MINT-Förderung Zwischen High-Tech und High-Touch

Obwohl die Nachfrage in der MINT-Branche steigt, sinkt das Interesse junger Menschen an technischen Berufen. Firmen sind mehr denn je darauf angewiesen, den Nachwuchs für die Branche zu begeistern: Besonders junge Frauen sind der Schlüssel, den Bedarf an technikbegeistertem Nachwuchs zu befriedigen.

Schaut man sich in der Medienlandschaft um, dann scheint der Traumberuf der jungen Generation auf Facebook oder Instagram beheimatet zu sein. Dass die Berufung, einmal Influencer bei Social Media zu werden, jedoch nicht nur die Träumerei von ein paar Hipstern ist, sondern sich auch in der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt niederschlägt, sieht man an der Nahtstelle dieser beiden Bereiche: den Berufsschulen und Univer­sitäten. Sogenannte WMM-Studienfächer (Was Mit Medien) lagen natürlich schon um die Jahrtausendwende im Trend, aber seit die Digitalisierung anzieht, schießen diese Fächer durch die Decke. Mittlerweile lassen über 400 Studiengänge, die das Wort Medien beinhalten, die Millenials auf »Cloud 7« schweben. Zumindest geben das diverse Studienführer an. Viele Bildungsstätten haben deshalb angefangen, andere Studiengänge umzubenennen, um auch schwerzugängliche MINT-Fächer wieder attraktiver zu machen. Die TU Stutt­gart beispielsweise taufte das Fach Energietechnik in Erneuerbare Energien um und konnte damit vor allem bei jungen Frauen punkten. 

»Ich glaube, anfangs sind Schülerinnen häufig zurückhaltend, weil sie nicht wissen, was sich hinter technischen Berufen verbirgt oder glauben, dass technische Berufe nichts für sie sind, weil sie nicht in allen naturwissenschaftlichen Fächern Bestnoten haben«, sagt Nadine Voß, die sich seit Langem für Technik interessiert
und eine Ausbildung zur Industriemechanikerin beim Detmolder Elektronikspezialisten Weidmüller absolviert.

Das deutsche Bildungsministerium plant zwar einen MINT-Aktionsplan, doch bis dieser zur vollen Entfaltung kommt, sind viele Organisationen erstmal auf 
sich gestellt und müssen die Millennials entsprechend ansprechen. Rückgrat der technischen Ausbildung sind dabei vor allem kleine und mittelständische Betriebe – insbesondere wenn es um den Eintritt ins Berufsleben geht. Weidmüller setzt beispielsweise auf interne Schulungs- und Weiterbildungsangebote und nutzt dabei verstärkt digitale Medien. Mithilfe von Kurzvideos, Online-Tests und internetbasierten Austauschplattformen sollen potenzielle Auszubildende nicht nur angesprochen, sondern auch fit gemacht werden für die Entwicklungen im Zuge der digitalen Revolution. Dazu wurde extra die Akademie des Unternehmens zur eAcademy weiterentwickelt. »Praktische Arbeit an der Werkbank ist zwar weiterhin ein wichtiger Teil der Ausbildung, aber wir beschäftigen uns zunehmend auch mit Augmented Reality oder 3D-Druck«, erklärt Voß. 

Um die Schülerschaft weiter für das Thema zu begeistern, engagiert sich das 
Unternehmen unter anderen auch bei der Zukunftsinitiative »my eFuture«  des ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie). Als bundesweite Initiative bringt »my eFuture« Unternehmen mit den jungen Menschen zusammen und zeigt 
interessante Berufsfelder auf. Doch wie sieht die Nachwuchsförderung in den wichtigen, jedoch schwierigen MINT-Fächern konkret aus?
 

Ein Zeichen gegen den Akademisierungswahn

Das Recruiting im MINT-Bereich verschärft sich in den jüngeren Jahrgängen sogar noch bei dem Versuch, Frauen oder Mädchen bereits in der Schule für IT oder Maschinenbau zu begeistern. 1980 beschäftigte Weidmüller beispielsweise die erste Industriemeisterin und danach stieg der Anteil weiblicher Mitarbeiter rapide an – erst seit 2010 sinkt der Anteil von Kan­didatinnen, die sich für technische Berufe interessieren. »Dies hängt wohl leider immer noch mit traditionellen Rollen­bildern und dem sozialen Umfeld zu­sammen, wonach Schülerinnen nur sehr stiefmütterlich an diese Branche heran­geführt werden«, meint Dr. Eberhard Niggemann, Leiter der Akademie von Weidmüller. »Wenn ich dann erkläre, wieviel Spaß die praktische Arbeit in der Werkstatt macht, steigt das Interesse und die Neugierde kommt durch«, erklärt Voß. Aber auch angehende Studenten ziehen oft ein Managementfach vor, anstatt eine klassische Ausbildung in den technischen Berufen oder den Naturwissenschaften zu absolvieren. Weidmüller hat daher seine Ausbildungsberufe spezialisiert, da besonders ein Bedarf an Mechatronikern und Fachinformatikern besteht.


Daneben wurde auch bei den dualen Studiengängen umgedacht und Firmen bieten nicht mehr einfach das Studium des Maschinenbaus an. Stattdessen wird der Fokus auf Elektrotechnik und Software-Entwicklung gelegt. Eine besondere Herausforderung stellen komplett neue Berufsbilder dar, für die es in der deutschen Bildungslandschaft noch keine Entsprechung gibt. Ein Beispiel dieser Art ist die Position des Data Scientists, der unter anderem für den Bereich Predictive Maintenance Algorithmen analysiert und spezifische Lösungen für den Kunden entwickeln soll.
 

Teamwork gefragt

Bei all den Debatten um den Fachkräftemangel und den demographischen Wandel wird allerdings oft übersehen, dass es bei der Kommunikation mit den Millennials nicht ausschließlich um Marktpositionen oder den Anschluss an die digitale Transformation geht. Vielmehr steht für den beruflichen Nachwuchs auch eine gute Arbeitsatmosphäre im Fokus. Deshalb beginnt das Recruiting bei Weidmüller schon in der Schule. Das Unternehmen bietet nicht nur Praktika, sondern versucht die gesamte Schülerschaft anzusprechen. Dies fängt damit an, dass nicht die Form der Schule entscheidend ist und auch die Noten nicht mehr als einziges Kriterium herangezogen werden. Statt Schulnoten werden seit fünf Jahren auch Motivation und Social Skills ins Bewerbungsverfahren aufgenommen, da einerseits der Cultural Fit bei jungen Leuten heute hoch angerechnet wird und man andererseits viele Probleme nur in Teamarbeit lösen kann. Im besten Fall kommen für jede Herausforderung unterschiedliche Kompetenzen zusammen – etwa aus der Elektronik oder dem Maschinenbau. Dieses Vorgehen von Weidmüller erhöht zwar den Betreuungsaufwand, zahlt sich aber auf lange Sicht aus.

Man muss kein Superhirn sein

In den vergangenen Jahren hat Weidmüller beispielsweise eine Drohne mit 
zu den Ausbildungsmessen gebracht, welche die jungen Besucherinnen und Besucher über ein Kamerasystem steuern konnten. Über solche kleinen Anfänge lässt sich Technologiebegeisterung erzeugen. Weitere Beispiele aus dem Bereich Augmented Reality sind 3D-Brillen, mit denen virtuelle Inhalte vermittelt werden können.


Die Ausgangsfrage muss lauten: Was sind die Kompetenzen, die unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Zukunft an der Stanze oder in der Administration haben müssen? Daraus wurden die entsprechenden Inhalte abgeleitet und Methoden in der Wissensvermittlung entwickelt. Im nächsten Schritt wurde die nötige Infrastruktur bereitgelegt. Dies führte letztendlich dazu, dass Weidmüller ein hauseigenes Videostudio einrichtete, um Kurzfilme zu drehen, welche für Schulungen verwendet werden.


Den jungen Menschen soll vermittelt werden, dass millionenteure Maschinen über einen PC bedient werden. Solange man nicht ganz mit Mathematik und Technik auf Kriegsfuß steht und die nötige Leidenschaft mitbringt, heißt die Branche einen willkommen. Abgesehen davon muss niemand den Traum vom Influencer-Dasein an den Nagel hängen, sondern kann gleichzeitig als Tech-Profi Einblicke in die Forschung gewähren, wenn man auf einer Fachmesse vor den neusten Errungenschaften der Technik steht und diese mit neuster Technik präsentiert.