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Das einstige Startup auf Rekordkurs

100 Mio. APIX-Knoten im Auto

08. Oktober 2018, 14:44 Uhr   |  Heinz Arnold


Fortsetzung des Artikels von Teil 1 .

Ein Ökosystem entsteht

Doch die Partnerschaft musste über die Halbleiterhersteller hinausgehen, das war Kraus von Anfang an klar. Denn neben zueinander kompatiblen Chips müssen auch die Kabel und die Steckverbinder abgestimmt sein, die Messtechnik musste neu entwickelt werden. »Wir wollten nicht einfach einen APIX-Standard, sondern ein echtes Ökosystem schaffen.« Das ist gelungen: Um den harten Kern der ursprünglichen Partner – neben Socionext Leoni und Rosenberger – scharen sich heute zahlreiche weitere Partner von Halbleiterherstellern wie Toshiba, Analog Devices und Cypress bis zu den Herstellern der Messtechnik wie Göpel electronic, Ruetz Technologies und Alfamation, aber auch den großen Scopeherstellern Tektronix und Keysight – einige Modelle sogar mit eigener „APIX-Taste“.

»Unser Versprechen gemeinsam mit unseren Partnern an die APIX-Anwender war und ist, dass alle Komponenten des APIX-Ökosystems aufeinander abgestimmt sind und zuverlässig miteinander funktionieren – ohne Wenn und Aber. Das ist letztendlich – anders als bei vielen „Standards“ – ein wesentlicher Grund, warum sich APIX so nachhaltig im Markt durchgesetzt hat«, so Kraus. Inzwischen erfüllte Inova die in sie gesetzten Erwartungen und lieferte pünktlich: 2008 war der Chip fertig, der 1-Gbit/s-Link funktionierte.

Zum Ausruhen blieb allerdings wenig Zeit. Denn durch den Erfolg wurde auch klar: Es wird eine zweite APIX-Generation geben müssen, da die Displays im Auto immer größer und auch deren Auflösung immer höher wurden. Die neue Anforderung von BMW lautete deshalb im Januar 2009: Verdreifachung der Datenrate auf 3 Gbit/s, erste Muster von APIX2 bereits im Februar 2010. Diese Vorgabe lässt Robert Kraus fast zehn Jahre danach noch nach Luft schnappen: »Wir standen mit dem Rücken zur Wand.«

Zumal bisher viel geplant, entwickelt und versprochen wurde, dagegen aber von Stückzahlen, Umsatz und Return-on-Investment noch nicht die Rede war. Seitdem Inova 2004 beschlossen hatte, die Automotive-Strategie zu verfolgen, mussten sich die Investoren in Geduld fassen – die Aussicht, dies auf absehbare Zeit auch weiterhin tun zu müssen, versetzte sie nicht gerade in Euphorie. Umso wichtiger war es deshalb, dass das Bayerische Wirtschaftsministerium von Anfang an – später auch der Bund – an das Unternehmen und seine APIX-Technologie glaubten und dessen Entwicklung im Rahmen verschiedener Programme über viele Jahre förderten.

BMW war aber auf das Datum angewiesen, das Unternehmen wollte seinerseits die zweite APIX-Generation unbedingt zur electronica 2010 präsentieren. Der APIX2-Testchip musste also Anfang 2010 auf Anhieb funktionieren.

Zu allem Überfluss ließ BMW dann noch im Nachhinein ein kleines Bömbchen mit einer zusätzlichen Anforderung platzen: Nun sollte bei APIX2 auch noch eine Ethernet-Schnittstelle integriert werden. Das zu realisieren war nicht gerade trivial. Denn ohne hier tiefer in die Details einzusteigen: Die Datenformate, die dabei zu übertragen sind – neben den Videoströmen jetzt auch Audio, Ethernet und die Schlüssel für den HDCP-Kopierschutz – sind völlig unterschiedlich.

Viele neue Lösungen waren also erforderlich, um alles über den APIX-Datenstrom zu transportieren. Und Robert Isele lächelt dazu wissend: »Die erste Reaktion von Robert Kraus war der spontane Ausruf: „Das geht ja gar nicht!“ Aber Inova hat es wieder einmal geschafft und wir konnten 2012 die ersten Autos mit der neuen NBT- (Next Big Thing) Head-Unit vorstellen, mit APIX2 als Display-Link.«

2012 – zu diesem Zeitpunkt war das Start-up Inova immerhin schon 13 Jahre alt. »Endlich waren wir in der Serienfertigung angekommen, es war Licht am Ende des Tunnels zu sehen, wir konnten mit planbaren, weiter steigenden Stückzahlen rechnen«, freut sich Kraus noch heute sichtbar erleichtert. »Das war im Grunde unser zweiter Geburtstag.«

Sogar mehr als das: BMW war von der Technik begeistert, die Wettbewerbsprodukte waren noch lange nicht so weit. Denn inzwischen fanden die APIX-Chips auch im Zentraldisplay, Kombiinstrument und im Rear-Seat-Infotainment Einsatz, Fujitsu und Toshiba stellten sie in Lizenz her. 2012 hatte die erste Million APIX-Chips von Inova die Fabs verlassen. Nach der Premiere 2008 in der 7er-Baueihe F01 wurden der APIX-Link nach und nach in sämtlichen Modellen von BMW eingesetzt.

Ein Jahr später war es dann soweit: »2013 entschieden sich Volvo und Jaguar Land Rover, auf ihren neuen Plattformen künftig APIX einzusetzen« freut sich Kraus. Später kam dann Alfa Romeo (FCA-Konzern), aber auch die zu VW gehörenden Premiummarken Bentley und Maserati dazu.

Unter den Halbleiterherstellern wurde 2011 Analog Devices auf Inova aufmerksam und lizenzierte die APIX-Technik. Nun mangelt es amerikanischen Halbleiterherstellern nicht gerade an Selbstbewusstsein und in ihrer ernsthaften Liebe zu technischen Durchbrüchen können sie ein einnehmendes Wesen entwickeln. »Zwischen 2014 und 2016 durchlebten wir einige interessante Phasen in unserer Kooperation. Insgesamt aber war und ist die Zusammenarbeit mit Analog Devices ein wichtiger Meilenstein««, so Kraus.

Und nach dem technischen Durchbruch stellte sich dann auch schnell der wirtschaftliche Erfolg ein, der nicht nur die Investoren, sondern das gesamte Inova-Team ruhiger schlafen ließ: Nach der „schwarzen Null“ 2012 ging es nur noch in eine Richtung – aufwärts, und dies sehr rasant; seit 2011 hat das Unternehmen seinen Umsatz verzehnfacht. Was dann auch in der Wirtschaftspresse auffiel: Der Fokus kürt seit 2016 den deutschen Fabless-IC-Hersteller regelmäßig als „Wachstumschampion“ als eines der 500 umsatzmäßig am schnellsten wachsenden unabhängigen deutschen Unternehmen – jetzt im Oktober 2018 wieder als „Wachstumschampion 2019“.


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1. 100 Mio. APIX-Knoten im Auto
2. Ein Ökosystem entsteht
3. Nachfolgegeneration frühzeitig entwickeln
4. Aufbruchzeiten wiederbelebt....

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