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Nach dem »Ausverkauf« in Europa

Ist die Politik schuld?

29. Juni 2016, 10:59 Uhr   |  Heinz Arnold


Fortsetzung des Artikels von Teil 1 .

Brauchen wir in Europa More-Moore-Fabs?

Johann Weber Zollner
© Markt & Technik

Johann Weber, Zollner: »Wir stehen vor enormen Umbrüchen. Wir müssen die Führung übernehmen, Vorbild sein, und wir können nicht auf die Politik warten.«

Und eine weitere Frage, die sich die Politik stellen muss, wirft auch Jürgen Weyer auf: »Brauchen wir die Fabs überhaupt hier vor Ort?« Er beantwortet sie gleich selber: »Nein!« Denn er sieht in der Fertigung von „More-Moore“-ICs, also von digitalen ICs, bei denen es darauf ankommt, sie mit den möglichst kleinsten Strukturbreiten zu fertigen und für die die Fabs teuer sind, keine wesentlichen Möglichkeiten zur Differenzierung. Deshalb funktioniert das Geschäftsmodell der Fabless-Unternehmen gut. Zudem lagern die IDMs die Fertigung zunehmend an Foundries aus.

Doch macht sich ein Halbleiterunternehmen dann nicht zu stark von wenigen, vor allem in Asien beheimateten Foundries abhängig? Das ist laut Weyer nicht der Fall. Denn es gibt durchaus viele Foundries, nicht nur in Asien. Mit der XFab und GlobalFoundries in Dresden – eine der wenigen More-Moore-Fabs in Europa – produzieren sogar zwei Foundries vor der Haustür. Und es gibt noch eine zweite Entwicklung, die gegen die These der Abhängigkeit spricht: Selbst große IDMs wie Intel versuchen, die Auslastung ihrer Fabs dadurch zu steigern, dass sie ihrerseits vermehrt Foundry-Dienste anbieten. Es wird also laut Weyer künftig tendenziell eher mehr Foundry-Kapazitäten als weniger geben, und zwar über die Weltregionen verteilt.

IP zählt
 
Was noch viel wichtiger ist: Ohne die Bürde der so kapitalintensiven Fabs können sich die Hableiterhersteller auf ihre eigentliche Kernkompetenz konzentrieren – den Entwurf von ICs. Denn auf dieser Ebene können sie sich von ihren Wettbewerbern differenzieren und ihren Kunden einen Mehrwert verschaffen.

Wie dies geht, hat übrigens auf beeindruckende Weise ein englisches Unternehmen gezeigt: Advanced RISC Machines, kurz ARM. Und das auf einem Gebiet, auf dem zu dieser Zeit die meisten Experten wohl die Claims für abgesteckt gehalten und einem Newcomer, der die 1989 aus Acorn ausgegliedert worden war, wenig Erfolg zugetraut hätten: Controller. Das gibt Weyer unumwunden zu: »Keiner konnte sich damals vorstellen, dass das was wird!« Diese Firma hatte sogar nicht nur auf die eigene Fab verzichtet, sondern sogar auf eigene „greifbare“ ICs.

Damit ist sie ein Paradebeispiel dafür, wie man sich auf der Ebene des Produkts von Wettbewerbern über sein Kern-Know-how – auch Intellectual Property (IP) genannt – differenzieren kann. ARM ist dies so gut gelungen, dass die eigene Technologie zur dominierenden Architektur aufgestiegen ist und die meisten Controller-Hersteller heute ARM-Lizenzen genommen haben, um neben den auf eigenen Architekturen basierenden Produkten auch ARM-basierte Controller anbieten zu können. Ähnliches gilt für eine weitere erfolgreiche Firma: Apple (ursprünglich einer der Hauptinvestoren von ARM), nebenbei bemerkt übrigens auch ein guter Foundry-Kunde. »Apple fertigt die Smartphones nicht in den USA, aber die Investitionen finden in den USA statt. Es geht doch nicht darum, wo produziert wird, sondern wo das geistige Eigentum ist«, erklärt Weyer.

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