Kommentar Arbeit 4.0 - was fehlt?

Mensch und Maschine arbeiten zusammen. Das verändert das Arbeiten in der Fabrik. Doch bisher diskutieren Arbeitsexperten zu viel über Arbeitszeit und zu wenig über Technologien am Arbeitsplatz.

Arbeit hat Konjunktur. Magazine widmen dem Thema große Strecken. Flexibles Arbeiten, Home-Office, kreative Auszeiten, Demokratie im Unternehmen und viele schöne neue Dinge sollen die Arbeit im Büro und an der Werkbank besser machen. Doch technische Entwicklungen bleiben meistens unberücksichtigt.

Arbeit 4.0 ist mehr als ein neues Arbeitszeitmodell. Doch in vielen Diskussionen sind es vor allem Personalberater oder HR-Experten, deren Blick auf Arbeit 4.0 oft zu eindimensional ist. Techniker, Forscher, Arbeitsrechtler, Betriebsräte und Personaler müssen zusammen die Arbeit der Zukunft definieren. Ein Problem: Es mangelt auf der einen Seite an technischem Verständnis und auf der anderen Seite fragen sich Entwickler selten, welche Auswirkungen das Produkt auf das Arbeitsrecht hat. 


Ich vermisse in den Diskussionen fünf Punkte:

 

  1. Es fehlt eine klare Abgrenzung zwischen Industrie-, Dienstleistungs- oder Handwerksberufen. Home-Office ist am Produktionsband wohl unmöglich. Flexible Arbeitszeiten kennen große Industriebetrieb schon seit mehreren Jahren. Stichworte: Gleitzeit oder Arbeitszeitkonten. Dazu kommt: Viele Industrieunternehmen sind bei der Arbeitszeit Vorreiter ohne es zu wissen oder es Arbeit 4.0 zu nennen.
  2. Technische Veränderungen spielen nur in auf den Podien und in den Fachbeiträgen nur eine untergeordnete Rolle. Doch Menschen arbeiten in Zukunft öfter mit Maschinen zusammen. Der Roboter entwickelt sich zum Kollegen, der beispielsweise die Beleuchtung steuern kann, wenn die Arbeitsleistung des Menschen nachlässt. Dann erhöht er automatisch den Blauanteil im Licht und der müde Mensch wacht auf, seine Leistungskurve steigt. Gleichzeitig kann das System das Verhalten des Menschen studieren und Rückschlüsse ziehen, die für Arbeitsanalysen genutzt werden können.
  3. Maschinen als Rechtssubjekte: Wenn Mensch und Maschine zusammenarbeiten, dann sind sie Kollegen mit Rechten und Pflichten. Doch wer haftet für Fehler, die der Roboter verursacht? Brauchen wir ein weltweites Roboterrecht? 
  4. In Zukunft arbeitet ein Werker nicht mehr ausschließlich mit einer Maschine zusammen. Ganz im Gegenteil: Er muss flexible mehrere Maschinen bedienen können. Die Steuerungsoberfläche muss vereinfacht, die Usability verbessert und die Steuerung muss schnell erlernbar sein. Das bedeutet auch: Der Mitarbeiter arbeitet in Zukunft nicht in festen Teams, sondern entwickelt sich zum Springer in der Produktion.
  5. Neue Entlohnungsmodelle werden kaum diskutiert und nur wenige Diskutanten fragen sich, wie die Automatisierungsdividende genutzt werden kann.

Die Gesellschaft muss Antworten auf diese Fragen finden. Arbeit 4.0 nur als neues Arbeitszeitmodell zu deklarieren, führt uns in der Diskussion nicht weiter. Und manchmal gewinne ich den Eindruck, dass Unternehmen den Begriff Arbeit 4.0 gerne als Deckmäntelchen nutzen, um mehr Flexibilisierung an den Arbeitsplätzen zu erreichen. Das ist der falsche Weg.