"Gedrucktes wird immer noch gerne gelesen."

Interview mit Gerhard Wolf, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Full-Service-Agentur ecompanion mit Sitz in Garching und Rosenheim. Die Agentur hat sich auf die Planung und Durchführung ganzheitlicher Kommunikationskonzepte spezialisiert. Zum Leistungsspektrum gehören neben der klassischen Medienarbeit und Werbung auch anspruchsvolle eCommerce-Lösungen und Online-Werbekampagnen.

next!: Herr Wolf, mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie mit einem Markt&Technik-Redakteur gemeinsam Elektrotechnik studiert haben. Während der eine jetzt für die meist gelesene Elektronik-Fachzeitschrift Europas arbeitet, führen Sie eine Full-Service-Agentur mit etlichen Kunden aus der professionellen Elektronik. Gibt esAugenblicke, wo Sie Ihren alten Studienkollegenbeneiden?
Wolf: Nach allem, was ich so weiß, beneide ich ihn und Ihre Kollegen nicht. Eingezwängt in kleinen Kombüsen, zugeschüttet von Hunderten mehr oder weniger spannenden Presse-Informationen und traktiert von den Telefonanrufen der PR-Verantwortlichen der Agenturen, stehen sie den harten Redaktionsalltag immer wieder tapfer durch. Wer das jahrelang durchhält, den sollte man nicht beneiden, sondern einfach nur bewundern. Aber im Ernst: Meinen Schritt, mich als Diplom-Ingenieur in der Kommunikationsbranche selbständig zu machen, habe ich bis heute nicht bereut, obwohl es damals – vor über 15 Jahren – eine schnelle „Entscheidung aus dem Bauch heraus“ war.

next!: ecompanion ist eine Full-Service-Agentur. “Full-Service“? Kann das eine einzelne Agentur heute überhaupt noch bewältigen? Heute, wo die Marktkommunikation immer komplexer und individueller
wird?
Wolf: Gerade weil die Kommunikation immer komplexer wird, ist Full-Service mehr denn je gefragt. Die Anzahl der Instrumente ist heute vielfältiger und das Internet eröffnet zudem in immer kürzeren Abständen neue Möglichkeiten. Meines Erachtens ist deshalb nur eine Full-Service-Agentur in der Lage, den Kunden umfassend zu beraten, alle relevanten Maßnahmen richtig zu bewerten und daraus ein erfolgreiches Kommunikationskonzept zu erstellen. Wie will ich denn die Wirkung von Kommunikationsinstrumenten beurteilen und vergleichen, wenn ich keine Erfahrungen damit habe.

next!: Um die Jahrtausendwende wurde von vielen Firmen im Internet regelrecht „Geld verbrannt“. Wie hat sich Ihrer Meinung nach bei den Marketing-Verantwortlichen die Einstellung gegenüber dem Web in den letzten Jahren verändert?
Wolf: Zu Zeiten des New Economy Booms waren einfach die Erwartungen der Marketing-Verantwortlichen an das Medium Internet überzogen. Mancher sah darin die allein selig machende Kommunikationsplattform. Viele orakelten schon über das nahe Ende der gedruckten Medien. Nun sind einige Jahre vergangen, ich sehe immer noch Fachzeitschriften auf den Schreibtischen der Unternehmen, der klassische Produktkatalog hat auch noch nicht ausgedient und selbst das gute alte Post-Mailing erlebt derzeit eine Renaissance. Gedrucktes wird also immer noch und oft auch gerne gelesen. Natürlich aber hat das Internet neue und interessante Kommunikationskanäle eröffnet, die aber letztlich nur weitere Bausteine im gesamten Kommunikationsmix darstellen. Das haben die Marketing-Verantwortlichen mittlerweile erkannt und suchen wieder nach ganzheitlichen Konzepten, in der sich Kommunikationskanäle nicht ablösen, sondern optimal ergänzen.

next!: Einige Webmedien im Elektronik-Segment versuchen langweilige Inhalte und mangelnde Leistungstransparenz mit schicken Worthülsen zu kaschieren. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigen Kriterien für einen erfolgreichen Webdienst für Entwickler und Einkäufer in der Elektronik?
Wolf: Es gilt, die Vorteile zu nutzen, die ein Online-Portal generell gegenüber einem gedruckten Medium hat. Es kann schneller und mit weniger Aufwand aktualisiert werden, es ist in Sachen Resonanz transparenter, die Inhalte lassen sich einfacher personalisieren und nicht zuletzt können verschiedene Informationen nahezu beliebig miteinander verknüpft werden. Wer es versteht, diese Vorteile umzusetzen, wird damit auch Erfolg haben. Noch aber sind viele Web-Medien, egal ob Online-Portal oder das elektronische Magazin im PDF- oder HTML-Format, lediglich ein – ich sage bewusst – billiger Abklatsch des Print-Mediums. Denn oft sind sie technisch und grafisch schlecht gemacht.

next!: Wie beurteilen Sie den heutigen Stellenwert von Elektronik-Fachzeitschriften im Kommunikationsmix von Bauelemente-Anbietern?
Wolf: Wie vorher schon gesagt, sehe ich nach wie vor reichlich Gedrucktes in den Unternehmen aufliegen. Einen Kommunikationsplan ohne Berücksichtigung der klassischen Fachzeitschrift als PR- und Werbemedium kann ich mir auch in den nächsten Jahren noch nicht vorstellen. Allein schon deshalb, weil es an den besagten gut gemachten Alternativen fehlt.

next!: Was würden Sie einem Anbieter von Elektronik-Bauelementen entgegnen, der sagt „Wir brauchen keine Werbung, wir haben gute Produkte!“?
Wolf: „Schön für Sie!“

next!: Eine schwierige Frage zum Schluss. Sie erhalten Dutzende von Fachzeitschriften auf Ihren Schreibtisch. Was unterscheidet aus Ihrer Sicht gute von schlechteren Elektronik-Fachzeitschriften?
Wolf: Dutzende ist gut, es sind fast 200 Titel (Deutschland und Europa) pro Monat. Ich sehe nach wie vor eine objektive Redaktion und gut recherchierte Beiträge als wichtiges Qualitätsmerkmal. Gerade in der Fachzeitschriften-Branche ist das ja nicht unbedingt immer gewährleistet, wenn versucht wird, mit minimalem Personal- und Zeitaufwand ein Heft zu füllen oder die Anzeigenabteilung mehr oder weniger starken Einfluss auf die Kollegen von der Redaktion nimmt. Leider ist das für den Leser nicht immer ersichtlich. Es spricht also hier ausdrücklich für die redaktionelle Qualität des next!, dass Sie mit mir dieses Interview führen, obwohl wir in dieser Ausgabe keine Anzeige schalten.