Kommentar Microchip nach dem Atmel-Kauf

Microchips Firmenzentrale in Chandler, Arizona.
Microchips Firmenzentrale in Chandler, Arizona.

Wie bei Zukäufen in der Halbleiterindustrie üblich, malt auch im Fall »Microchip kauft Atmel« der Käufer die Folgen der Akquisition in rosaroten Farben. Doch es gibt Herausforderungen, die kurzfristige wirtschaftliche Erfolge zweifelhaft erscheinen lassen.

Der Verkauf des Halbleiterherstellers Atmel war gewiss alles andere als unspektakulär: Zunächst bot Dialog Semiconductor, in erster Linie bekannt durch Stromversorgungschips, 4,6 Mrd. Dollar in Aktien. Dialog hoffte mit dem Deal, seine Kundenbasis zu vergrößern. Doch die Aktionäre sahen die Sache so kritisch, dass der Aktienkurs um glatt 27 % abschmierte und Dialogs Angebot schlagartig auf 3,5 Mrd. Dollar schrumpfte. Nachdem ein zweites Angebot von Cypress abgelehnt wurde, kam Microchip ins Spiel und bot mit 3,6 Mrd. Dollar exakt 100 Mio. Dollar mehr als Dialog - dazu nicht in Aktien, sondern in bar, wofür ein Kredit in Höhe von 800 Mio. Dollar aufgenommen werden muss. Im Mai soll das Geschäft in trockenen Tüchern sein.

Basierend auf Synergien in der Produktentwicklung und Kundenbasis hat Microchips umtriebiger CEO Steve Sanghi ein Einsparpotenz von 200 Mio. Dollar ermittelt. Nach Renesas und NXP wird Microchip mit einem Jahresumsatz von 3,2 Mrd. Dollar der weltweit drittgrößte MCU-Hersteller noch vor STMicroelectronics, Infineon, TI & Co. In einem Markt, wo Wachstum offensichtlich Priorität 1 genießt, sicher keine schlechte Idee, allerdings ist Atmels Umsatz zuletzt gesunken und die Firma hat Verluste eingefahren. Mit Blick auf Microchips ebenfalls limitiertes Wachstum im Jahr 2015 wird die Akquisition sicherlich eine finanzielle Herausforderung.

Die größte Frage ist sicherlich: Wie will sich Microchip produktseitig aufstellen. Neben seinen auf proprietären 8- und 16-bit-CPUs basierenden PIC-MCUs lizensierte man für 32-bit-Controller die MIPS-Architektur in Form von M4K, MicroAptiv und M5150. Von Atmel erbt man nun den AVR8, eine ebenfalls auf einer proprietären CPU basierende MCU sowie die ARM-Cortex-M-Chips.

Alle vier Architekturen sind zueinander inkompatibel, was deren Konsolidierung erschwert. Erst die Reduktion auf eine 8/16-bit- und eine 32-bit-Architektur würde nennenswerte Kosteneinsparungen bei Design, Validierung und Support bringen.

Kurzfristig ist dies allerdings nicht zu erwarten, da die Migration von AVR8/PIC oder MIPS/ARM alles andere als trivial ist. Im ersten Schritt ist somit maximal eine IP-Konsolidierung wie Speicher, serielle I/Os, A/D-Wandler und andere Peripherie wie Touch-Controller zu erwarten. Möglich erscheint auch eine Integration der Atmel-Chips in Microchips umfassendes Harmony-Software-Framework.

Freuen dürften sich auf jeden Fall Microchips Sales-Leute. Sie können Atmel-Kunden jetzt zusätzliche Angebote wie Schnittstellen-Chips, Analog-ICs und, nach dem Kauf von Micrel, Lösungen für Industriesteuerungen unterbreiten.

Erstmalig in der Mikrocontroller-Industrie wird damit die ARM-Architektur im direkten Vergleich gegen die MIPS-Architektur antreten. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Microchip seine Investitionen schon mittelfristig der Kunden-Nachfrage anpassen wird. Ich bin sehr gespannt, ob, und wenn ja, in welche Richtung sich die Waagschale senken wird: zugunsten von ARM oder MIPS. Für MIPS wäre es fast schon unbezahlbar, gelänge es, trotz weit unterlegenem Ecosystem, ARM in der Gunst der Kunden zu trotzen. Für ARM eröffnet sich dagegen die Möglichkeit, das letzte "gallische Dorf" einzunehmen und den 32-bit-MCU-Markt vollständig zu beherrschen.

Wäre ich CEO von ARM, ich würde Microchip Lizenzen für die ersten ARMv8-M-CPUs schenken - etwas, was sich MIPS-IP-Hersteller Imagination definitiv nicht wird leisten können.

Anwenderforum "Passive für Profis"

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