Hände weg von innovativen Technologien

Wer langlebige Güter produziert, braucht Bauelemente, die auch in fünf, zehn oder zwanzig Jahren noch zur Verfügung stehen – ein Anspruch, der bei den Bauelementeherstellern auf taube Ohren stößt: Sie richten ihr Produktspektrum zusehends auf den umsatzstarken, kurzlebigen Massenmarkt aus. Produktlebenszyklen von wenigen Monaten sind keine Seltenheit.

Wer langlebige Güter produziert, braucht Bauelemente, die auch in fünf, zehn oder zwanzig Jahren noch zur Verfügung stehen – ein Anspruch, der bei den Bauelementeherstellern auf taube Ohren stößt: Sie richten ihr Produktspektrum zusehends auf den umsatzstarken, kurzlebigen Massenmarkt aus. Produktlebenszyklen von wenigen Monaten sind keine Seltenheit.

In den Entwicklungsabteilungen heißt die Devise immer häufiger: Hände weg von allzu neuen und innovativen Technologien. Detlef Blum, Bombardier Transportation, Propulsion & Controls Germany, Ludger Penkhues, Leiter Einkauf & Logistik der Autoflug GmbH, sowie Frank Schimmelpfennig, Leiter Elektronikentwicklung der Gira, Giersiepen GmbH & Co. KG, erklären, welche Strategien es gibt, um die Obsolescence-Problematik zu entschärfen. Alle drei Interviewpartner sind Vorstände der Component Obsolescence Group (COG) Deutschland.

Verschärfen sich die Obsolescence-Probleme derzeit?

Detlef Blum: Die Obsolescence-Problematik hat sich, beginnend in den 80ern und frühen 90ern, immer weiter verschlimmert. Während Bauelemente in den 80ern wenigstens noch mehrere Jahre verfügbar waren, müssen wir heute beobachten, dass Bauelemente teilweise innerhalb von nur drei Monaten abgekündigt werden.

Ludger Penkhues: Das betrifft überwiegend elektronische Bauelemente, aber auch in der Mechanik häufen sich die Fälle. Gleiches gilt für Software oder Betriebssysteme, die auch nach fünf oder zehn Jahren noch einsetzbar sein müssen. Hinzu kommt, dass durch die RoHS-Umstellung ganze Fertigungsprozesse obsolet werden.

Nicht nur die Lebensdauer der Bauelemente sinkt, gleichzeitig kommen auch immer mehr applikationsspezifische Bauelemente auf den Markt. Verschärft dies die Situation zusätzlich?

Frank Schimmelpfennig: Allerdings. Wir empfehlen unseren Entwicklungsabteilungen, grundsätzlich keine Single-Source-Bauelemente einzusetzen, weil die Abhängigkeit von einem Lieferanten damit zu groß wird. Einige Obsolescence-Lösungsanbieter raten, auf Standardbauelemente zu verzichten und anstelle dessen zum Beispiel ein ASIC einzusetzen. Aber auch das ist kein Königsweg, denn die Technologien lösen einander zu schnell ab.

Sehen sie einen Trend in den OEM-Firmen auf neue, innovative Technologien zu verzichten, weil diese mit Blick auf ihre langfristige Verfügbarkeit schwer einschätzbar sind?

Blum: Ja, ganz sicher. Den Einsatz allzu aktueller Technologien muss man den Entwicklern eigentlich verbieten. Wenn man das Neueste nimmt, kann man nicht sicher sein, ob diese Technologie in zwei Monaten nicht schon wieder tot ist. Die Schwierigkeit besteht darin, eine Balance zu finden zwischen den neuen Technologien und der Langlebigkeit des Produktes. Wenn man das nur an einer Komponente festmacht, läuft man in ein großes Gefahrenpotenzial hinein. Deswegen müssen die Strategien auf der Produktschiene ansetzen, nicht nur auf der Komponentenschiene.

Aber wenn sich in der Konsequenz zahlreiche OEMs aus Angst vor Versorgungsproblemen von innovativen Technologien und applikationsspezifischen Bauelementen abwenden, müssten doch bei den Bauelementeherstellern die Alarmglocken läuten?

Schimmelpfennig: Die kleineren Stückzahlen sind für die Hersteller nicht wirklich kritisch. Und ich bin überzeugt, dass wir durch die Marktbereinigung durch Firmenfusionen noch eine weitere Verschärfung erfahren werden. Gehen zwei größere Halbleiterhersteller zusammen, ist das auch immer eine Gelegenheit zur Portfoliobereinigung, unter der einige Kunden leiden werden.

Branchen wie die Industrieelektronik, Automotive oder Automatisierung zählen doch aber zu den wichtigsten Kundenkreisen der Distribution. Stoßen diese Kunden auf mehr Verständnis?

Penkhues: Allmählich zeigt die Distribution Interesse. Die Distributoren merken, dass sie tatsächlich Mehrwert bieten können, wenn sie sich auf Hersteller konzentrieren, die langfristige Verfügbarkeiten von Bauelementen zusichern. Einige entwickeln Tools und Methoden wie zum Beispiel Datenbanken, um zumindest die Information an den Produzenten des Gerätes weiterzuleiten, wenn ein Produkt obsolet wird oder sich am Produkt etwas ändert. Es stehen aber noch keine ausgereiften Supply-Chain-Lösungen zur Verfügung. Die Branche befindet sich hier noch in den Anfängen.

Aber es wird allen Präventivmaßnahmen zum Trotz immer wieder vorkommen, dass es Bauelemente definitiv nicht mehr gibt. Was dann?

Schimmelpfennig: Unternehmen müssen einen Aktionsplan in petto haben, der sie auf diese Situation vorbereitet. Zunächst muss festgelegt werden, was beim Eintreffen einer Obsolescence-Information passiert, an wen sie weitergeleitet wird. Im zweiten Schritt muss der Bedarf ermittelt werden – eine komplizierte Rechnung, in die auch die Verkaufszahlen der eigenen Produkte eingehen. Leider gibt es kein Patentrezept, jede Firma muss ihren eigenen Weg finden.

Woher bekommen Entwickler die Information über die voraussichtliche Lebensdauer der Bauelemente?

Schimmelpfennig: Zur Bauelementeauswahl gibt es inzwischen einige Tools von Spezialanbietern, die theoretisch eine Abschätzung ermöglichen, wie lange die Komponente auf dem Markt verfügbar sein wird. Sonst bleibt nur der Weg, die Hersteller einzeln abzufragen.

Welche zusätzlichen Kosten verursacht Obsolescence?

Penkhues: Das hängt vom Einzelfall und vom Endprodukt ab. Wenn zum Beispiel ein Redesign fällig wird, könnten die Kosten dafür unter Umständen ein Mannjahr betragen. Wenn Flugzeuge auf dem Boden bleiben müssen oder Züge nicht fahren können, weil ein Bauelement fehlt, liegen sie ungleich höher.

Schimmelpfennig: Die Lizenzkosten für ein Softwaretool variieren und können durchaus um die 100.000 Euro pro Jahr betragen. Wir hoffen, dass sich in den nächsten Jahren Servicedienstleister etablieren, die diese Produkte vorhalten und Recherchen betreiben.

Hat RoHS das Obsolescence-Problem verschärft?

Schimmelpfennig: Ja, denn viele Hersteller haben nicht all ihre Bauelemente auf RoHS-Konformität umgestellt, sondern bei der Gelegenheit ihr Portfolio bereinigt.

Penkhues: Etliche von RoHS ausgenommene Bereiche wie Militär oder Medizintechnik haben heute das Problem, dass bleihaltige Bauelemente nicht mehr verfügbar sind. Aber RoHS könnte noch viel weitreichendere Auswirkungen haben: Es gibt bis heute noch keine Langzeituntersuchungen darüber, wie sich bleifreie Bauelemente langfristig verhalten, die mit bleihaltigem Lot gelötet wurden. Denn allein das Delta von 20°C beim Löten kann enorme Auswirkungen haben. Aber nicht nur RoHS könnte die Lebensdauer negativ beeinflussen: Wir hören aus den USA konkrete Warnungen, dass sich aufgrund der geringen Strukturbreiten, die gerade auf den Markt kommen, die Lebensdauer massiv verkürzt.

Das Interview führte Carmen Skupin, Markt&Technik

Was ist Obsolescence?

Unter OS versteht man die Abkündigung von Produkten durch den Hersteller. Die abgekündigten Teile, Baugruppen oder Systemkomponenten sind dann von den Herstellern meist nicht mehr erhältlich (es sei denn, sie lagern einen gewissen Vorrat ein). Für Hersteller von langlebigen Gütern mit Produktlebenszyklen von etwa 10 Jahren bis über 30 Jahre entstehen in solchen Fällen oft sehr hohe Beschaffungs- und Wiederbeschaffungskosten.

Die Component Obsolescence Group (COG)

Deutschland ist eine Interessengruppe, die sich mit dem Nichtverfügbarkeitsproblem auseinandersetzt. Sie wurde vor drei Jahren nach dem Vorbild der englischen COG gegründet und fördert den Informationsaustausch zwischen ihren Mitgliedsfirmen über den Umgang mit abgekündigten Bauelementen oder aufgekündigtem Softwaresupport und entwickelt Hilfsmittel zur Unterstützung ihrer Mitglieder. Auf diese Weise sollen OS-Probleme frühzeitig erkannt und in ihren Auswirkungen eingegrenzt werden. Aktuell sind 46 Unternehmen aus allen Industriebereichen in der COG Deutschland vertreten. Weitere europäische COG-Organisationen sind geplant: Voraussichtlich in Italien und Frankreich werden sich weitere Interessengruppen gründen.