Geschlecht ist Karrierebremse Nr. 1

Um die Chancengleichheit der Geschlechter und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist es in Deutschland nach wie vor schlecht bestellt. Dies zeigt eine aktuelle Studie, für die der Management-, Technologie- und Outsourcing-Dienstleister Accenture über 2200 Führungskräfte in 13 Ländern befragt hat.

Wegen ihres Geschlechts fühlen sich 27 Prozent der deutschen Frauen in ihrer Karriere benachteiligt. Rund ein Viertel der Frauen sehen durch den enormen Einsatz für Familie und Kinder ihre Aufstiegschancen beeinträchtigt. Daher wünschen sich 45 Prozent einen Job, der genügend Flexibilität für Karriere und Familie bietet.

Bei der Karriereplanung spielen Vorbilder, vor allem aus der eigenen Familie, eine wichtige Rolle. Leitfiguren aus Wirtschaft und Politik sind allerdings Mangelware, so die einhellige Meinung. Das Geschlecht ist für Frauen nicht nur in Deutschland die Karrierebremse Nummer 1. Während weltweit 26 Prozent der befragten Frauen davon überzeugt sind, wegen des Geschlechts im Beruf langsamer voranzukommen, fühlen sich deswegen nur 4 Prozent der Männer in ihrer Karriere behindert.

Entsprechend rangiert die Hürde „Geschlecht“ bei den Männern auf einem der hinteren Plätze. Für Susanne Klöß, Global Managing Partner Capital Markets bei Accenture, ist dieses Ergebnis überraschend: „Ich hatte eigentlich gedacht, dass unsere Gesellschaft längst einen Schritt weiter wäre. Schließlich haben Frauen weltweit bewiesen, dass Geschlechtsunterschiede im Beruf keine Rolle spielen.“

Selbstbewusste Männer, selbstkritische Frauen

Weltweit fahren Männer bei der Karriere auf der Überholspur: Mehr als die Hälfte (55 Prozent) der befragten männlichen Führungskräfte meint schneller aufzusteigen als ihre Kolleginnen. Im Wirtschaftswunderland China sagen dies sogar beinahe alle Männer (90 Prozent). Doch nicht nur das Geschlecht benachteiligt Frauen bei ihrer Karriere. Sie sind bei der Beurteilung ihrer Leistungen sehr kritisch und vielfach zu ehrlich.

So sehen Frauen eher die eigene Persönlichkeit als Grund für einen Karriereknick, während Männer dafür meist äußere Umstände verantwortlich machen. 20 Prozent der befragten Männer nennen eine schlechte Konjunktur oder allgemeinen Personalabbau innerhalb ihres Unternehmens, während diese Begründung nur 14 Prozent der befragten Frauen angeben. „Frauen sollten sich gerade zu Beginn ihrer Karriere ehrgeizige Ziele stecken“, rät Susanne Klöß. „Andernfalls laufen sie Gefahr, dass sich ihr Aufstieg unnötig verzögert.“ Denn: Männer gehen ihre Karriere von Beginn selbstbewusst an. „Mehr als ein Drittel planen bereits beim Berufsstart den Aufstieg in Spitzenpositionen. Frauen sind hier wesentlich zurückhaltender: Nur 15 Prozent glauben zu Anfang ihrer Karriere an einen Aufstieg in die Geschäftsleitung. Hier brauchen wir mehr Selbstbewusstsein.“ Später jedoch, wenn sie sich im Beruf eingerichtet haben, schätzen immerhin 23 Prozent der befragten Frauen ihre Aussichten auf Aufstieg in die Chefetage positiv ein.

Und während 43 Prozent der deutschen Männer glauben, in weniger als zwei Jahren in die nächsthöhere Position aufzusteigen, sind davon schon immerhin 33 Prozent der Frauen überzeugt.

Kinderbetreuung nach wie vor Frauensache

Weltweit tragen Frauen die Hauptlast bei der Betreuung der Kinder und wünschen sich vom Arbeitgeber deshalb eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Frauen kümmern sich wesentlich stärker um die Betreuung des Nachwuchses als Männer. Für ihre Kinder reduzieren 23 Prozent der berufstätigen Mütter ihre Arbeitszeit, während dazu nur 12 Prozent der Männer bereit sind. Dagegen sagen 46 Prozent der Väter und nur 29 Prozent der Mütter, dass ihre Familie keinerlei Einfluss auf ihre Arbeitszeit habe.

Auch in Deutschland lastet die Kinderbetreuung immer noch auf den Frauen: Für 44 Prozent der deutschen Männer hat sich ihre Arbeitszeit auch mit Kindern nicht verändert. Dieser Aussage stimmen nur 13 Prozent der Frauen zu. Eine Vollzeitkarriere ziehen nur die Frauen in Kanada und China vor. Dabei ist in China die Identifikation der Frau mit ihrem Job am größten: Für 72 Prozent der Frauen, aber auch für 95 Prozent der chinesischen Männer, hat ihr Beruf höchste Priorität.