»Wir kommen schneller raus als nach 2001«

Lieferengpässe, Preisstabilisierungen und ein nachhaltiger Bedarfsanstieg – so sieht das Szenario nach Einschätzung der Teilnehmer am Halbleiterforum der Markt&Technik für 2010 aus.

»Die Kapazitäten, die wir ab dem vierten Quartal 2008 heruntergefahren haben, fahren wir wieder hoch, wir produzieren jetzt schon wieder mehr als 2008«, sagt Uwe Mengelkamp, General Manager DC/DC Converters, Power Management von Texas Instruments. Das bestätigt Otto Kosgalwies, Executive Vice President, Company Infrastructures & Services, Managing Director Central Europe von STMicroelectronics: »Wir produzieren wieder auf höchstem Niveau. Und die 12-Zoll-Kapazitäten der Foundries sind über die kommenden zwölf Monate ausgebucht.«

Allerdings bedeute das nicht, dass die wieder angefahrenen Linien jetzt schon so viel produzieren wie vor dem Stopp. Denn die Maschinen müssen erst wieder kalibriert, teilweise requalifiziert werden. »Zudem haben sich auch die Lieferanten unserer Lieferanten eingebremst, das muss jetzt alles wieder anlaufen«, so Kosgalwies. Deshalb dauere es zwischen zwei und drei Quartalen, bis die Produktivität wieder so hoch wie zuvor sei. Zumal ja auch die Backend-Kapazitäten wieder hochgefahren werden müssen, was bei diesen arbeitsintensiveren Prozessen bedeute, die ausgestellten Mitarbeiter wieder zurück zu holen oder neue Mitarbeiter einzuarbeiten.

Seit dem Ende des zweiten Quartals 2009 zieht die Nachfrage wieder an. »Es ist an der Zeit, wieder zu investieren, das Puffern ist zu Ende, die Foundries sind ausverkauft«, so Otto Kosgalwies. Das trifft auf eine Branche, die sich in der Krise gewandelt hat: »Unsere Zulieferer haben sich konsolidiert, und die Halbleiterhersteller haben Linien und Fabs vollständig geschlossen«, sagt Lars Reger, Vice President Strategy & Business Development Automotive von NXP. Er weist darauf hin, dass bis vor dem Abschwung 80 Prozent der existierenden Fabs 20 Prozent der Wafer-Kapazität abgedeckt haben. »Viele dieser kleinen Hersteller werden nicht weiter investieren, es gibt gewaltige Veränderungen.«

Die Folge sind jetzt steigende Lieferzeiten, teilweise schon Allokationen. »Das wird bis weit ins kommende Jahr hinein so bleiben «, resümiert Jürgen Weyer, Global Sales & Marketing, Vice President Automotive Sales & Marketing – EMEA von Freescale Semiconductor. »Die Produkte aus den Linien, die wir jetzt hoch fahren, kommen ja erst im Laufe des ersten Quartals 2010 auf den Markt.« Und Otto Kosgalwies ergänzt: »Ich rechne mit Lieferengpässen für die nächsten vier bis fünf Monate.« Genau das lässt die Halbleiterbranche in den Augen ihrer Kunden höchst seltsam erscheinen: Zuerst ist das Geschrei über einbrechende Aufträge groß. Gehen aber neue Bestellungen ein, können sie plötzlich nicht liefern.

Dazu ein kurzer Blick zurück: Ab August 2008 waren erste Anzeichen eines Abschwungs zu spüren, und die Halbleiterhersteller reagierten prompt: Sie fuhren die Kapazitäten herunter und als sich die Katastrophe abzeichnete, traten sie voll auf die Bremse. Im ersten Quartal sank ihr Umsatz um 50, teilweise 60 Prozent.

Seltsam aber verhalten sich auch die Anwender aus dem Blickwinkel der IC-Hersteller: »Als unsere Umsätze um 50 Prozent abstürzten, verloren die Kunden nur 25 Prozent«, erklärt Weyer. Der Grund: Sie räumten erst einmal die Lager leer. Nun aber bestellen sie äußerst kurzfristig. Auch wenn wir die Kapazitäten wieder hochfahren werden, ein Wafer braucht rund zwölf Wochen, um die Produktionsprozesse zu durchlaufen. »Ich sehe hier ein fundamentales Problem«, sagt Weyer. Die Erwartungen der Kunden passen nicht mit den Produktionsbedingungen der Halbleiterhersteller zusammen.« Die Probleme verschärfen sich in Zukunft noch, denn die Prozesse werden komplexer, was eher auf weiter steigende Durchlaufzyklen in den Fabs hindeute. »Die Schere geht also weiter auseinander«, so sein Fazit.

Jetzt aber stehen die Anwender vor ihren leergefegten Lagern, sie müssen bestellen. Die große Frage aber lautet: Wie hoch ist der Anteil der Lagerkonjunktur und wie hoch der nachhaltige Anteil an der steigenden Nachfrage?