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Stellenanzeigen: Bonjour Tristesse

22. Januar 2008, 09:01 Uhr   |  Christine Demmer, Markt&Technik


Fortsetzung des Artikels von Teil 1 .

Unternehmen sind teilweise selbst Schuld<br />

Unternehmen sind teilweise selbst Schuld
Das könnte man ja noch wohlwollend als umkompliziert interpretieren, schöben sie nicht im Nachsatz hinterher: »Aufgrund meiner zahlreichen Wechsel lege ich nun Wert auf eine Tätigkeit, die ich in der vereinbarten Form bis zum Erreichen des Rentenalters ausüben kann.« Willkommen im 21. Jahrhundert.

Über solche Bewerbungen kann man spotten, schimpfen - oder darüber nachdenken, was tatsächlich schief gelaufen ist. Denn: »Die Unternehmen sind ja zum Teil selbst Schuld, wenn sie solche Bewerbungen bekommen«, kickt Frank Lambert den Ball zurück ins Arbeitgeberlager. Der Mann leitet die Geschäfte der Zeitarbeitsfirma Jobs in Time in Berlin, studiert aus professionellem Interesse jede Woche die aktuellen Stellenangebote und lässt seine Mitarbeiter regelmäßig analysieren, welche Zielgruppe darin mit welchen Formulierungen angesprochen wird. Sein Urteil ist, gelinde gesagt, erschütternd: »Stellenanzeigen strotzen vor Standardfloskeln und nichts sagenden Schlagworten«, klagt Lambert. Da schriebe einer vom anderen ab, würden Uralt-Vorlagen schlichtweg recycelt und harte Muss-Anforderungen in samtene Wachsweich-Begriffe gekleidet, um nur ja nicht gegen das Allgemeine Gleichstellungsgesetz zu verstoßen. »Man darf ja nicht schreiben, dass man gern einen jungen, gesunden, reisefreudigen Mann oder eine attraktive, kinderlose, gerne Kaffee kochende Sekretärin auf dieser Stelle sähe«, bestätigt er das geltende Recht, »aber wenn man dann mit den Chefs über deren Vorstellungen spricht, dann sagen die schon, dass sie genau so jemanden haben wollen. Aber das dürfen sie eben nicht so sagen.«

Also sieht die Praxis im Mittelstand meist so aus: Der Fachvorgesetzte meldet seinen Bedarf an die Personalabteilung. Die verlangt E-Mail-wendend ein möglichst konkretes Anforderungsprofil, um daraus den Text für das Zeitungsinserat oder die Online-Jobbörse zu zimmern. Weisungsgemäß füllt der Fachvorgesetzte seinen Wunschzettel aus, grübelt oft sogar intensiv darüber nach, wer am besten ins Team passen würde. Die Personalabteilung bedankt sich, gibt aber zurück: »Das geht so nicht. Aber wir machen das schon.« Flugs wird aus dem Ideal des Chefs (»jung, gesund, reisefreudig«) ein al gusto auslegbares »begeisterungsfähig, belastbar, lernfreudig«. Und aus der vor-mals klaren Aufgabenbeschreibung »Fachkundige Unterstützung des Vertriebs beim Kunden mit zum Teil wochenlangen Außer-Haus-Einsätzen« ein verschwurbeltes »Beratung unserer Kunden bei maßgeschneiderten Lösungen für die vielfältigen Antriebsaufgaben. « Klar, dass sich da auch der Bühnenfacharbeiter mit abgebrochener Elektrikerlehre angesprochen fühlt.
 

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1. Stellenanzeigen: Bonjour Tristesse
2. Unternehmen sind teilweise selbst Schuld<br />
3. Wandel vom Bewerbermarkt zum Werbermarkt
4. Jugend-Jargon passt nicht zu jedem Unternehmen<br />

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