Gastbeitrag Sechs Irrtümer in der Industrie 4.0

Zwei Stunden Diskussion: Prof. Andreas Syska kommentiert alternative Sichten zu Industrie 4.0.
Zwei Stunden Diskussion: Prof. Andreas Syska kommentiert alternative Sichten zu Industrie 4.0.

Prof. Andreas Syska ist der profilierteste Industrie 4.0-Kritiker. Ralf Volkmer steht der Lean-Community, eine Gemeinschaft, die dem »4.0«-Gedanken anfangs kritisch gegenüberstand, vor und der Autor beerdigte 2014 medial das Projekt Industrie 4.0 in der Hoffnung auf eine Neuausrichtung.

Was ist das Ergebnis, wenn man diese drei Köpfe zwei Stunden in Köln zu „4.0“ brainstormen lässt? Ablehnung? Keineswegs, sehr wohl aber der Wunsch nach Nachjustierung! Bereits am Anfang der Diskussion zeichnete sich ein Weg ab, um Industrie 4.0 neu zudenken und von einigen Irrtümern zu befreien. Kritik als Basis für Verbesserungen! Am Ende wurde sogar das Bigger Picture einer neuen Gesellschaft („4.0“) deutlich. Das war anders und mehr als man von diesen Köpfen und zwei Stunden Austausch erwarten durfte. 

Irrtum 1: Deutschland ist eine Industrienation

Vorab: Schon das Thema „Industrie“ selbst bot Diskussionspotenzial, wenn auch außerhalb des Treffens. Bei den ersten Diskussionen eines Vorabbeitrags zu diesem Treffen wurde u.a. vom Multi-Blogger Gunnar Sohn hinterfragt, ob der Industriefokus überhaupt noch zu Deutschland passt. In der Tat hat spätestens die Hannover Messe 2016 gezeigt, dass sich selbst die Hidden Champions des deutschen Anlagen- und Maschinenbaus immer mehr zu Software-Unternehmen wandeln. Wenn also im Folgenden von Industrie gesprochen wird, kann dies nur ein erweitertes „Industrie“-Konzept sein, das nicht über Hardware vs. Software und Service zu definieren ist.

Irrtum 2: Industrie 4.0 wird einheitlich verstanden!

Auch bei der Heilsbotschaft „Industrie 4.0“ war Begriffsklarheit eine Herausforderung. In Köln wurde sofort klar: Industrie 4.0 versteht jeder – trotz der diversen Definitionsversuche – so wie er will. Bei einem waren sich alle einig: Eine technik- und fabrikfixierte Verengung unserer Zukunft ist abzulehnen. Das hatte Prof. Syska auch zuletzt in der Wirtschaftswoche kritisiert.

Irrtum 3: Industrie 4.0 kann am Werktor enden!

Common Sense war: Industrie 4.0 darf nicht am Werktor enden. Wer nur über smarte Fabriken spricht und den Kunden aus den Augen verliert, verliert am Schluss das Spiel. Nur vom Kunden aus gedacht, kann sich Innovation legitimieren.

Irrtum 4: Industrie 4.0 ist eine technische Revolution!

Aber auch in einer zweiten Dimension verkürzt sich oft der Blick. In allen Medien und schon in der Ur-DNA des Industrie 4.0-Projekts lief die Argumentation einer neuen Zukunftsperspektive über die Evolution von industriellen Technologien. Die Treppe von Prof. Wahlster und dem DFKI (Von der Mechanik bzw. dem Webstuhl bis zum Cyper Physical Systems) ist die wohl meist zitierte Ikone der Industrie 4.0-Diskussion. Diese technik-zentrierte Perspektive vergisst aber den Menschen und die Entwicklungen neuer Kollaborationsformen wie sie beispielsweise Henry Ford oder auch die Lean-Bewegung realisierten, die nicht Technik, sondern Wertschöpfung und den Menschen in den Mittelpunkt stellten.

Irrtum 5: Industrie 4.0 braucht minimale Anpassung!

Nun gibt es zu Irrtum 2 und 3 schon neue Heilsbotschaften. An der RWTH Aachen definiert man Industrie 4.0 als eine neue Form der Zusammenarbeit (Kollaborationsproduktivität), die erst durch die neuen Technologien möglich wird, aber über technologische Fragen hinausgeht.

Das Projekt der Smart-Service-Welt-Projekt – wie das Industrie 4.0-Projekt auch aus dem Kontext der Acatech – stellt den Service für den Kunden in den Mittelpunkt.

Hier darf aber nicht zu kurz gesprungen werden. Ein bisschen bessere Zusammenarbeit als Zuckerguss ohne echte Mitarbeiterperspektive wie auch eine technologische Reduktion der Kundenthematik auf Apps für Fernwartung oder Plattformen zur Unterstützung der Smart Services kann zu kurz springen. Es birgt die Gefahr einer anbieterzentrierten Forward- / Push-Strategie („Zuckerguss“).

Am Ende muss eher vom Kunden und einer kunden- und mitarbeiterzentrierten Wertschöpfung aus gedacht werden, um Zuckerguss auf alten Denk- und Lösungsmustern zu vermeiden. Nicht das Auto muss weiter-, sondern Mobilität und die Branche der Mobilität vollkommen neugedacht werden. In Transformations-Projekten zeigte sich dabei, wie verschieden alleine schon die Begriffswelten und Denkmuster von Unternehmen und Kunden sein können, wenn sie über Zukunft nachdenken. Das macht erschwert den kundenzentrierten Wandel.

Hier wird es in Zukunft entscheidend sein, in Innovationsprozessen und -strukturen diverse Perspektiven, insbesondere Kundenperspektiven zu integrieren, um so durch ein „Denken 4.0“ den eigenen Einstellungsfallen zu entfliehen, wo man versucht, alte linear fortgeschriebene Lösungen für vollkommen neue Herausforderungen zu nutzen, anstatt bisherige Muster zu überwinden.

So weit, so gut?  Einfach über das Werkstor hinaus und mehr an den Kunden, den Mitarbeiter und die Wertschöpfung denken! Reicht das schon als Lösung bzw. Heilsbotschaft für eine bessere Zukunft? Die Diskutanten waren sehr schnell skeptisch, als Prof. Syska seinen erweiterten Blick verdeutlichte.

Irrtum 6: Alles gut, wenn der Kunde im Fokus steht!

Der Wissenschaftler hatte frühzeitig eine gesellschaftliche Perspektive gefordert, die fragt, was wir als Gesellschaft wirklich an Werten, Arbeit und Technologie wollen. Wer diese fundamentalen Fragen nicht stellt und die Zukunft als Schicksal versteht, wird vielleicht lächelnd und durch scheinbare Determinismen am Ende in einer „Schönen neuen Welt“ der Dualisierung und Fremdbestimmung landen.

Beispiel Quantified Self-Bewegung: So hilfreich, die dauernde Selbst-Überwachung für das eigene Gesundheitsmanagement sein kann, so einfach ist der Dreischritt über attraktive Versicherungsangebote hin zur totalen Fremdbestimmung.  Am Ende droht im schlimmsten Fall nicht nur eine dualisierte Gesellschaft aufgrund unterschiedlicher Einkommen, sondern auch aufgrund unterschiedlicher Souveränität gegenüber der großen Maschine. Analoges gilt für die Produktion: Fürsorgliche Überwachung der Mitarbeiter bietet Potenzial in Richtung einer Schreckensvision ala „Modern Times“.

Die alten Dystopien bzw. Schreckensszenarien der Science Fictions – sie werden uns im schlimmsten Fall nicht von einem Big Brother aufgezwungen, vielmehr werden wir sie lächelnd akzeptieren.

Die Gesellschaft 4.0!

Was ist die Alternative? Ganz einfach: die grundsätzliche Hinterfragung aller scheinbaren Heilsbotschaften von Futuristen und Evangelisten und das bewusste Gestalten einer human-, mitarbeiter- und kunden- und wertzentrierten Gesellschaft 4.0, in der wir alle leben wollen. Wenn das die Botschaft des ersten Kölner Gesprächs war und in eine Transformation in diese Richtung mündet, ist das mehr als man vom Streitgespräch zu Industrie 4.0 normalerweise erwarten durfte.