Der Fall Osram Vom Innovationsjäger zum Gejagten

Osram wurde mitten in der Neuausrichtung auf technologiegetriebene Märkte übernahmereif. Wie kam es soweit? Und wird der Innovationskurs noch fortgesetzt?

35 Euro je Aktie lautet das Angebot der beiden Finanzinvestoren Bain und Carlyle. Der Osram Vorstand unterstützt die Offerte und bewertet sie als »attraktive Prämie« für seine Aktionäre. Damit teilt er heute die Einschätzung der Börsenanalysten von damals. Damals ist das Jahr 2013: Als Osram als eigenständiges Unternehmen an die Börse ging, schätzten Analysten den fairen Wert der Osram-Aktie zwischen 32 bis 40 Euro ein.

Aus dieser Sicht hat sich das Unternehmen also nicht wirklich verändert. Aus anderer Sicht dafür umso mehr: Aus den 5,3 Mrd. Euro Umsatz von 2013 wurden fünf Jahre später nur noch 3,8 Mrd. Euro. Dafür ist das Unternehmen heute deutlich profitabler aufgestellt. Mit 141 Mio. Euro hat sich der Gewinn mehr als vervierfacht, wobei man natürlich noch weit von den selbst gesteckten Zielen entfernt ist. Und schon der Preis dafür waren fast zehntausend Mitarbeiter weniger, also eine gewaltige Umstrukturierung.

Geräuschvoller Umbau

Die treibt seit 2015 Olaf Berlien als Vorstandsvorsitzender mit schnellem Schritt, aber nicht immer im besten Einvernehmen mit den Aktionären voran. Für Aufsehen sorgte die Entscheidung, rund 1 Milliarde Euro in eine neue Chipfabrik in Malaysia zu investieren. Damit engagierte er sich deutlich stärker im hart umkämpften Markt für Standard-LED-Chips, als es vielen Anlegern lieb gewesen wäre. Die Reaktion von Großaktionär Siemens kam schnell. Auf der Osram-Hauptversammlung verweigerte er dem Vorstand die Entlastung – eine Ohrfeige in der Aktionärssprache.

Der Grund dafür: Eigentlich will Berlien aus Osram keinen reinen Chiphersteller für die Allgemeinbeleuchtung machen, sondern die technologiegetriebenen Märkte bedienen. Der Münchner Traditionskonzern soll weg von der ursprünglichen Ausrichtung auf eben jene Allgemeinbeleuchtung und ein »Photonik-Champion« werden. Kurz gesagt: High-Tech Pixel-Fernlicht statt Low-Budget LED-Leuchte.

Nach nur sechs Jahren wieder von der Börse?

Mit dem Verkauf von Ledvace und Siteco für einige hundert Millionen Euro wurde konsequent das Leuchtengeschäft abgestoßen. Investiert wird in den Automobilmarkt, digitale Dienstleistungen und die Entwicklung von neuen Technologien. Dafür übernahm man Firmen wie die britische Ring Automotive und beteiligt sich am Berliner Tracking-Spezialisten Square Metrics.

Als Kurskorrektur gegen den Abwärtstrend hat das bisher noch nicht gefruchtet. In den letzten 18 Monaten gingen die Umsätze so stark zurück, dass der Innovationsjäger nun zum gejagten Übernahmekandidaten geworden ist. Nur sechs Jahre nach dem Börsengang und der Eigenständigkeit von Siemens wird der Münchner Traditionskonzern nun höchstwahrscheinlich von den zwei US-Finanzinvestoren übernommen. Im Raum steht auch die Option, Osram von der Börse zu nehmen. Jenseits der quarteilsweisen Umsatzkontrolle hätte der Konzernvorstand mehr Ruhe für den Umbau in Richtung Photonik.