Schlüssel zur Industrie 4.0 Der Mittelstand muss sich weiterbilden

Für den Schritt in die Industrie 4.0 muss insbesondere der Mittelstand seine Belegschaft weiterbilden und neue Lernmethoden nutzen. Zu diesem Ergebnis kommen die Experten von acatech. Am 25. April 2016 übergeben sie auf der Hannover Messe ihren Zwischenbericht an Bundesministerin Johana Wanka.

Neue Arbeitsplätze und eine steigerung der Arbeitsleistung durch Industrie 4.0 funktioniert nur wenn die Menschen Weiterbildungen und Qualifizierungen erhalten. Die Expertengruppe der acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften – sieht an dieser Stelle noch Nachholbedarf. Lediglich 9,7 Prozent der von ihnen befragten Unternehmen verfügen bereits über eine voll digitalisierte Produktion. Dabei sehen die meisten zwar Industrie 4.0 als Chance, haben sie aber bislang nur selten in ihren Betrieben etabliert.

Kleinere Unternehmen bieten ihren Belegschaften kaum spezifische Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, um sie auf Industrie 4.0 vorzubereiten. Bei den größeren Betrieben sieht es etwas besser aus. Jedes dritte große und jedes sechste mittelständische Unternehmen bietet den Mitarbeitern spezifische Aus- und Weiterbildungsprogramme an.

Nicht nur zwischen den Unternehmen, auch zwischen hoch- und niedrigqualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern droht eine digitale Kluft. Anders als häufig befürchtet sorgt Industrie 4.0 nicht menschenleere Fabrik. Stattdessen muss die Belegschaft mehr Verantwortung übernehmen. Um komplexe Prozesse mithilfe digitaler Assistenten zu steuern brauchen sie maßgeschneiderte Qualifizierungsangebote. Laut acatech reicht es nicht, nur Führungskräfte fortzubilden.

Mit dem neuen Konzept »Vorfahrt für den Mittelstand« unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Qualifizierung und berufliche Weiterbildung für Beschäftigte in kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU). Für 2016 bietet das BMBF ein Sonderprogramm für die digitale Ausstattung überbetrieblicher Ausbildungsstätten (ÜBS). Laut Bundesministerin Johana Wanka sollen in der beruflichen Ausbildung digitale Kompetenzen stärker vermittelt werden. Sobald Fachkräfte die erworbenen digitalen Fähigkeiten an ihrem Arbeitsplatz einbringen, helfe das den Unternehmen auch beim Thema Industrie 4.0. Das Thema digitale Bildung wird laut Wanka auch im Fokus des nächsten IT-Gipfels stehen.

60 Prozent der befragten Unternehmen wollen die Datenauswertung und -analyse stärken und knapp 54 Prozent das Prozessmanagement verbessern. Fortbildungen müssen also insbesondere diese Kompetenzen stärken. Ebenso sehen die befragten Unternehmen interdisziplinäres Denken und Handeln als unverzichtbares Rüstzeug für das digitale Zeitalter. Bereichsübergreifendes Prozess-Knowhow und Führungskompetenzen sind ebenfalls zentrale Fortbildungsthemen. »Qualifizierung wird zu einer zentralen strategischen Aufgabe in den Betrieben. Die Digitalisierung vergrößert nicht nur den Weiterbildungsbedarf, sondern gibt uns auch innovative Lehr-Lern-Lösungen wie Online-Kurse und individuelle mobile Assistenten – wir müssen sie nur nutzen«, sagt Michael ten Hompel, Projekteiter und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik.

Obwohl gerade Online-Tools neue Inhalte rasch und kostengünstig zugänglich machen, nutzen nur knapp 37 Prozent der großen und 18 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen E-Learning-Programme, Wikis oder Online-Kurse. Lebenslanges Lernen und Fortbildung werden wichtiger. Zudem ist es von großer Bedeutung, neue und auch experimentelle Wege in der Weiterbildung zu gehen und die Wissensvermittlung noch stärker in die betriebliche Praxis zu integrieren.

Die Expertengruppe von acatech hat für die Kompetenzentwicklungsstudie Industrie 4.0 345 deutsche Unternehmen online befragt und begleitende Interviews mit Fachleuten aus Wissenschaft und Wirtschaft geführt. Auf der Grundlage der Zwischenergebnisse hat die Projektgruppe einen Demonstrator für die Online-Qualifizierung entwickelt.