Schwerpunkte

Flexibler Arbeitsplatz

Gute Gründe für Home Office

22. Februar 2020, 14:38 Uhr   |  Corinne Schindlbeck


Fortsetzung des Artikels von Teil 1 .

"Recht auf Nichterreichbarkeit"

Der Fehlzeiten-Report 2019 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) berichtet von 40 Prozent aller Beschäftigten, die heute schon regelmäßig außerhalb ihres Unternehmens arbeiten, unabhängig von Ort oder Zeit. Wobei unklar bleibt, wie viele davon dauerhaft im Home Office arbeiten. Die ILO-Autoren betonen in ihrem Bericht die positiven Seiten der Telearbeit, beispielsweise größere Arbeitszeitautonomie durch höhere Flexibilität in der Arbeitsorganisation. Sie erkennen in Heimarbeit eine bessere Vereinbarung von Familie und Beruf und bestätigen andere Studien, die eine höhere Produktivität nachweisen. Allerdings beleuchten sie auch die Kehrseite der Medaille.

Nachteile ergäben sich durch die Tendenz, dass Heimwerker länger arbeiten und häufigere Überschneidungen zwischen Arbeit und Privatleben beklagen, verbunden mit hohem Stresspegel. Wobei auch die Studienautoren betonen, dass sich einige Telearbeiter einer besseren Work–Life Balance erfreuen, während andere Heimwerker einem höheren Gesundheitsrisiko ausgesetzt seien. »Die Studie belegt, dass der Gebrauch moderner Kommunikationstechnologien allgemein eine bessere Work–Life Balance erreichen kann. Abhängig vom Ort der Arbeit und den verschiedenen Anforderungen im Beruf verschwimmen aber auch die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben«, so Jon Messenger, Ko-Autor der Studie. Besonders Mehrarbeit durch die permanenten Verlockungen piepender und blinkender Kommunikationstechnologien verführten viele Heimarbeiter zu unbezahlten Überstunden am Abend und Wochenende.

Spielregeln mobiler Arbeitsleistung aufstellen

Auch andere Studien zeigen, dass nicht alle Mitarbeiter im Home Office glücklich werden. So arbeitet die sechste „Europäische Erhebung über die Arbeitsbedingungen“ von 2015 auch heraus, dass es durch die räumliche Nähe von Arbeits- und Familienleben in der eigenen Wohnung zu neuen Konflikten kommen könne. »Rund die Hälfte der mobilen Computerarbeiter in Deutschland und der Europäischen Union empfindet es als schwierig, sich angesichts vorhandener familiärer Verpflichtungen auf die Arbeit zu konzentrieren, oder sieht sich gezwungen, das zeitliche Engagement im Beruf zu verringern. Diese „Störungen“, die aus dem familiären Umfeld auf den beruflichen Alltag ausstrahlen, kommen in den anderen Beschäftigtengruppen deutlich seltener vor«, schreibt Dr. Oliver Stettes, Leiter des Kompetenzfelds Arbeitsmarkt und Arbeitswelt vom Institut der Deutschen Wirtschaft.

Die Befunde zeigen, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer einen neuen Rahmen für Heimarbeit brauchen, um Arbeitsschutz und dauerhaft auch das Wohlbefinden der Mitarbeiter im Home Office zu gewährleisten. Die EU hat mit dem European Framework Agreement on Telework bereits 2002 eine Empfehlung für betriebliche Rahmenbedingungen vorlegt, die den Schutz von Telearbeitern mit Regeln sicherstellen soll. Die Leitlinien behandeln den Datenschutz, die Privatsphäre, die Arbeitsorganisation, die Gesundheit und Sicherheit, die Ausbildung und die Berufsaussichten. In einer neueren französischen Gesetzgebung wurde das „Recht auf Abschalten“ in der Arbeitsgesetzgebung festgelegt. In Deutschland engagieren sich immerhin schon einige Unternehmen, die in Betriebsvereinbarungen solche Schutzregeln aufgestellt haben.

Microsoft, BMW, Volkswagen und Evonik waren die Vorreiter. Bereits 2011 schaltete VW die Mailserver für die Blackberry-Handys eine halbe Stunde nach Ende der Gleitzeit ab. Bald regte sich Protest von den Führungskräften, die sich in ihrer Zeitsouveränität nicht einschränken lassen wollten. BMW führte Arbeitszeitkonten ein, die mobile und Heimwerker vor unbezahlten Überstunden schützen sollten. Bei Evonik wurden Führungskräfte geschult, um ihr Bewusstsein für die Folgen mobiler Endgeräte zu stärken. E-Mails außerhalb der Kernarbeitszeit sind auf Notfälle begrenzt. Letztlich sind Unternehmen und ihre Mitarbeiter aber so verschieden, dass nur individuelle Absprachen zu einer für alle Seiten tragfähigen Lösung führen. Idealerweise finden Unternehmen eine Hybridlösung mit flexiblen Arbeitsflächen und einem Arbeitsplatzsystem, in dem sich die Mitarbeiter neben Home Office nach Bedarf Besprechungsräume, Stillarbeitsplätze oder solche in einem belebteren Co-Working Space buchen können.

So hat Microsoft als Vorreiter 1998 Vertrauensarbeitsort und -zeit fest in Arbeitsverträge und die Unternehmenskultur verankert. Gemeinsam mit Kunden und Partnern entwickelte das Softwareunternehmen den „Digital Workplace“, vollvernetzte Organisationen, agile Prozesse und Social-Enterprise-Lösungen (von Skype über Office 365, Outlook bis Share Point). Mit dem „Smart Workspace“ schuf Microsoft in enger Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IAO ein Bürokonzept für das Arbeiten 4.0. Jeder Mitarbeiter entscheidet selber, wo, wie und in welcher Art er (zusammen-) arbeiten möchte.

Fazit: Mit „Recht auf Home Office“ alleine ist es nicht getan. Wichtiger ist, die Mitarbeiter im Umgang mit digitalen Kommunikations- und Kollaborations-Tools zu schulen und auch ein „Recht auf Nichterreichbarkeit“ zu etablieren. Zudem sollten Unternehmen den sozialen Bedürfnissen zur Zusammenarbeit zwischen Telearbeitern und ihren Teamkollegen Rechnung tragen und flexibel nutzbare Arbeitsplätze und Meeting-Flächen bereitstellen. Bei allen neuen Konzepten darf auch der Arbeits- und Gesundheitsschutz der flexiblen Teleworker nicht zu kurz kommen. Idealerweise wird die Umsetzung durch das betriebliche Gesundheitsmanagement evaluiert.

Seite 2 von 2

1. Gute Gründe für Home Office
2. "Recht auf Nichterreichbarkeit"

Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenAuf Linkedin teilenVia Mail teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Vier von zehn Unternehmen setzen bereits auf Homeoffice
Jeder Zweite will Vertrauensarbeitszeit und Recht auf Homeoffice
Homeoffice gegen Fachkräftemangel?
Die Mehrheit zieht es ins Büro
Lab@Home bringt das Hochschullabor nach Hause
Klare Absprachen nötig

Verwandte Artikel

TÜV Rheinland Energie und Umwelt GmbH