Elektronik-Interview mit Hy-Line »PCAPs lassen sich einfach am vielfältigsten einsetzen«

Gesetzliche Vorschriften für die Produktzulassung sind für viele Kunden ein Problem

Elektronik:  Worauf müssen Sie als Systemintegrator bei der Entwicklung von PCAP-Touch Displays im Hinblick auf Normen und Spezifikationen achten?

Jens Dorwarth:  Wenn wir die Komponenten von unseren Zulieferern erhalten, sind sie gemäß den Standardanforderungen der Elektronik­industrie in Form von RoHS oder REACH qualifiziert. Führen wir die Komponenten zu einem neuen Produkt zusammen und wollen es in der EU in den Umlauf bringen, muss gegebenenfalls das Gesamtsystem CE-geprüft sein und dafür benötigen wir tiefergehende Informationen von den Herstellern, die für die Einzelkomponente unwichtig,  für die Zusammenführung aber nötig sind.  Hier konnten wir uns relativ schnell verständigen. Als wir mit unseren Kunden konkret über die Produktzulassung gesprochen haben, zeigten sich mehr Schwierigkeiten.

Elektronik:  Die Produktzulassung für das spezifische Einsatzgebiet des Kunden?

Jens Dorwarth:  Richtig. Hier ist die Situation etwas schwieriger, weil gerade in Deutschland die einzelnen Marktumfelder sehr unterschiedlich sind und jedes seine spezielle Anforderungen und Richtlinien hat. Denken Sie dazu einfach an den Maschinenbau, die Medizintechnik oder das Transportwesen. Und um Einzelkomponenten, die auf Standardanforderungen im Verbrauchermarkt spezifiziert sind, zu einem Produkt zu kombinieren, das den Anforderungen in einem dieser spezialisierten Märkte genügt, müssen wir im Vorfeld eines Projekts sehr viel mehr Informationen einholen, als es viele Kunden gewohnt sind. Wir müssen z.B. fragen, wo das Produkt eingesetzt werden soll, in welchen regionalen Absatzmärkten der Vertrieb geplant ist oder welche speziellen Substanzregularien für das Produkt gelten werden. Und hier fühlt sich ein Unternehmen natürlich schnell ausspioniert. Die Alternative dazu ist allerdings die Gefahr, dass ein Produkt im serienreifen Zustand in den Entwicklungsstatus zurückfällt, weil es eine – vielleicht sogar sehr exotische – gesetzliche Regelung nicht erfüllt. So einen Fall hatten wir leider schon, als ein Produkt auf dem indischen Markt eingeführt werden sollte.

Elektronik:  Kennen die Unternehmen die relevanten Normen nicht?

Jens Dorwarth:  In ihren Kernmärkten schon. Was darüber hinausgeht, liegt oft und nicht zuletzt auch aus Kapazitätsgründen außerhalb des Wahrnehmungsbereichs eines Unternehmens. Deshalb sind wir dazu übergegangen, den Unternehmen Unterstützung anzubieten, um im Vorfeld einer Entwicklung schon zu evaluieren, welche Regularien in Bezug auf den geplanten Absatzmarkt und Einsatzort des Produkts relevant sind. 

Rudolf Sosnowsky:  Es ist auch so, dass wir zu Beginn häufig mit den Ingenieuren unserer Kunden sprechen, die sehr darauf fokussiert sind, dass die Technik funktioniert. Das Thema Regularien wird in der Regel erst dann richtig behandelt, wenn das Produkt intern bei unseren Kunden freigegeben wird. Durch unsere Beratung möchten wir das Thema schon in die Entwicklungsphase vorverlagern.

Jens Dorwarth:  Hier ist es auch wichtig, die Veränderungen von gesetzlichen Normen zu verfolgen. Die Chemikalien-Verbotsverordnung gibt es beispielsweise schon ewig lang und sie galt nur für Chemikalien. Erst viel später wurde sie auf Produkte und seit 2014 in der RoHS auch auf Medizintechnik erweitert, für die jetzt die entsprechenden Nachweise zu erbringen sind. Viele Unternehmen befassen sich nicht rechtzeitig mit diesen Entwicklungen und werden davon dann überrascht. Manchmal sind nur bestimmte Einsatzorte von Änderungen betroffen – ein PCAP Display für den Flughafen muss beispielsweise jetzt auch den Brandschutzverordnungen entsprechen. Wir schauen uns deshalb die Ankündigungen und Veröffentlichungen zu geplanten Änderungen an den Regularien an und übersetzen sie in einen Anforderungskatalog für unsere Kunden, um so einige Jahre in die Zukunft zu blicken. Diese Form der Dienstleitung wird in Zukunft noch viel wichtiger werden.