Kommentar Bosch meets »Fridays for Future« — Klimaneutralität ist machbar

Gerhard Stelzer ist Chefredakteur der Elektronik.
Gerhard Stelzer ist Chefredakteur der Elektronik.

Wer kennt nicht die schwedische Schülerin Greta Thunberg? Sie hat mit ihrem Schulstreik für das Weltklima die »Fridays for Future«-Bewegung losgetreten.

Vielen Jugendlichen (und Erwachsenen) stinkt schon lange, dass auf Klimagipfeln zwar hehre Ziele vereinbart werden, diese aber im Anschluss schnurstracks wieder in Vergessenheit geraten. Da braucht man sich nicht wundern, dass ein Schulstreik für eine gute Sache bei Jugendlichen auf fruchtbaren Boden fällt. Neben dem Gemeinschaftserlebnis mit Happening-Charakter kann man dabei auch noch die etablierten Autoritäten herausfordern. Hier geht es allerdings nicht um die Bewertung von Schüleraktionen, sondern um das übergeordnete Ziel, die Klimaerwärmung zu stoppen.

Ermutigt von den Demonstrationen der »Fridays for Future«-Bewegung hat Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) vorgeschlagen, den Ausstoß von CO2 zu besteuern. Grundsätzlich ist eine solche künstliche Verteuerung von klimaschädlichem Verhalten nachvollziehbar. Man packt Umweltsünder am Geldbeutel. Allerdings muss man sich auch fragen, welche gesellschaftlichen Gruppen man damit trifft und ob es für die Bürger überhaupt umweltfreundliche Alternativen gibt, die man sich leisten kann? In der Union würde man lieber auf den Handel mit Verschmutzungsrechten setzen, der im Prinzip klimaschädliches Verhalten ebenfalls verteuert.

Dem Industriekonzern Bosch dürften beide Ansätze kaum noch Angst einjagen. Bis nächstes Jahr möchten die Stuttgarter klimaneutral unterwegs sein. Bosch sieht sich damit als erstes globales Industrieunternehmen, das 2020 CO2-Neutralität erreicht.

Wie kann ein Industriekonzern das schaffen? Derzeit entfallen rund 32 % der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen laut internationaler Energie-Agentur auf die Industrie. Aktuell stößt Bosch rund 3,3 Mio. Tonnen CO2 aus, wobei das Unternehmen seit 2007 den Ausstoß relativ zur eigenen Wertschöpfung bereits um fast 35 % gesenkt hat. Ab 2020 möchte Bosch verbleibende, unvermeidbare CO2-Emissionen zunächst durch den Zukauf von Ökostrom aus bestehenden Anlagen und Kompensationsleistungen ausgleichen. Bis 2030 sollen dann die Kompensationsmaßnahmen zugunsten von eigenen Investitionen in regenerative Energien sukzessive zurückgefahren werden. Die Kosten dafür beziffern die Stuttgarter auf 1 Mrd. Euro über zehn Jahre. Der zweite Hebel ist die Steigerung der Energieeffizienz von Anlagen und Gebäuden, in die Bosch gleichzeitig ebenfalls 1 Mrd. Euro investieren will. Bis 2030 sollen so zusätzlich 1,7 Terawattstunden an Energie eingespart werden. Ein wesentlicher Effizienztreiber sei inzwischen auch die Vernetzung der Produktion, bei der Bosch auf seine eigene Energy-Plattform aus dem Industrie-4.0-Produktsortiment setzt. Die zunehmende Energieeffizienz soll Bosch eine Ersparnis von 1 Mrd. Euro bringen, sodass in Summe die Klimaneutralität den Konzern 1 Mrd. Euro kosten wird.

Die Klimaneutralität Boschs dürfte Greta Thunberg und die »Fridays for Future«-Bewegung freuen. Aber viel wichtiger ist das Signal: Klimaneutralität ist machbar.
 
Gerhard Stelzer
Chefredakteur

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