Kommentar Danke für die Mitbestimmung

Robert Weber, freier Mitarbeiter
Wir erleben ein Comeback der Mitbestimmung. Gewerkschaften formulieren wieder ihre Ansprüche. Unternehmer sollten den Dialog suchen, denn viele Ideen aus der Belegschaft sind schon lange "Industrie 4.0-tauglich".

Am 1. Juli feiert das Mitbestimmungsgesetz seinen 40. Geburtstag. Drei Jahre vor dem Gesetzeswerk erblickte der erste Industrieroboter das Licht der Welt und leitete eine Revolution der Arbeit ein. Innovation und Mitbestimmung schließen sich nicht aus.

Am Anfang waren manche Arbeitgeber skeptisch: Sollen wir wirklich die Arbeitnehmervertreter mit in die Diskussion um Industrie 4.0 holen? Mittlerweile sind die meisten Unternehmer froh, dass die Arbeitnehmer mitdiskutieren, denn Industrie 4.0 oder die Digitalisierung von Arbeit sind schon lange nicht mehr rein technische Themen. Wer Arbeit 4.0 definieren will, kommt an der Mitbestimmung nicht vorbei. 

Die Technik verändert Strukturen, Arbeitsplätze, Abläufe, verändert Menschen, Arbeitnehmer und Führungskräfte und Unternehmer. Mitbestimmung gewinnt an Bedeutung und die Arbeitnehmer nehmen ihre Aufgabe ernst. Am 1. Juli darf sich die Mitbestimmung feiern lassen – kurz, denn es stehen neue Aufgabe an. 

  1. Neue, alte Themen für die Mitbestimmung: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen im Wandel der Unternehmen mitgenommen werden. Es werden nicht alle Arbeitsplätze erhalten bleiben. Die Mitbestimmung darf nicht bei der Arbeitsplatzsicherung aufhören, sondern die Vertreter der Arbeitnehmer müssen sich auch Wissen um Prozesse, Geschäftsmodelle und Technologien aneignen, um gemeinsam mit den Arbeitgebern Strategien für die zukunftsfähigkeit der Arbeit zu entwickeln. Die Mitbestimmung muss neben ihrer Rolle als Kontrolleur viel aktiver Ideen entwickeln – für das Gechäft, aber auch für die Menschen in den Prozessen. Auch deshalb, weil viele große Unternehmen in Zukunft mit vielen kleinen Firmen zusammenarbeiten werden müssen, weil sich das Arbeiten verändert, weil Stammbelegschaften nicht mehr wachsen und neue Wettbewerber am Markt auftauchen. 
  2. Mehr Werbung für die Mitbestimmung: Eine neue Generation von Managern erschwert es vielen Arbeitnehmervertretern, ihre Anliegen zur formulieren und durchzusetzen. Mitbestimmung spielt in der BWL-Ausbildung nur noch eine untergeordnete Rolle, dabei ist sie für das Verständnis der sozialen Marktwirtschaft entscheident. Gewerkschaften und Arbeitnehmer müssen für die Mitbestimmung eintreten, werben und sie muss zurück an die Universitäten. Das Wettbewerbsranking des World Economic Forum bestätigt, dass zu den zehn innovativsten Ländern weltweit vier Länder mit umfangreicher Unternehmensmitbestimmung gehören. 
  3. Mensch und Roboter verstehen lernen: Die Unternehmen brauchen in Zukunft weiterhin qualifiziertes Personal. Das haben sie mittlerweile auch erkannt und betonen diesen Umstand auch in viele Industrie 4.0-Diskussionen. Das war zu Beginn der Industrie 4.0-Phase noch anders – viel technischer, viel monetärer. Die Gewerkschaft und Arbeitnehmervertreter sind nah dran an ihren Kolleginnen und Kollegen, schulen sie in Industrie 4.0 und sind keine Blockierer, sie gewinnen an Bedeutung. Kluge Unternehmer binden die Mitarbeiter frühzeitig in Innovationsprojekte ein und ermöglichen eine Diskussion über Arbeit zusammen mit dem Roboter, neuen Technologie wie Augmented Reality, Ideen und Sorgen. 
  4. Internationale Sicht: Mitbestimmung heißt Demokratie. Wer in den letzten Wochen ein sozialeres Europa fordert, der muss die Mitbestimmung und Arbeitnehmerrechte stärken. Dazu kommt: In der Bevölkerung genießt die Mitbestimmung einen guten Ruf und Ausbeuterkonzerne werden abgestraft. Der große Widerstand beispielsweise gegen das Freihandelsabkommen TTIP stärkt die Position der Mitbestimmung. 

Herzlichen Glückwunsch - auf die nächsten 40 Jahre.