Neue Märkte Die große Wolke über Taiwan

Wer die taiwanische Elektronik-Industrie kennen lernen will, der kann das auf einer Messe wie der Taitronics in Taipeh. Ein großes Thema ist in diesem Jahr das Cloud-Computing, von dem sich das Land viel erwartet. Auch für seine Elektronik-Industrie.

In Deutschland lassen sich hochrangige Politiker nicht auf den großen Elektronik-Messen wie der electronica oder der embedded world blicken. In Taiwan sieht das anders aus. So erschien zur Eröffnung der Taitronics der zweite Mann des Landes, Vizepräsident Den-yih Wu. Er hielt eine Rede, überreichte Preise und sah sich einige Stände an.

Dabei ist die Taitronics mit rund 50.000 Besuchern und 800 Ausstellern deutlich kleiner als etwa die electronica. Außerdem ist sie weit weniger international. Aber die Elektronik ist nun einmal der stärkste Industriezweig des Landes. Im dritten Quartal erreichten die elektronischen Komponenten ein Marktvolumen von 7,5 Mrd. US-Dollar. Das Land profitiert derzeit von dem Smartphone- und Tablet-Boom. Besonders die größte Foundry TSMC, die im Auftrag der Fabless-Hersteller zahlreiche Chips dafür fertigt oder auch der EMS-Diensleister Foxconn, der die Geräte zusammenbaut.

Aber auch die Euro-Krise geht nicht spurlos an dem exportorientierten Taiwan vorbei. Wie Vizepräsident Wu in seiner Rede sagte, stagnieren die Ausfuhren nach Europa. Das Gleiche gilt für ausländische Investitionen in Taiwan. Allerdings hat sich die Situation im September wieder überraschend gebessert.

Smart und gesund in die Wolke

In diesem Jahr steht die Messe im Zeichen der so genannten des „Smart Living" und des „Cloud Computing". Ganz neu sind diese Schlagworte nicht aber die dazugehörigen Technologien wurden 2009 als besonders wichtig definiert und werden dementsprechend vom Staat gefördert. Bis 2015 wird Taiwan rund 800 Mio. Dollar in das Cloud-Computung stecken. Das Marktvolumen liegt dann weltweit bei 250 Mrd. Dollar.

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Politiker, Produkte-Catwalk und flexible LED-Folien - Eindrücke von der Messe

Reden, Produkte-Catwalk und flexible LED-Folien - Eindrücke von der Messe

Warum Taiwan in die Cloud drängt, hat nachvollziehbare Gründe. Das Land hat große Erfahrung beim Herstellen von Computern, Servern, Speicher-Systemen und Switches. Ziel ist es, mit diesem Know-how international konkurrenzfähige Unternehmen aufzubauen, die dann Cloud-Dienstleistungen in der ganzen Welt anbieten können.

Bevor es soweit ist, laufen zahlreiche Projekte im ganzen Land, um Erfahrungen zu sammeln und zu zeigen, dass sie auch funktionieren. Dazu gibt es zwei wichtige Großprojekte, bei denen die Gesundheits- und Steuerdaten der gesamten Bevölkerung in die Cloud verlegt werden. Da es in Taiwan nur eine staatliche Krankenkasse gibt, ist das leichter als in Deutschland.

Sollte der Plan aufgehen, dann profitieren auch zahlreiche Unternehmen der taiwanischen Elektronik-Industrie wie etwa die Computer-Hersteller, die Telekom-Provider oder auch die Hersteller von Glasfaserkabeln. Nicht zuletzt ist der Computer- und Servermarkt immer noch der größte Abnehmer für die Halbleiterindustrie.

Wie die taiwanischen Cloud-Dienste so aussehen, lässt sich auf der Taitronics auch schon sehen. So hat die Hauptstadt Taipeh bereits 650 Terminals aufgestellt, an denen Menschen verschiedene medizinische Parameter wie den Sauerstoffgehalt des Blutes oder den Blutdruck messen lassen können. Die Werte werden dann mit einer cloud-basierten Datenbank abgeglichen und man erfährt, ob alles in Ordnung ist. Der Schlüssel zu dem System ist die Krankenkarte, mit der man sich an dem Terminal anmeldet.

Da unter den Begriff „Smart Living" auch die Gesundheit fällt, werden solche Systeme, ob zu Hause oder im öffentlichen Raum, in Zukunft wohl häufiger in Taiwan zu finden sein. Profitieren werden davon auch die Hersteller in der Medizinelektronik, die solche Messgeräte bauen.

Neben medizinischen Anwendungen gibt es auch Projekte, bei denen die Schultafel durch ein großes Display abgelöst wird. Der Lehrer kann nach wie vor darauf schreiben aber auch multimediale Inhalte aufrufen, die wiederum in der Cloud hinterlegt sind.

Die Sicherheit der Cloud-Daten wird ernst genommen aber wohl nicht als Hindernis empfunden. Shyue-Ching Lu, CEO des größten Telekom-Providers Chungwha sagte dazu, dass es nirgendwo eine 100prozentige Sicherheit gäbe. Wenn Unternehmen ihre Daten teilweise in die Cloud auslagerten, könne das für deren Sicherheit sogar besser sein. Ein Unternehmen wie Chungwha habe beim Thema Sichherheit deutlich mehr Möglichkeiten und Experten als ein kleines oder mittleres Unternehmen.

Die Cloud in der Industrie

Solche Anwendungen werden auch für industrielle Zwecke entwickelt. Der Mischkonzern Formosa Plastics Group hat dazu ein interessantes Projekt auf der Messe präsentiert. Hintergrund ist das Vorhaben der chinesischen Regierung, den Energieverbrauch des Landes bis 2015 um 16 Prozent zu senken. In Kunshan bei Shanghai hat die Formosa Plastics Group die Fabriken mit jeder Menge Energiezählern ausgestattet, die jeden Verbraucher innerhalb des Unternehmens erfassen. Die erfassten Daten werden dann in eine dafür eingerichtete Cloud eingespeist. Damit kann die Stadtverwaltung genau und bequem kontrollieren, welches Unternehmen wie viel Energie verbraucht und ob es die Auflagen erfüllt. Die Unternehmen haben damit auch die Möglichkeit ihren eigenen Verbrauch zu optimieren. Jedes Unternehmen kann nur seinen eigenen Verbrauch sehen, die Gesamtzahlen sind nur der Stadt zugänglich.

Die Taitronics zeigt, dass Taiwan derzeit konsequent in die Cloud gehen will, was wiederum neue Möglichkeiten für die Elektronik-Industrie schafft. Dass das Land solche Vorhaben umsetzen kann, hat es mit der Computerindustrie und der Halbleiterfertigung bereits bewiesen.