Schwerpunkte

Bo Lybaek und Thomas Kaiser, GPV

»Rekordhoch an Auftragsbeständen«

02. Juli 2021, 10:00 Uhr   |  Karin Zühlke


Fortsetzung des Artikels von Teil 1 .

Verbesserung von Geschwindigkeit, Transparenz, Konnektivität

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Bo Lybaek, GPV »Wir haben eine Initiative gestartet in Bezug auf unsere Design- und Engineering-Fähigkeiten. Wir wollen diesen Service noch weiter internationalisieren.«

Welche Innovationen setzen Sie derzeit intern um und wo sehen Sie besondere Akzente hinsichtlich neuer Kundenapplikationen?

Lybaek: Wir konzentrieren uns auf die Verbesserung von Geschwindigkeit, Transparenz, Konnektivität, die Nutzung verschiedener neuer Tools in der Digitalisierung intern und extern. Ziel ist, in Echtzeit besser mit unseren Märkten, Kunden und Lieferanten verbunden zu sein, wo immer dies möglich ist.

Kaiser: Wir sehen im Markt auf der Applikationsseite einen sehr starken Innovationsdrang hinsichtlich 5G über die gesamte Industrie hinweg. Das führt zu einer massiven Anzahl von Neuprodukten. Aber auch bei den Applikationen für das Industrial IoT tut sich einiges sowie im Bereich Cleantech. Zudem sehen wir viele Projekte im Zusammenhang mit Mobilität bzw. Elektromobilität: Charging, Anzeigen, Produktionsstraßen etc. Applikationen, die direkt ins Fahrzeug fließen, zählen aber weiterhin nicht zu unserem Fokus.

Lybaek: Darüber hinaus haben wir eine Initiative gestartet in Bezug auf unsere Design- und Engineering-Fähigkeiten. Wir wollen diesen Service noch weiter internationalisieren. Derzeit ist unser Hauptstandort für diese Leistungen in der Schweiz. Flankierend dazu werden wir einen Co-Hub in der Gruppe in Thailand aufbauen. Der Anker für diese Dienstleistung bleibt aber weiterhin in der Schweiz.

Das heißt, es gibt erhöhten Bedarf an Design Support am Markt?

Kaiser: Wir sehen einen erhöhten Bedarf in vielfältiger Weise, etwa beim konventionellen Applikationsdesign, aber auch bei Redesigns, die aufgrund der Materialsituation derzeit verstärkt nachgefragt werden. Mit einem Co-Hub haben wir erweiterte Möglichkeiten, die Kunden bei der Time to Market unterstützen.

Gleichzeitig konsolidieren Sie in Asien und geben den chinesischen Produktionsstandort auf. Warum?

Kaiser: Wir haben Kunden, die sich von China abwenden möchten und mit uns nach Möglichkeiten Ausschau gehalten haben, wie wir die Bedarfe anderweitig platzieren können. Die Gründe dafür sind vielfältig: lokale Kostenstruktur, Unsicherheiten rund um China, die Steuersituation dort und die ständigen Änderungen diesbezüglich wurden zu einem unwägbaren Risiko für unsere Kunden. China wird bei uns aber nach wie vor als Sourcing Hub eine Rolle spielen. Da kommt man um China nicht herum. Der Sourcing Hub existiert bereits, und wir werden diesen weiter ausbauen.

Lybaek: Wir haben bereits 2017 einen aktualisierten Masterplan für Thailand erstellt und das Gleiche für Sri Lanka im Jahr 2019. Was wir jetzt in die Wege geleitet haben, sind die beiden Erweiterungsprojekte, die wir letztes Jahr aufgrund der Covid-19-Situation auf Eis gelegt haben. Es handelt sich um eine Erweiterung in Thailand durch den Bau einer neuen Mechanik-Fabrik, und in Sri Lanka ist es ein neues Elektronik-Fabrikgebäude. Beide Erweiterungen beeinträchtigen die bestehenden Produktionsaktivitäten nicht.

Der Standort Sri Lanka gehört schon seit 1985 zu GPV bzw. damals CCS. Inwiefern sind die Bedingungen dort besonders investorenfreundlich?

Kaiser: Wir sind lokal dem Board of Investment – BOI – angeschlossen. Das ist eine Regierungsbehörde, die sich um ausländische Investoren kümmert. Dort werden wir sehr wirtschaftsfreundlich behandelt. Sämtliche Prozesse sind über 30 Jahre sehr gut eingespielt. Das alles führt dazu, dass wir in Sri Lanka weiter expandieren werden. Die Kunden schätzen die Fähigkeiten und den Ausbaustandard des Standorts nach wie vor sehr und untermauern das mit Neuaufträgen für den Standort.

Und was kommt beim Footprint als Nächstes?

Lybaek: Aktuell führen wir diese beiden Erweiterungen aus, aber wir eruieren natürlich auch schon, was als Nächstes kommen könnte. Vielleicht ist es unser Elektronik-Standort in der Slowakei, der erweitert werden muss. Darüber ist aber noch nichts entschieden.

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GPV setzt künftig bei der Produktion in Asien auf Thailand und Sri Lanka und nicht mehr auf China.

Wie ist die aktuelle Situation in Bezug auf die Verknappung von Komponenten und deren Einfluss auf das Geschäft?

Kaiser: Seit etwa zwei Quartalen informieren wir unsere Kunden einmal wöchentlich über die aktuelle Materialversorgung und die Produktionssituation mit der Bitte, dass sie den Auftragshorizont so weit wie möglich erweitern – im Idealfall auf 12 bis 15 Monate. Dies hilft uns, die Bedärfe frühestmöglich bei unseren Lieferanten zu platzieren und ihnen dadurch mehr Planungssicherheit zu ermöglichen. Das haben wir koordiniert in unseren Werken gruppenweit in Gang gesetzt.

Das hat dazu geführt, dass wir inzwischen eine relativ gute Sicht auf diesen Zeitraum haben. Die Situation ist nach wie vor dynamisch, aber wir verstehen, wie der Trend der Kunden ist und auf welche Produkte bezogen. Darauf basierend haben wir den Bestellhorizont bei unseren Lieferanten durch zusätzliche Pufferzeiten erweitert, um die Unsicherheiten rund um zusätzliche Logistik-Herausforderungen abzufedern. Da die Distributoren die Allokation nach dem FIFO-Prinzip bedienen, gehen wir davon aus, dass wir in der Kette entsprechend früh bedient werden. Zusätzlich bauen wir die Lager aus, wenn wir kritische Komponenten identifizieren, die wir bis zu Jahresbedarfen bevorraten.

Lybaek: Hinzu kommt, dass wir es nicht nur mit einer Verknappung im Elektroniksektor zu tun haben, sondern auch Kunststoff, Stahl und weitere Rohstoffe davon betroffen sind. Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um unsere Kunden vor Bandstillständen zu bewahren, aber natürlich können wir letztlich keine Garantien geben, dass es unter Umständen nicht doch zu einer verspäteten Lieferung kommt.

Und noch ein wichtiger Punkt: Wenn wir über die herausfordernde Materialversorgungssituation – und in einigen Fällen über Allokation – sprechen, geht es nicht nur um Vorlaufzeiten, sondern auch um starke Preissteigerungen. Derzeit sehen wir uns mit einem Anstieg von durchschnittlich 5 bis 10 Prozent konfrontiert, bei einigen Materialien sogar deutlich mehr.

Ist Größe in dieser Situation ein Vorteil?

Kaiser: Wir stellen durchaus fest, dass wir vor allem bei den Broadlinern eine erhöhte Priorisierung erhalten aufgrund der Größe und aufgrund der Möglichkeit, größere Volumen nachhaltig zu verschieben, wenn wir nicht berücksichtigt werden. Es gilt an dieser Stelle herauszustreichen, dass all unsere Lieferanten sehr kundenorientiert agieren und jederzeit für Gespräche zur Verfügung stehen. In dieser Kooperation versuchen wir gemeinsam das Bestmögliche für unsere Kunden zu erreichen.

Welchen Einfluss hat Covid-19 – noch – auf Ihre Produktion?

Lybaek: Aktuell hat es keinen negativen Einfluss auf unsere Produktivität. Alle Standorte laufen mit normaler Auslastung. In Asien im Drei-Schicht-Betrieb und mehrere Standorte in Europa aufgrund der hohen Nachfrage ebenfalls im Drei-Schicht-Betrieb. Bisher haben wir die Corona-Situation gut unter Kon­trolle, mit starken und gut etablierten Vorsichtsmaßnahmen überall im Einsatz. Nach wie vor ist unsere Taskforce, die wir letztes Jahr im März gebildet haben, aktiv. Wir bekommen jede Woche Update-Informationen aus unseren Produktionsstandorten, die wir auch unseren Kunden widerspiegeln. Jetzt geht es darum, dass wir unsere Mitarbeiter weiter dafür sensibilisieren, dass Hygienemaßnahmen im Arbeitsbereich und auch im Privatleben nach wie vor gut eingehalten werden müssen.

Was betrachten Sie als die größten Herausforderungen für dieses Jahr?

Lybaek: Die Verfügbarkeit von Materialien zu dem Zeitpunkt, an dem wir sie benötigen. Und sollte sich die Corona-Situation nochmals deutlich verschlechtern, wäre das eine große Herausforderung, was wir aber alle nicht hoffen wollen.

Kaiser: Zu erwähnen sind zudem noch die veränderten Preisstrukturen durch die Verfügbarkeitsproblematik – sprich: Preiserhöhungen, die unsere zugrunde gelegte Margenstruktur tangieren, wie wir bereits erwähnt haben. Aber wir stoßen bei den Kunden dabei in den Gesprächen meist auf großes Verständnis, wenn wir Preiserhöhungen weitergeben müssen. In jedem Fall steht für uns die nachhaltige Geschäftsbeziehung dabei im Vordergrund und nicht der kurzfristige Verhandlungserfolg.

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