Industrielle Elektroberufe Verschmähter goldener Boden

In Elektro- und Versorgungsberufen droht ein dramatischer Fachkräfteengpass. Der Hauptgrund: Der anhaltende Trend zur Akademisierung.
In Elektro- und Versorgungsberufen droht ein dramatischer Fachkräfteengpass. Der Hauptgrund: Der anhaltende Trend zur Akademisierung.

Der allgemeine Trend zur Akademisierung geht zu Lasten der industriellen Elektroberufe. Hier droht ein dramatischer Fachkräfteengpass, hat eine Sonderauswertung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) ergeben. Gut für Bewerber, sie haben freie Auswahl.

Einer Sonderauswertung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zufolge werden in Elektro- und Versorgungsberufen bis zum Jahr 2030 rund 760.000 Erwerbspersonen fehlen, sofern sich die aktuelle Entwicklung auf dem Arbeits- und Ausbildungsstellenmarkt weiter fortsetzt. Das BIBB hat dazu seine Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen mit denen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) abgeglichen.

Die Gründe für diese vor allem für Unternehmen brisante Entwicklung? Neben der demografischen Entwicklung ist das vor allem der anhaltende Strom der Jugendlichen an die Gymnasien und Hochschulen sowie die Tatsache, dass gerade technikaffine Abiturienten eher ein Hochschulstudium wie Ingenieurwesen oder Informatik bevorzugen, als dass sie eine Berufsausbildung plus Aufstiegsfortbildung in diesen Berufsfeldern anstreben.

Gerade bei den Handwerksberufen wird es nach den Worten von BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser dadurch »zu massiven Engpässen und Verwerfungen« kommen.

»Im langfristigen Vergleich können die Erwerbschancen im Handwerk in der sich verschärfenden Konkurrenz zu industriellen und akademischen Berufen nicht mithalten«, warnt der BIBB-Präsident. »Was wir brauchen, ist eine deutliche Steigerung der Wertschätzung der dualen Berufsausbildung in der Gesellschaft und nicht ein zu starkes und einseitiges Setzen auf eine Erhöhung der Quote der Hochschulabsolventen. Dazu muss Erwerbsarbeit in Kleinbetrieben auch für Abiturienten eine attraktive Alternative zur Beschäftigung in Großunternehmen oder Einrichtungen des öffentlichen Dienstes sein.«

Vor allem komme es jetzt darauf an, noch vorhandene Potenziale in viel stärkerem Ausmaß als bislang zu nutzen, insbesondere leistungsschwächere Jugendliche, Migranten oder bislang nicht anerkannte ausländische Berufsqualifikationen.

Besonders dramatisch entwickele sich laut BIBB-Sonderauswertung die Situation in den Versorgungsberufen der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, im Ofen- und Luftheizungsbau, in der Kältetechnik, in der Ver- und Entsorgung, in der Wasserversorgung und Abwassertechnik, im Rohrleitungsbau sowie in der Abfallwirtschaft.

In den Jahren von 2012 bis 2030 scheiden rund 726.000 Erwerbspersonen aus diesem Berufsfeld aus. Hinzukommen werden aber laut BIBB-Berechnungen voraussichtlich nur knapp 270.000 Personen mit dieser spezifischen Qualifikation. Allein hier werden also bis 2030 knapp 460.000 qualifizierte Fachkräfte fehlen.

Ähnlich sieht die Entwicklung in den Elektroberufen aus. Bis zum Jahr 2030 werden aus diesem Berufsfeld rund 648.000 Erwerbspersonen ausscheiden. Nach den Berechnungen des BIBB kommen aber voraussichtlich nur 350.000 Erwerbspersonen neu hinzu. Hier werden also knapp 300.000 Fachkräfte mit dieser spezifischen Qualifikation fehlen.

Zu den Elektroberufen gehören insgesamt mehr als 60 Berufsbezeichnungen, insbesondere Berufe in der Bauelektrik, der Elektromaschinentechnik, der Energie- und Kraftwerkstechnik, der elektrischen Betriebstechnik, der Leitungsinstallation und -wartung, der Elektro- und Informationstechnik, der Telekommunikation, der Mikrosystemtechnik sowie der Luftverkehrs-, Schifffahrts- und Fahrzeugelektronik.