Warum Displays immer schlechter werden Die klaffende Lücke zwischen Promotions-Muster und Serienprodukt

Klaus Wammes ist Geschäftsführer von Wammes & Partner.
»Heutige Displays und Display-Systeme arbeiten wirklich nur noch in dem schmalen Bereich zuverlässig, für den sie auch spezifiziert sind.« Klaus Wammes, Geschäftsführer von Wammes & Partner.

Das 80/20-Prinzip führt bei Display-Herstellern zum Qualitätsverfall. Die jüngere Branchengeschichte zeigt: Wer technischen Fortschritt will, muss auch Techniker entscheiden lassen. Ein Expertenkommentar von Klaus Wammes, Gründer des Electronic- Display-Centers in Gundersheim.

Viele Hersteller integrieren in ihre Displays immer mehr Funktionen. Zum Beispiel wird aus Touch zunehmend Gestensteuerung. Die nächste Variante könnte dann eine direkte optische Erkennung sein, bei der das Display den Anwender quasi ansieht.

Das klingt zunächst gut und sieht in den Promotions-Mustern in der Regel auch vielversprechend aus. Bei der Überführung in die Serienproduktion fängt dann aber das Unglück an, denn hier hat das Prinzip 80/20 immer mehr Fuß gefasst – auch jenseits der Display-Fertigung.

Vom Schuhhersteller bis zum Software-Entwickler gilt, mit 20 Prozent Aufwand kann ein zu 80 Prozent ausgereiftes Produkt entstehen. Dabei ist 80 Prozent als statistischer Wert zu verstehen: Von den produzierten Teilen erfüllen nur 80 Prozent tatsächlich auch alle Vorgaben aus der Entwicklung. Und das soll dann bitteschön auch genügen. Aus Sicht des Herstellers würde er mit jedem weiteren Euro Geld in Produkteigenschaften investieren, die sich beim Kunden nur noch wenig bemerkbar machen und damit nur schwer zu vermarkten sind. Die Leistungsfähigkeit von Vorzeigeprodukten aus der Entwicklungsabteilung, wie sie oft als Promotions-Muster auf Messen präsentiert werden, sollte also niemand auch vom Serienprodukt erwarten.

Werden solche 80/20-Produkte nach demselben Schema weiterentwickelt, summieren sich die Unvollkommenheiten schnell auf. Eine einfache – und zugegebenermaßen auch provokative Rechnung – führt das vor Augen: Fügt ein Hersteller zu einem 80/20-Produkt noch zehn weitere Funktionen im 80/20-Prinzip hinzu, erfüllen nur noch 8,6 Prozent (0,811 = 0,086) der hergestellten Produkte die Vorgaben aus der Entwicklung vollständig.

Leider geht diese Rechnung durch die Marketing-Brille dennoch auf. Bei Problemfällen nach dem Verkauf ist schließlich ein anderer Bereich als Marketing oder Einkauf zuständig. Längst entscheiden in den Unternehmen nicht mehr die Techniker, sondern die Marketing-Abteilungen. Sie ermitteln, welche Spezifikationen, Funktionen oder Extras ein Display haben muss, um sich gegen den Wettbewerb behaupten zu können und leiten den Preisdruck des Marktes weiter in die Entwicklung und Produktion. Das bedeutet in manchen Fällen brennende Akkus. In anderen, dass ein Produkt tatsächlich für eine ganz bestimmte Kondition hervorragend spezifiziert ist, wunderbar aussieht und sogar funktioniert. Zum Beispiel: Wohnzimmer, 25 °C, 55 % Luftfeuchtigkeit, keine Vibrationen. Je weiter der tatsächliche Anwendungsbereich aber von diesen Spezifikationen abweicht, desto schlechter funktioniert das Display bzw. die spezifizierte Lebensdauer ist nicht mehr gewährleistet.

Mitschuld an dieser Entwicklung tragen die Produzenten selbst. Noch vor 15 Jahren wurde versucht, einzelne Produktionsschritte technisch zu beherrschen und so zu optimieren, dass eine von der Entwicklung spezifizierte Funktion nicht nur für einen Spezialfall, sondern auch noch unter verschärften Bedingungen gewahrt bleibt. Displays konnten de facto mehr, als das, worauf sich Hersteller festlegen ließen. Damit gingen entsprechende Design-Reserven einher, um die funktionale Sicherheit zu gewährleisten.

Aus Kostengründen, wurden diese Design-Reserven dann eingespart und das tatsächliche Anwendungsgebiet der Displays wurde damit immer spezifischer. Schließlich wurden viele Produktvarianten ersatzlos gestrichen. Und damit leider auch die Möglichkeit, die Geräte bei unterschiedlichen Bedingungen sinnvoll zu betreiben. Nachdem auch das nicht mehr ausgereicht hat, gingen Marketing und Produktentwicklung dazu über, eine Anzahl möglichst gut vermarktbarer und möglichst günstig umsetzbarer Features zu ergänzen, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Die Investitionsbereitschaft in Prävention, um Produktfehler vor deren Markteinführung intensiv zu suchen und zu vermeiden, ist in den vergangenen Jahren bis heute ebenfalls erheblich gesunken. In Folge steht für die Entwicklung und Integration neuer Produkt¬eigenschaften auch nicht mehr die gewohnte Expertise zur Verfügung. Gleichzeitig sind die erzielbaren Preise bereits zu gering, um doch wieder in Produktsicherheit zu investieren. Und so schließt sich der Kreis: Alle neuen Produktfunktionen sind auch mindestens eine neue Potenz in der Gleichung. Das Display kann zwar mehr, ist in Sachen Qualität und Funktionstüchtigkeit als Serienprodukt jedoch häufig deutlich schlechter. Heutige Displays und Display-Systeme arbeiten wirklich nur noch in dem schmalen Bereich zuverlässig, für den sie auch spezifiziert sind. Dass Temperaturunterschiede bereits den Ausfall eines Gerätes verursachen, das an einer Bushaltestelle anstatt in einem Einkaufsladen eingesetzt wird, interessiert nicht mehr.

Veranstaltungshinweis

Am 12. Juli referiert der Autor auf der HMI-XperiCon 2018 in München als einer von drei Keynote-Sprechern zum Thema Verifikation von HMI-Technologien.

 

Klaus Wammes

ist Geschäftsführer des 1993 gegründeten Unternehmens Wammes & Partner, das sich auf die Entwicklung und Herstellung von kundenspezifischen Flachbildschirmen und Displays für raue Betriebsbedingungen spezialisiert hat. Außerdem bietet Wammes seinen Kunden herstellerunabhängige Beratung und Schulungen sowie Dienstleistungen zur Fehleranalyse an Display-Systemen an.

2015 gründete er das Electronic Displays Center Gundersheim (EDCG) mit eigener Forschungsabteilung und optischem Messpark. Klaus Wammes hat mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Entwicklung von Display-Systemen und ist Inhaber von rund einhundert Patenten.