Ingenieurkarrieren richtig planen

Seit rund 20 Jahren unterstützt Renate Schuh-Eder, Inhaberin und Geschäftsführerin von Schuh-Eder Executive Consulting, Unternehmen bei der Einstellung von Ingenieuren. Die Elektronik sprach mit ihr über die „to do’s“ und „don’ts“ einer Ingenieurkarriere.

 Lässt sich denn eindeutig sagen, was für einen Ingenieur in der Karriere förderlich ist bzw. was ein „Karrierekiller“ ist?

Renate Schuh-Eder: Ja, das kann man eindeutig sagen! Allerdings gibt es nur wenige Empfehlungen, die für jeden Ingenieur gelten. Generell gilt: „Karriere“ ist immer individuell auf einen Menschen mit seinen Kenntnissen, Wünschen und Bedürfnissen zugeschnitten. Er sollte sich intensiv mit seinen Fähigkeiten, Interessen, persönlichem Antrieb oder mit Änderungen der Persönlichkeit im Laufe der Zeit auseinandersetzen. Nur so entstehen für jeden einzelnen gute Lösungen.

 Was können Sie Ingenieuren – allgemeingültig – empfehlen?

Schuh-Eder: Besonders relevant ist, sich bewusst zu machen, dass wir bis 67 arbeiten sollen/müssen. Also geht es darum, ein Arbeitsleben von meist über 35 Jahren sinnvoll zu gestalten. Wer bereits nach zehn Jahren im Beruf bei allen relevanten Unternehmen einer Branche gearbeitet hat, darf sich nicht wundern, wenn es dann mit neuen Herausforderungen schwierig wird. Ein zweiter Punkt liegt in dem Wunsch, Manager werden zu wollen. Ich halte das teilweise sogar für gefährlich! Wir geben unseren Bewerbern zu diesem Thema folgendes Gedankenspiel mit auf den Weg: „Suchen Sie sich in Ihrem Unternehmen fünf „Manager“ aus – durchaus gute! Stellen Sie sich vor, Ihr Unternehmen muss abbauen und trennt sich von diesen Mitarbeitern. Wo gibt es kurzfristig für diese Kollegen eine adäquate Position?“ Es ist in diesen Tagen für Manager, die „in Probleme“ kommen, gar nicht leicht, zeitnah eine neue, vergleichbare Aufgabe zu finden. Sicher ist: Je weiter oben – desto dünner die Luft … Selbst wenn die Bereitschaft besteht, einen Rückschritt in Kauf zu nehmen, gibt es Probleme – denn: Wer will schon jemanden einstellen, der bereits in einer viel höheren Ebene gearbeitet hat? Unsere Erfahrung zeigt: Eigentlich niemand!

 Aber bedeutet Karriere oder Weiterentwicklung nicht in der Regel, ins Management zu wechseln?

Schuh-Eder: Weiterentwicklung ist kein Synonym dafür, „Direktor“ zu werden! Eine andere Unternehmenskultur kennenlernen, mehr Verantwortung übernehmen, internationaler zu arbeiten, das ist die Weiterentwicklung, um die es gehen sollte. So schafft man für sich auch „Employability“, also Attraktivität für viele Arbeitgeber. Und Kontinuität ist wichtig! Aber: „Satte“ Mitarbeiter werden auf keinem Markt gesucht. Standen früher Aspekte wie Pflichterfüllung, Treue und Pünktlichkeit im Vordergrund, so sind es heute Flexibilität, Mobilität, Kreativität oder unternehmerisches Denken. Dieses Profil wird man kaum erfüllen, wenn man 20 Jahre in gleicher Funktion tätig ist. Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass 50-jährige abgewiesen werden, weil sie für das, was sie können, mehr Gehalt fordern als jüngere.

 Gibt es allgemeingültige Empfehlungen, wie man seine „Employability“ erhöhen kann?

Schuh-Eder: Ja, indem man in Märkten arbeitet, die im Lande überdurchschnittlich gut vertreten sind. Dies mindert die Gefahren einer Arbeitslosigkeit enorm! In Deutschland sind unsere wesentlichen Märkte für Ingenieure sicher die Bereiche „Automotive“ oder „Industrie“. Das gleiche gilt auch für Produkte: Es ist nicht empfehlenswert, sich zu stark auf Produkte zu spezialisieren, die nur von einem oder zwei Herstellern produziert werden. Ein Beispiel: Wenn ich etwa in Deutschland seit zehn Jahren in der Entwicklung von DRAMs tätig bin, 70 000 Euro verdiene und mich beruflich verändern möchte, stellt sich die Frage, welcher Arbeitgeber mir die Möglichkeit gibt, aus dieser „Sackgasse“ wieder herauszufinden. Welchen „Wert“ kann ich bei anderen Unternehmen einbringen – und zu welchen Gehalt?

Der Vollständigkeit halber noch der Aspekt „regionale Mobilität“. Dieses Problem ist jedem bewusst, allerdings hapert es oft an der Umsetzung. Wenn man sich sicher ist, dass man von einer Region nicht wegziehen möchte, dann ist es sicher klug, seine Fähigkeiten so auszurichten, dass man für diverse Unternehmen im direkten Umfeld auch attraktiv ist.

 Wie kann ein Ingenieur seinen Karriereweg individuell und optimal planen?

Schuh-Eder: Nun wird des komplex. Es geht zunächst einmal darum, sich klar zu machen: Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich und was brauche ich? Was treibt mich an? Und: Wer bestimmt mich fremd? (Eltern, Partner, Kinder …). Und dann geht es darum, seinen Markt(-wert) zu analysieren. Wie sehen die Märkte aus, welche Positionen werden gesucht, was wird für diese Positionen bezahlt, an welchem Ort gibt es welche Positionen zu besetzen? Handelt es sich um ein Headquarter oder eine Niederlassung? Eine optimale Karriere ist die Schnittmenge aus diesen beiden Seiten. Das heißt, die Fragen zu beantworten: Wo habe ich die Möglichkeit, mich als Person einzubringen, mich in meinem Sinne weiterzuentwickeln und wie kann ich dabei langfristig sicherstellen, einen Arbeitsplatz zu haben? Eines ist klar: Mit einer Ausbildung als Ingenieur – vor allem in den Bereichen Maschinenbau oder Elektrotechnik – hat man aufgrund des hohen Bedarfs an Fachkräften bereits den wesentlichen Grundstein in der Karriere gelegt. Sich mit dem Thema „Karriere“ auseinanderzusetzen, halte ich dennoch für notwendig. Schnell werden Fehler begangen, die einen später einholen und nur sehr schwer wieder zu korrigieren sind!