Karsten Bier, Recom Power »Sensorik rund um IoT bringt enorme Zuwachsraten«

Wie sieht es mit dem Wettbewerbern und dem Preisdruck in den einzelnen Segmenten aus?

Elektronik: Da Sie die Preise ansprechen: Spüren sie einen Preisdruck auf dem Markt?

Karsten Bier: Natürlich! Aber das war im Prinzip nie anders. Deshalb haben wir uns schon vor Jahren gezielt dem Wettbewerbsdruck auf dem chinesischen Markt gestellt. Nicht am Massenmarkt, aber in wichtigen Segmenten wie in der Bahntechnik – man denke nur an den Transrapid –, in der Medizinelektronik oder der Energietechnik. Bei kommerziellen Produkten, wo chinesische Unternehmen den Weltmarkt im Auge haben, setzen sie auch auf Qualität und Langlebigkeit. Da haben wir im Wettbewerb mit lokalen Billiganbietern gute Chancen. Aber natürlich geht das auf Dauer nur, wenn wir selbst im Land entwickeln und produzieren.
Gerade im Bereich der IoT-Applikationen sind die Volumina hoch und die Preisvorgaben niedrig. Das ist der Grund, warum wir in China in eine neue Low-Cost-Fertigung investiert haben. Mit dem Gehalt eines Ingenieurs in Gmunden können wir in China drei oder vier Entwickler glücklich machen. Auch dort sind Produktivität und Qualitätsbewusstsein hoch. Ganz ähnlich der Situation in Taiwan, als wir dort unsere Produktion aufgebaut haben.

Elektronik: Dann stammen viele der diesjährigen Neuheiten aus der chinesischen Entwicklungsabteilung?

Karsten Bier: (lacht) Nein, bislang noch nicht! Die ersten AC/DC-Module aus dieser neuen Mehrheitsbeteiligung werden im ersten Halbjahr 2017 auf den Markt kommen. Unser Entwicklungsbereich steht auf vier Pfeilern. Der wichtigste und stärkste ist unser Standort in Taiwan, in dem auch der Großteil des Engineering angesiedelt ist. Den zweiten Pfeiler bilden Partnerfirmen, an denen Recom die Mehrheit hält – wie in China. Eine dritte, ganz neue und vermutlich sehr effiziente Säule ist für uns das, was wir „Embedded Engineering“ nennen. Dabei handelt es sich um ein Team von Entwicklern, das auf unserer Payroll steht, aber in die Infrastruktur eines externen Unternehmens eingebettet ist. Am ehesten vergleichbar mit der Gründerszene in Berlin oder im Silicon Valley, wo sich Teams verschiedener Unternehmen gegenseitig befruchten. Ein vierter Pfeiler ruht auf Partnern, an die wir gezielt einzelne Entwicklungsprojekte vergeben, die aus unserem F&E-Budget finanziert werden – klassisches Outsourcing, würde ich sagen. Hier in Gmunden machen wir die Grundlagenentwicklung und steuern den Technologietransfer zwischen unseren verschiedenen Entwicklungszentren.

Elektronik: Sie sprachen über die Grundlagenforschung in Gmunden. An was arbeiten Sie gerade?

Karsten Bier: Ich rede nur ungern über ungelegte Eier. Nicht zuletzt, weil sich Entwicklungen im Grundlagenbereich nicht immer in vermarktbare Produkte umsetzen lassen. Aktuell experimentieren wir mit Möglichkeiten, die uns GaN-Halbleiter bei der Entwicklung von Netzteilen bieten – insbesondere im Hinblick auf den Wirkungsgrad. Auch lassen sich zusätzliche Funktionen in Power-Module in dem Maße integrieren, in dem die Integration auf der Chip-Ebene zunimmt. Ein DC/DC-Wandler als Isolator für den Power-Teil könnte ohne weiteres auch Datenströme isolieren, beides im selben Modul und möglicherweise über denselben Trafo. Sensorik, Industrie 4.0 und IoT werden da die entscheidenden Treiber sein. Alte Grenzen werden so überschritten. Nur der Trend zur Miniaturisierung hält an.

Elektronik: Sie haben vorhin das Thema Zertifikate erwähnt. Bis 2019 kommen weitere Veränderungen auf die Branche zu, wie z.B. die neue UL62368-1 (Sicherheitsanforderungen an Audio-, Video- und IKT-Geräte) oder in der Medizintechnik die 4. Edition der EN 60601-1-2 (Elektromagnetische Störgrößen – Anforderungen und Prüfungen). Wie bereitet sich Recom vor?

Karsten Bier: In der Tat müssen wir uns als Stromversorgungshersteller den Herausforderungen frühzeitig stellen. Die Trafos – insbesondere deren Isolation – spielen eine entscheidende Rolle. Die meisten der neuen Produkte, die wir zur Electronica bringen werden, tragen bereits das Prüfzeichen nach UL62368-1 oder entsprechen den Vorgaben der Norm. Damit ermöglichen wir unseren Kunden, dass sie ihre eigenen Produkte jetzt schon mit Blick auf 2019 entwickeln.

Elektronik: Wie sieht es mit den Produkten aus, die Sie schon länger im Sortiment haben?

Karsten Bier: Das gesamte Portfolio, ca. 40.000 Produkte werden Schritt für Schritt bis 2019 abgearbeitet. Wir stellen sicher, dass es für keinen unserer Kunden zu einem Redesign kommen muss. Ich denke, dass das Thema eine wichtige Rolle auf der Electronica spielen wird. Wir empfehlen den Kunden, ihre Lieferantenkette frühzeitig zu überprüfen. Da stehen wir gerne mit Rat und Tat zu Seite.

Elektronik: Sie haben das Thema Sensorik als einen Trend für die Stromversorgung genannt. Welchen Einfluss erwarten Sie von Sensoren auf Ihr Geschäft?

Karsten Bier: Einen großen. Die Sensorik ermöglicht es unseren Kunden, ihre Systeme intelligenter und somit auch effizienter zu machen. Ich kann mich erinnern, vor ein paar Jahren bei einem Kongress in den USA gewesen zu sein, bei dem der meistvernetzte Mensch der Welt den Einfluss der Sensorik auf unser Leben dargestellt hat. Vieles von dem sehen wir heute schon in den Applikationen unserer Kunden. Gerade aus dem Silicon Valley kommen viele neue Impulse. Wenn Sie als Stromversorgungshersteller eine führende Rolle bei der Entwicklung von neuen Techniken spielen wollen, und diesen Anspruch haben wir, müssen Sie in der Lage sein, neben dezentralen auch zentrale Stromversorgungen anzubieten.
Mit jedem Cent, den der Sensor günstiger wird, steigt die Zahl der Applikationen und der Grad der Vernetzung. Denken wir nur an die Welle, die mit IoT auf uns zu rollt, nicht nur im industriellen Umfeld, sondern gerade im privaten Bereich rund um Haus, Beleuchtung und Automobil. Alle diese Systeme brauchen Strom – zentral beispielsweise in den Servern und dezentral in den vielen einzelnen Modulen und Sensoren. Zentral haben wir es meist mit großen Netzteilen zu tun, dezentral mit kleineren AC/DC- und DC/DC-Wandlern. Aus Sicht eines Herstellers ist beides sehr eng miteinander verwandt.

Elektronik: Das heißt, Recom wird den AC/DC-Bereich verstärkt ausbauen?

Karsten Bier: Wir haben vor zwei Jahren begonnen, unser Portfolio auf die komplette „Electronic Power Distribution“ auszuweiten – also neben DC/DC-Wandlern zunehmend auch spezielle Netzteile zu entwickeln. Dies betrifft neben dezentralen On-Board-Modulen auch zentrale Off-Board-Geräte, wie z.B. DIN-Schienennetzteile für den Schaltschrank oder Netzteile für den Bereich der Medizinelektronik und für Server. Das zuvor angesprochene Thema Sensorik rund um IoT mit seinen überwiegend am Stromnetz hängenden Komponenten wird zu enormen Zuwachsraten führen – insbesondere bei kleineren DC/DC-Wandlern und Netzteilen mit hohem Wirkungsgrad.

Elektronik: Warum sollten Kunden zukünftig ihre Netzgeräte bei Recom kaufen statt bei ihrem bisherigen Anbieter?

Karsten Bier: Das haben wir uns auch gefragt, als wir von vielen unserer Kunden immer wieder gezielt auf Netzteile angesprochen wurden. Aus Kundensicht handelt es sich schlicht um zwei Seiten derselben Medaille. Und die gehören in eine Hand. Nehmen wir die EMV-Problematik als übergreifendes Thema. Da tangiert das Problem und auch dessen Lösung in der Regel beide Seiten – AC/DC zentral und DC/DC dezentral. Schauen wir in die Medizinelektronik. Da sind die Anforderungen in puncto Isolation und Zertifizierung auf beiden Seiten eng miteinander verzahnt. Oder in die Bereiche Indus¬trie 4.0 und IoT. Da nutzt es dem Systemintegrator wenig, wenn einer bei Problemen in der Stromversorgung mit dem Finger auf den anderen zeigt. Nicht selten nämlich sind Unregelmäßigkeiten auf der AC/DC-Seite die Ursache von Problemen mit DC/DC-Wandlern auf der Leiterplatte weit weg vom Schaltschrank. Da ist es von Vorteil, wenn die gesamte Stromversorgung aus einer Hand kommt.

Elektronik: Damit bildet Sensorik mit Industrie 4.0 und IoT künftig einen Schwerpunkt?

Karsten Bier: Absolut. Wie bereits erwähnt, wollen wir die gesamte „Electronic Power Distribution“ abbilden, also den Leistungsbereich unterhalb 1 kW auf der AC/DC-Seite und aktuell bis zu 120 W im DC/DC-Bereich. Viele unserer Kunden werden Vorteile daraus ziehen, den Weg der Systemintegration gemeinsam mit uns zu gehen. Nicht zuletzt deshalb, weil wir sie mit unserem EMV-Labor und der entsprechenden Manpower auf dem Weg zur Zertifizierung aktiv begleiten können.

Elektronik: Letzte Frage: Was erwarten Sie sich für Ihr Unternehmen von der diesjährigen Electronica?

Karsten Bier: Die Electronica ist ein internationales Schaufenster und damit das optimale Forum für uns, unsere globale Präsenz zu untermauern. Wir erwarten neue Ideen zum Thema Systemintegration rund um die Themen Sensorik, Industrie 4.0 und IoT. Und vor allem wollen wir erreichen, dass Recom über den DC/DC-Bereich hinaus verstärkt als Hersteller von AC/DC-Stromversorgungen wahrgenommen wird, der für seine Kunden auch dann da ist, wenn es um die Lösung kniffliger EMV-Probleme geht.


Karsten Bier
studierte nach Elektrotechnik/Elektronik zusätzlich Wirtschaft (MBA) und übernahm Ende der 1990er Jahre das Marketing für DC/DC-Wandler bei Recom. Er forcierte die Entwicklung eigener Produkte, erschloss neue Marktsegmente – Schaltregler, LED-Treiber und AC/DC-Wandler – und formte das Unternehmen zu einem global agierenden Hersteller qualitativ hochwertiger Stromversorgungen. Als geschäftsführender Gesellschafter leitet er die Recom-Gruppe mit Tochtergesellschaften in China, Taiwan, Singapur und USA.