Globalisieren oder sterben!

Die Ära des globalen, technischen Distributors ist angebrochen. Dave Bowers, Nu Horizons Electronics, kommentiert die veränderten Bedingungen im weltweiten Markt.

Die Ära des globalen, technischen Distributors ist angebrochen. Dave Bowers, Nu Horizons Electronics, kommentiert die veränderten Bedingungen im weltweiten Markt.

Niemand braucht daran erinnert zu werden, dass sich die Struktur der Elektronikindustrie im Laufe des letzten Jahrzehnts dramatisch verändert hat, doch bestehen Missverständnisse über die Art dieser Veränderung. Das Ganze ist nicht einfach nur eine Frage von Produkten, die im Westen entwickelt und im Fernen Osten gefertigt werden. Das Bild ist komplizierter. Es ist auch eine Wanderbewegung bei der Entwicklung festzustellen, und diese wird im Laufe der nächsten Jahre »portabler« sein als die der Fertigung. Schließlich ist es wesentlich einfacher, geistiges Eigentum, also Intellectual Property (IP), rund um den Planeten zu schicken, als Bauelemente oder Fertiggüter umherzubewegen.

Doch auch die Durchführung des Designs ändert sich. Es ist mittlerweile bei einer komplexen Entwicklung alltäglich, dass sie in Teilbereiche aufgeteilt wird, um die höchste Effizienz und die niedrigsten Kosten zu erzielen. Verschiedene Elemente einer Entwicklung werden in unterschiedlichen Teilen der Welt geschaffen. Man verlässt sich mehr und mehr auf High-Level-Plattformen, und Halbleiterunternehmen stellen Referenzdesigns zur Verfügung, die ihren Kunden helfen, schneller auf den Markt zu kommen, nachdem die Produktlebenszyklen, insbesondere in der Consumerelektronik, immer noch kürzer werden.

Einige Beobachter halten den Schutz von Design-IP für das kritische Problem der OEMs. Das ist ohne Zweifel ein Faktor, dem man Beachtung schenken muss, doch sind wir nicht der Ansicht, dass er die Portabilität von Designs einschränkt.

Doch es gibt einen weiteren Faktor, der Veränderungen im Bereich Entwicklung vorantreibt: Bereits seit längerer Zeit bieten EMS-Firmen Dienstleistungen an, die die Entwicklung vom Standpunkt der Kostensenkung aus angehen – Design for Manufacturing, wenn man so will. Mehr EMS-Firmen sind jedoch inzwischen zu ODM-Dienstleistungsorganisationen (Original Design and Manufacturing) geworden, die den OEMs einen Service bieten wollen, der die Entwicklung, die Herstellung und die Logistik mit einschließt. Wie die OEMs selbst, beweisen größere EMSund ODM-Unternehmen eine hohe Flexibilität darin, sowohl die Entwicklungs- als auch die Fertigungsdienstleistung rund um den Globus zu bewegen – zuweilen, um näher an ihren Kunden dran zu sein, andererseits einfach um die Kosten zu senken.

Um zu verstehen, was all das für das Distributionsgeschäft bedeutet, müssen wir die Rolle betrachten, die die Distribution heute spielt. In der Distribution nimmt die Bedeutung der Entwicklungsunterstützung seit nahezu zwei Jahrzehnten unablässig zu. Manche haben diese Entwicklung rückhaltlos angenommen, andere eher zögerlich. Die meisten betrachteten diesen Trend jedoch als eine Gelegenheit, lokale Entwicklungsunterstützung zur Verfügung zu stellen, wobei die verschiedenen Büros der Distributoren rund um die Welt – wenn überhaupt – nur selten miteinander kommunizieren.

Bei nicht wenigen großen Distributoren, die in hohem Maße durch Akquisitionen gewachsen sind, haben technische, kommerzielle und kulturelle Schranken eine effektive Kommunikation zwischen ihren vielen Büros eingeschränkt. Um unterschiedliche Infrastrukturen, IT-Systeme und Kulturen zu überwinden, wurden Ressourcen, die auf die Bereitstellung von globaler technischer Unterstützung sowie Schulung der Kunden fokussiert sein sollten, für die Lösung interner Kommunikationsprobleme abgezweigt.

Lokale unabhängige Distributoren stehen sogar einer noch größeren Herausforderung gegenüber. Ohne globale Reichweite werden sie dazu degradiert, relativ kleine, lokale Kunden zu bedienen. Sie werden nicht in der Lage sein, führende Franchise- Verträge anzuziehen, und sie werden unfähig sein, die wachsende Mobilität der Produktentwicklung und – Herstellung in unserer sich rasch verändernden Welt zu unterstützen. Für diese Distributoren heißt es: »globalisieren oder sterben«.

Um heute großen OEM-, EMSund ODM-Unternehmen eine effektive Entwicklungsunterstützung zu bieten, muss ein Distributor eine globale Reichweite, gemeinsame IT- und Logistiksysteme, eine gemeinsame Kultur und eine vorrangige Verpflichtung für technische Schulung haben, sowohl für die eigenen Mitarbeiter als auch für seine Kunden.

Die Strategie von Nu Horizons war es stets, wo immer möglich organisch zu wachsen und nur Unternehmen aufzukaufen, die bereits eine ähnliche Philosophie verfolgen. Auf diese Weise haben sämtliche Akquisitionen, von denen es in der Unternehmensgeschichte lediglich drei gegeben hat, zu unseren technischen Ressourcen beigetragen und steigern nicht einfach nur kurzzeitig die Umsätze.

Es ist eine übliche Verallgemeinerung, dass sich große, globale Distributoren auf die Durchführung der Bestellung konzentrieren, während lokale Spezialisten die effektivste technische und Design-in-Unterstützung bieten. Wenn das jemals wahr war, so ist es das jetzt nicht mehr. Die Ära des globalen technischen Distributors ist angebrochen – unsere Kunden und Lieferanten bestätigen uns das.

Das Interview führte Carmen Skupin, Markt&Technik