Schwerpunkte

Interview mit Dr. R. Ploss, Infineon

Innovationen, auch digitale, sind kein Selbstzweck

08. Februar 2021, 09:37 Uhr   |  Joachim Kroll


Fortsetzung des Artikels von Teil 1 .

Europa und die Digitalisierung

Für welche Bereiche trifft dies Ihrer Meinung nach besonders zu?

Dr. Ploss: Das gilt etwa für das Thema künstliche Intelligenz. Europäische Unternehmen sind gut im analytischen Durchdringen von Komplexität. Hier sind allerdings hohe Investitionen notwendig. Daher muss meiner Meinung nach Europa insgesamt Initiative zeigen. Dafür braucht es den politischen Willen. Denn was hier benötigt wird, geht über das hinaus, was ein Unternehmen alleine entscheiden und leisten kann.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die GAIA-X-Initiative? Ist eine regierungsgesteuerte Initiative mit so vielen Stakeholdern und einem enormen Abstimmungsbedarf nicht viel zu träge für ein dynamisches Umfeld wie die Cloud-Infrastruktur?

Dr. Ploss: GAIA-X ist eine Initiative, wie wir sie brauchen. Von ihr können die europäische Volkswirtschaft und insbesondere der Mittelstand profitieren. Selbstverständlich gibt es dabei enormen Abstimmungsbedarf. Es müssen ja viele Anforderungen an eine solche Plattform berücksichtigt werden. Das darf uns aber nicht abschrecken, diesen Weg zu gehen. Bislang ist Europa abhängig von nicht-europäischen Plattformbetreibern, die außerhalb unserer demokratischen Kontrolle agieren. Der Schlüssel zur digitalen Souveränität Europas besteht in der Gestaltung von Alternativen, nicht in der Abschottung. GAIA-X zeigt aber auch eine der besonderen Herausforderungen der Datenwelten und deren Nutzung. Wir müssen zusammenarbeiten, um daraus Wert zu schaffen. Es ist dringend notwendig, dies durch entsprechende Gestaltung der Regularien auch zu ermöglichen. Darin sehen wir ein großes Wettbewerbspotenzial für Europa.

Ist in diesem Zusammenhang ein europäischer Halbleiterhersteller im globalen Vergleich noch wettbewerbsfähig?

Dr. Ploss: Der internationale Wettbewerb ist zweifellos hart. Und er wird zusehends härter. China hat ein sehr ambitioniertes Programm aufgelegt, mit dem es seine Abhängigkeit von nicht-chinesischen Halbleiterherstellern senken will. Das Land investiert massiv in Halbleitertechnologie und Produktion. Aber: Die Halbleiterindustrie ist ein Schlüssel zur Digitalisierung; den dürfen wir nicht aus der Hand geben. Um im internationalen Wettbewerb langfristig bestehen zu können, brauchen wir weltweit gleichwertige Rahmenbedingungen. Deshalb ist es gut, dass die Europäische Union mit ihrem Programm ECSEL Technologieförderung betreibt und die europäische Halbleiterindustrie stärkt. Das Programm soll unbedingt in die nächste Phase überführt werden, unter dem Namen »Key Digital Technologies Joint Undertaking«. Die bisherigen Schritte dahin sind durchaus ermutigend. Zudem setzen wir zur Stärkung unserer Wettbewerbsfähigkeit auf ein künftiges »IPCEI Mikroelektronik und Kommunikationstechnologien«.

Welche Strategien ergreifen Sie, um diese Wettbewerbsfähigkeit aufrecht zu erhalten?

Dr. Ploss: Infineon verfolgt seit Jahren die klare Strategie »P2S«, vom Produkt zum System. Wir entwickeln unser Unternehmen vom Produktdenken zum Systemverständnis weiter. Es reicht nicht, führende Technologien zu beherrschen, um dauerhaft erfolgreich zu sein. Es gilt, kontinuierlich neue Bereiche mit Differenzierungspotenzial zu identifizieren. Wir wollen die Erfolgsfaktoren unserer Kunden verstehen. Damit wird Infineon von einem Hersteller von Bauelementen zu einem Innovationspartner seiner Kunden.

Bitte verdeutlichen Sie dies an einem Beispiel!

Dr. Ploss: Wenn wir uns etwa den Bereich Internet der Dinge ansehen, dann finden wir hier viele Unternehmen, die eher aus der Anwendungssoftware kommen. Ihnen fehlt oft Hardware-Know-how. Gerade solchen Kunden können wir mit unserem Systemverständnis zusätzlichen Mehrwert bringen, wenn wir neben Halbleiterlösungen ebenso Referenzdesigns und Basissoftware liefern können. In diesem Zusammenhang haben wir im vergangenen Jahr einen großen Schritt gemacht: Mit der Übernahme von Cypress sind wir zum einen in die Gruppe der weltweit zehn größten Halbleiterhersteller aufgestiegen. Vor allem aber verfügen wir damit auch über ein komplettes Portfolio aller wesentlichen Bausteine, vom Halbleiter bis zum Software-Ökosystem, für energieeffiziente, intelligente und sichere IoT-Systemlösungen. 

Wie beurteilen Sie das Thema Datenschutz? Ist es nicht naiv, einerseits die Vorteile von intelligenten, vernetzten Systemen genießen zu wollen, andererseits auf einem vollständigen Schutz der persönlichen Daten zu bestehen? 

Dr. Ploss: Datenschutz ist hier ein wichtiges Thema. Da unterscheiden wir uns in Europa von anderen Regionen. Dass wir mit unserer Sensibilität beim Schutz der Privatsphäre nicht so falsch liegen, zeigt das Interesse an den Regelungen in Europa. Wir müssen aber auch bereit sein, Daten sinnvoll zu teilen, damit daraus ein Nutzen entstehen kann. Daten lassen sich anonymisiert und ohne Personenbezug erheben und auswerten. Für künstliche Intelligenz, Machine-Learning, Predictive-Maintenance, außerdem für Verkehrsvorhersagen und viele andere Anwendungen brauchen wir Daten, die oft ganz nah von den Menschen kommen. Daher engagieren wir uns auch bei Edge Computing und entwickeln entsprechende Produkte und Anwendungen. Nicht alle Daten müssen in der Cloud verarbeitet werden.

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2. Europa und die Digitalisierung
3. Herausforderungen bei KI und Quantencomputing

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