Young Professionals in Space Von Barcelona in den Weltraum

Das Team von YPIS und des Tripoli-Raketenclubs.
Das Team von YPIS und des Tripoli-Raketenclubs.

Blauer Himmel und flirrende Hitze: Die Elektronik neo hat die Veranstaltung Young Professionals in Space nach Barcelona begleitet, in die kühlen Räume der Universitat Politècnica de Catalunya und die karge Landschaft von Alcolea de Cinca.

Es ist glühend heiß. Die Luft flimmert über der kargen Landschaft. An den wenigen braunen Sträuchern klammern sich die Häuserschnecken und saugen das letzte bisschen Wasser aus den Pflanzen. Mitten auf dem steinigen Feld stehen zwei Pavillons, unter ihnen dichtgedrängt: Tische, Stühle, Menschen und Raketen. Ein staubiger Weg führt zu einem kleinen Plateau. Dort steht die Abschussvorrichtung für die Raketen der Tripoli Rocketry Association. Gespanntes Schweigen legt sich über die anwesenden Rentner und Studenten, die in einem Halbkreis respektvoll Abstand von der aufgestellten Rakete nehmen. Eine ältere Dame beginnt mit dem Countdown: »Cinquo, Quatro, Tres, Dos, Uno, Cero!«

Ein Fauchen erklingt, wird lauter, weißer Rauch steigt unter der Rakete auf, bis sie plötzlich, wie mit einem Katapult abgeschossen, in den Himmel startet. Als sie mit dem bloßen Auge kaum noch zu sehen ist, teilt sie sich in drei Teile auf, wirft ihre Last ab, und segelt langsam mit Hilfe eines Fallschirms zu Boden. Auch ihre Fracht, weitaus leichter als die Raketenteile, öffnet ihren Fallschirm – und wird vom Wind abgetrieben. Die Zuschauer jubeln und beginnen der abgetriebenen Fracht hinterherzulaufen. Denn sie haben den kleine Satelliten, der da gerade in weiter Entfernung zur Erde schwebt, in den letzten vier Tagen selbst zusammengebaut – im Rahmen des Young-Professionals-In-Space-Programms.

Vier Tage zuvor

Die Universitat Politècnica de Catalunya (UPC) ist eine architektonisch sehr abwechslungsreiche Universität im Nordwesten von Barcelona. Geschmacklich fragwürdige Betonbauten teilen sich den Campus mit Gebäuden im Jugendstil. Verteilt auf einen kleinen Vorlesungssaal und ein Seminarraum, der sehr an eine Abstellkammer erinnert, treffen 70 Studenten aufeinander, die ein Interesse eint: die Raumfahrt. Es gibt Studenten der – natürlich – Luft- und Raumfahrt, der Elektrotechnik und der Robotik aus Griechenland, Südkorea und Pakistan. In einem fünftägigen Programm werden sie einerseits die wirtschaftliche Seite der Raumfahrt kennenlernen, andererseits lernen sie die mathematischen und physikalischen Grundprinzipien der Raumfahrt kennen, und im Anschluss einen eigenen kleinen Satelliten bauen und schließlich in den Himmel schießen.

Organisatoren der Veranstaltung sind Dr. Tushar Sharma, der »Young Professionals In Space« (YPIS) 2017 gründete, und Professor Adriano Camps, der es für 2018 nach Europa an seine Universität holte. An den Vorträgen am Vormittag nehmen Vertreter prominenter Unternehmen wie der NASA, ESA und Airbus teil. Am Nachmittag lernen die Teilnehmer wie man einen Weg auf der Erdumlaufbahn richtig berechnet, welchen Stressfaktoren Raketen und Satelliten ausgesetzt sind, und wie man eine Antenne nebst Sender mit Hilfe eines Arduino-Boards bastelt. Letzteres soll am Ende in eine Cola-Dose passen, zusammen mit einem Fallschirm, unter dem griffigen Namen CanSats. Außerdem erhalten sie eine Führung durch die Labore der UPC, wie die Testräume für Antennen, ausgekleidet mit kohlenstoffbeschichteten Schaumkegeln, die nahezu keine Wellen reflektieren.

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YPIS – Impressionen

Löten, Hämmern, Programmieren.

Vom Vorlesungsaal in den Seminarraum zur Bastelecke

Von den vier Tagen an der UCP waren die Nachmittagsstunden in den Arbeitssräumen der Universität am beliebtesten, darin sind sich die Teilnehmer einig. Hier sägen, löten und messen die Studenten aufgeteilt in 3er- und 4er-Teams an ihren Satelliten und Empfängern. Unter Mithilfe einiger UCP-Studenten von Prof. Campos Lehrstuhl, bestücken die Teilnehmer ihre CanSats mit einem GPS-Empfänger und Sender. Ein Holzbalken und drei Metallstangen werden zu einer Antenne. Freude bei den ersten Teams: Ihre Antennen sowie die bereitgestellte Software ermöglicht es ihnen, Radio zu hören und den Funkverkehr der Busfahrer abzuhören.

Am Samstag, dem letzten Tag von YPIS ist es endlich soweit, unter einem unendlichen blauen Himmel und der heißen Sonne im Juni, geht es mit dem Bus raus nach Alcolea de Cinca, einem kleinen Dörfchen im spanischen Hochland. Hier wachsen nur noch Olivenbäume, Disteln und Gestrüpp. Die Damen und Herren des Raketenclubs »Tripoli Rocketry Association Spain« warten bereits auf die Studenten. Profis, die sie sind, haben sie bereits zwei Pavillons aufgestellt und drängen sich unter deren Schatten. Am Ende des breitgetretenen Pfades steht die Startvorrichtung für die ein bis zwei Meter langen Raketen. Sie werden mit Festbrennstoff betrieben und sind hohl. Ihr Umfang ist etwas größer als der einer Coladose, und damit das perfekte Transportmittel für die CanSats der YPIS-Gruppen.

Zusammen mit den Fallschirmen, die Raketen und CanSats sanft zurück zur Erde bringen, werden die Raketen gepackt, gewogen und zur Startrampe gebracht, insgesamt drei Stück werden an jenem Tag fliegen. Zuvor werden die Satelliten mit Höhenmesser und GPS-Einheit sowie die Empfänger mit ihren armlangen Antennen getestet: Letze Drähte werden gezwirbelt, Verbindungen überprüft und Kabel gefaltet, damit die Platine mit ihren Sensoren und Mikrocontrollern auch wirklich in die Dose passt.

Von der Theorie in die Praxis

Dann geht es los: Die erste Rakete wird zur Startrampe gebracht und in die aufgestellte Halterung eingelegt, die die Rakete senkrecht hält. Die Mitglieder des Raketen-Clubs messen Windrichtung und -geschwindigkeit. Dann werde die gespannten Zuschauer nach hinten gescheucht. Ein weiter Halbkreis bildet sich um die Startrampe, sitzende Zuschauer müssen aufstehen, sollte etwas beim Start schiefgehen muss jeder in der Lage sein, schnellstmöglich das Weite zu suchen. Der Countdown beginnt, der Treibstoff wird gezündet. Das Zischen wird zu einem Fauchen, dann zu einem Brüllen, der Rauch wird dichter, dann schießt die Rakete in den Himmel.

Sie steigt auf einen Kilometer Höhe, dann teilt sie sich in drei miteinander verbundene Teile auf. Die CanSats fallen heraus und entfalten ihre eigenen Fallschirme. Während dem Aufstieg waren die GPS-Empfänger deaktiviert, dies geschieht automatisch wenn eine bestimme Geschwindigkeit erreicht wird, um den unrechtmäßigen Bau von GPS-gesteuerten Raketen zu verhindern. Jetzt aber, auf dem langsamen Weg nach unten, empfängt und sendet der Mini-Satellit seine Position an die YPIS-Teilnehmer, zumindest in der Theorie. Leider sind die auftretenden Kräfte wie Vibration und Beschleunigung unberechenbar, zumindest wenn man für Rechnen und Testen nur vier Tage Zeit hat, sodass die CanSats zwar alle heil ankamen aber keines wirklich die Daten wie erwartet übertrug.

Nichtsdestotrotz, die Studenten hatten Spaß, viel Spaß, für viele war es der erste Schritt in Richtung einer Karriere in der Raumfahrtbranche, neue Freundschaften wurden geschlossen – und wie viele können schon sagen, dass sie einen eigenen Satelliten gebaut und in den Himmel geschossen haben?

Die nächste Young-Professional-In-Space-Veranstaltung findet vom 28. bis 31. Oktober 2019 in Dubai statt.