne also einen Berufsweg einschlagen, der seinen Neigungen entspricht, glaubt Weigl. Einen anderen Aspekt nannte Renate Schuh-Eder: Die Karriere eines Fachingenieurs sei zukunftssicherer: „Wer als Manager seinen Job verliert, findet nicht so schnell einen neuen. Dort wird die Luft sehr dünn.“ Die beruflichen Aussichten für Ingenieure sind derzeit hervorragend.

Einer aktuellen VDE-Studie zufolge befürchtet derzeit etwa ein Drittel der deutschen Unternehmen, künftig ihren Bedarf an Ingenieuren nicht mehr decken zu können. Bedeutet dies, dass ein Absolvent mit frischem Diplom in der Tasche quasi einen Freibrief für den Job hat? „Definitiv nicht“, sagt Nicole Julien. „Wir bei Rohde & Schwarz legen Wert auf überdurchschnittliche Studienabschlüsse.“ Das Unternehmen entwickelt primär in den westlichen Industrieländern, vor allem die Grundlagenentwicklung bleibe in Deutschland. Rohde & Schwarz hat daher eine eigene Akademie gegründet, die „maßgeschneiderte“ Weiterbildungsprogramme anbietet.

Jugendwahn hat der Industrie geschadet

Im Mai 2006 waren bei der Bundesanstalt für Arbeit 11 130 Elektroingenieure als arbeitssuchend gemeldet, berichtet Renate Schuh-Eder. Dabei handele es sich nicht unbedingt um ältere Ingenieure, sondern oft auch um solche, deren Qualifikation nicht dem aktuellen Bedarf der Unternehmen entspricht. Sollte man nicht erst solche Ingenieure wieder in den Arbeitsprozess eingliedern, bevor man in die allgemeine Klage über den Ingenieurmangel einstimme?

Weigl, der in seiner Freizeit Dirigent eines Blasorchesters ist, glaubt, dass der Jugendwahn der vergangenen Jahre der Industrie massiv geschadet hat. Er vergleicht ein Team und die Mitarbeiter im Unternehmen gerne mit seinem Blasorchester: Jedes Team arbeite besser, wenn die Mitglieder unterschiedlich sind – nicht nur hinsichtlich ihres Wissens und ihrer Erfahrungen, sondern auch im Alter. „Was spricht denn dagegen, einen Mitarbeiter über 50 einzustellen?“ fragt er. „Diese Mitarbeiter sind in Wirklichkeit viel gelassener als die jungen, die noch ein so viel anstrengenderes Privatleben haben …“ Insgesamt werden die Karrierechancen für Elektroingenieure derzeit als sehr positiv eingeschätzt – trotz Negativmeldungen wie Entlassungen bei der Telekom oder bei BenQ. Die Perspektiven für Ingenieure sind deutlich besser als für BWL-Ansolventen.