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Das einstige Startup auf Rekordkurs

100 Mio. APIX-Knoten im Auto

08. Oktober 2018, 14:44 Uhr   |  Heinz Arnold


Fortsetzung des Artikels von Teil 2 .

Nachfolgegeneration frühzeitig entwickeln

Jetzt ist also alles entspannt, das Team, das so hart gearbeitet hat, kann nun zusehen, wie die harte Arbeit Früchte trägt? Weit gefehlt: Ein Halbleiterhersteller, der nach den Regeln des „Design for Automotive“ arbeitet, muss immer schon dann damit beginnen, die Nachfolgegeneration zu entwickeln, während noch intensiv an der Vorgängergeneration gearbeitet wird. Selbstverständlich in enger Kooperation mit den OEMs, die ihre Anforderungen formulieren. Schon die erste Generation hatte Inova im Bewusstsein entwickelt, dass die Datenübertragungsraten steigen werden. Dass mit den 3 Gbit/s der zweiten Generation nicht das Ende erreicht sein würde, war ebenfalls klar. Die Abschätzung von BMW, aber auch den anderen großen deutschen OEMs – Audi, Daimler und Volkswagen – lautete noch 2012: 5 Gbit/s sollten auch noch nach 2018 ausreichen. Bestärkt durch dieses White Paper der „Big Four“ arbeitete Inova an der Entwicklung von APIX Next, eine evolutionäre Weiterentwicklung von APIX2 und von Beginn an bereits für 5 Gbit/s „plus Reserve“ ausgelegt.

Mit dem Aufkommen der ersten 4K-Displays im Konsumgütermarkt (UHD-Fernseher) war diese Marke von 5 Gbit/s aber schnell wieder Geschichte. Bereits im Frühjahr 2013 kam BMW auf Inova zu: »Wir wollen diese 4K-Displays künftig auch im Auto einsetzen und brauchen dafür künftig 12 Gbit/s.« Damit war das evolutionäre Konzept „APIX Next“ gestorben. »Das bedeutete gegenüber unseren kühnsten ursprünglichen Vorgaben von einem Tag auf den anderen mehr als eine Verdoppelung der geforderten Datenrate. Neben einem kleineren Technologieknoten mussten auch völlig neue Schaltungskonzepte gefunden werden«, erinnert sich Kraus noch lebhaft: »2014 mussten wir bei APIX3 praktisch komplett neu anfangen – wieder mit dem Rücken zur Wand.«

2016 war die neue Generation in ihren Grundzügen fertig. Konnte Inova BMW wiederum überzeugen, nach APIX1 2008, der „NBT“-Plattform mit APIX2 2012, auch bei der Nachfolgegeneration „MGU“ (Media Graphics Unit) von Beginn an wieder auf APIX3 zu setzen? Eine wesentliche Rolle bei dieser Entscheidung spielte dabei der Zulieferer, der beide Plattformen entwickelt hat: Bei der „NBT“ noch Skeptiker, hat dieser sich zum Befürworter von APIX gewandelt und voll die Entscheidung befürwortet, bei der MGU von Beginn an auf Zukunftssicherheit und APIX3 zu setzen.

Die Entscheidung für APIX3 im Jahr 2016 bedeutete aber auch: Frist für voll qualifizierte Produkte 2017! Der Zeitdruck blieb dem Unternehmen treu. Kraus: »Über 10 Jahre immer auf Kante.«

Wiederum übernahm die Münchner Chipschmiede eine Pionierrolle. Wurden APIX1 und APIX2 noch im 180-nm-Technologieknoten bei Globalfoundries gefertigt, entschloss sich Inova, bei APIX3 die 90-nm-Ebene zu überspringen und gleich auf den neuen 55-nm-„Automotive-Knoten“ von Globalfoundries zu gehen, der in Form von APIX3 auch erstmals bei BMW zum Einsatz kommt – eine weitere Premiere.

»So ein komplexes Mixed-Mode-SoC-Produkt wie APIX3 für den Einsatz im Auto zu entwickeln ist fast schon Philosophie: Es geht ja nicht nur um die Einhaltung der Zielspezifikation – gerade mal 167 ps breite Pulse über 10 m Kupferkabel zuverlässig zu übertragen erfordert hohe Ingenieurskunst –, das Ganze über einen weiten Temperaturbereich unter Einhaltung immer höherer EMV/ESD-Vorgaben. Dieses „Design for Automotive“ muss buchstäblich gelebt werden, da hier bei vielen Themen eine ganz andere Herangehensweise notwendig ist. Das geht nicht von heute auf morgen und BMW hat uns unheimlich dabei geholfen, dass wir im Design-Team über all die Jahre dieses „Automotive-Gen“ entwickelt haben.« Lässt sich unter diesen Bedingungen der Entwicklungszyklus halten? Robert Isele kann wiederum entspannt lächeln: Inova hat es auch diesmal geschafft.

Trotz der exponentiell steigenden Komplexitätsanforderungen ist es Inova aber über alle APIX-Generationen hinweg bis heute gelungen, seine Zusagen für die Verfügbarkeit der neuen Produkte – wenn auch oft knapp – zu halten und so die Termine für den Hochlauf der neuen Plattformen bei den OEMs. Und dies nicht nur bei BMW, sondern auch bei seinen anderen großen Kunden. Und auch für die ersten APIX3-Derivate – mit DisplayPort-Schnittstelle und nochmals erweiterter Funktionalität – steht bereits der Zeitplan: erste Muster anfangs des zweiten Quartals 2019.

Für Inova bedeutet dies aber auch: Weiter steigende Stückzahlen. »APIX3 läuft bei BMW gerade auf der „MGU“ in Serie an, Ende 2019 folgt beim zweiten großen Kunden bereits der Anlauf mit der 12-Gbit/s-Version, darüber hinaus laufen aktuell auch schon Design-in-Projekte mit SOP in 2021 und 2022.«

Und auch mehrere chinesische Fahrzeughersteller haben sich bereits für APIX – teilweise schon APIX3 – entschieden: BJEV (Beijing Electric Vehicle) etwa, Tochter der staatlichen BAIC-Gruppe und größter Hersteller von Elektrofahrzeugen in China, setzt seit dem Frühjahr die APIX-Technik bereits in Serie ein. Vom Gift der Skepsis ist im Jahr 2018 – zehn Jahre, nachdem die erste APIX-Generation erstmals ins Auto Einzug gehalten hatte – nichts mehr zu spüren, im Gegenteil: Jetzt feiert Inova 100 Millionen APIX-Chips auf dem Markt. »In fünf Jahren werden wir allein mit APIX einen Umsatz im höheren zweistelligen Mio.-Euro-Bereich haben«, freut sich Robert Kraus. Was 2002 mit einer Idee begann, sich 2004 mit Hilfe von BMW zu einem ernsten Projekt entwickelte und in eine konkrete erste APIX-Generation mündete, ist nun in Stückzahlen und Umsatzregionen vorgestoßen, von denen 2008 nicht mal zu träumen war.

Sogar noch im Schicksalsjahr 2012, zu einem Zeitpunkt, als die Wende bereits eingeleitet war, dürften bei Team und Investoren Träume vor allem in albtraumhafter Form aufgetaucht sein. Noch immer standen Stückzahlen und Umsatz als Versprechungen auf dem Papier. »Wir schrammten haarscharf am Ende vorbei«, konstatiert nüchtern Kraus. Das Glück des Tüchtigen half, »denn eine zweite Chance hätte uns keiner gegeben.«


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1. 100 Mio. APIX-Knoten im Auto
2. Ein Ökosystem entsteht
3. Nachfolgegeneration frühzeitig entwickeln
4. Aufbruchzeiten wiederbelebt....

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