Gründer im Gespräch »Nur nicht ablenken lassen«

Zusammen mit Gonzalo Ibarra hat Ersan Günes 2014 Intranav entwickelt und ein gleichnamiges Unternehmen gegründet. Heute trackt das Echtzeit-Ortungssystem nicht nur Güter, sondern lokalisiert und steuert auch fahrerlose Transportsysteme. Mit uns hat er über seine Erfahrungen als Gründer gesprochen.

Ersan, gegründet haben Gonzalo und Du Intranav im Jahr 2014. Wie ist es dazu gekommen?
Während des Studiums ist uns aufgefallen, dass es auf dem Markt zwar einige Angebote für das Indoor Tracking gab, diese allerdings teuer waren und nicht unserem Anspruch nach Flexibilität entsprachen. Wir waren uns sicher, dass es eine Möglichkeit geben muss, das Ganze günstiger und flexibler umzusetzen. So kam dann eines zum anderen.

Mit Intranav bietet Ihr Euren Kunden ein »Echtzeit-Ortungssystem für die Industrie 4.0«. Was genau können wir uns darunter vorstellen?
Jeder kann sich vorstellen, wie eine typische Lagerhalle in der Industrie aussieht: Güter, Paletten, Gabelstapler, andere Transportmittel – und natürlich Menschen. Alles zusammen kann schnell sehr unübersichtlich werden und zu Problemen führen. Intransparenzen, Suchzeiten, Staus, Unfälle oder Fehler sind keine Seltenheit. Wir wollen diese Prozesse übersichtlicher gestalten. Dazu werden mindestens vier Antennen an den Decken der Hallen angebracht, welche die mit Trackern ausgestatteten Güter und Fahrzeuge auf bis zu zehn Zentimeter genau lokalisieren. Dadurch weiß man jederzeit, wo sich die »Assets in Motion« gerade befinden, wie ihr Status ist und wie schnell sie sich fortbewegen. Das steigert nicht nur die Flexibilität, sondern auch die Produktivität, da Barcode-Scans und manuelle Arbeitsschritte entfallen. Unsere Technologie ist so genau, dass sogar autonome Fahrzeuge, sogenannte Automated Guided Vehicles, darüber orchestriert werden können. So kommen wir der völlig autonomen Fabrik ein gutes Stück näher.

 

Intranav ist ein Echtzeit-Ortungssystem für die Industrie 4.0. Mit dem zentimetergenauen Tracking von Gütern und innerbetrieblichen Transportmitteln steigert die Plattform die Transparenz logistischer Prozesse und vereinfacht so das Management entlang der Wertschöpfungskette. Neben Track and Trace in Produktion und Logistik ermöglicht Intranav auch Werkzeugsteuerung sowie das Management von fahrerlosen Transportsystemen. Das Unternehmen mit Sitz in Frankfurt am Main wurde 2014 von Ersan Günes (CEO) und Gonzalo Ibarra (COO) gegründet und hat 40 Mitarbeiter. Mehr Informationen zum Unternehmen findet Ihr unter intranav.com.

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt, besonders in Anbetracht der zunehmenden Implementierung von fahrerlosen Transportsystemen, ist die Sicherheit. Das Intranav Safety Real-Time-Locating-System, das RTLS, bietet zum Beispiel Personenschutz, Kollisionswarnung und Verkehrssteuerung. Denn natürlich ist die Sicherheit der Mitarbeiter am wichtigsten, auch wenn die Fabrik immer digitaler wird.

Wer sind Eure Kunden?
Aktuell arbeiten wir mit 35 Kunden zusammen, darunter auch große Automobilkonzerne und Logistikunternehmen wie DB Schenker. Sogar Volkswagen vertraut auf unser Produkt. Vor allem aber mittelständische B2B-Unternehmen aus der Produktion und Logistik zählen zu unserer Zielgruppe.

Seit Kurzem arbeitet Ihr außerdem mit dem SAP-Partner Flexus – einem Spezialisten für die Verbesserung intralogistischer Prozesse – zusam­men. Welche Vorteile ergeben sich daraus?
Die Partnerschaft mit Flexus war die nächste sinnvolle Erweiterung für unser System. Mit dem FLX-TLS Transport- und Staplerleitsystem können nun auch autonome Transportsysteme an Intranav angebunden werden. Unsere Kunden profitieren so von zahlreichen neuen Features wie der 2D/3D-Navigation im Flexus Client, interaktiven Dashboards und einer detaillierten Steuerung für fahrerlose Transportsysteme. Es ist eine gute Ergänzung für uns und auch die Kunden unserer beiden Unternehmen werden das merken.

Wie können wir uns fahrerlose Transportsysteme vorstellen? Und welche Rolle werden sie zukünftig in der Logistik spielen?
Unter fahrerlose Transportsysteme, kurz FTS oder AGVs, fallen zum Beispiel selbstfahrende Gabelstapler oder Shuttles. Sie werden automatisch gesteuert und sind in der Industrie für den Materialtransport zuständig. Da es jedoch eine Reihe verschiedener Anbieter gibt, ist es oft schwierig, die Fahrzeuge untereinander zu vernetzen. Intranav schafft hier eine gemeinsame Schnittstelle, die die Fahrzeuge in der Fabrik miteinander verknüpft. So wird ein ganzheitliches Ortungsbewusstsein geschaffen. Die Fahrzeuge registrieren die anderen Verkehrsteilnehmer und durch eine dynamische Routenoptimierung werden Staus, Gefahren und unnötige Standzeiten verhindert. Außerdem kann Intranav Fehler beim Warentransport vermeiden. Ziel ist es, die Effizienz zu steigern und Prozesse insgesamt einfacher und übersichtlicher zu machen. Viele Unternehmen stellen ihre Flotte erst einmal auf eine teilautonome Variante um, allerdings werden in Zukunft mehr und mehr Prozesse autonom ablaufen.

Wie wird es mit Intranav weitergehen?
Unser Ziel ist es, Marktführer in Sachen intelligente Ortung und Vernetzung autonomer Transportmittel und Behälter zu werden. Außerdem arbeiten wir an einer neuen Produktversion. Sie wird verstärkt auf 5G setzen und ein nahtloses, prozesssicheres Indoor und Outdoor Tracking bieten. Wir wollen in Zukunft als unabhängige Lösung der Standard für Industrieunternehmen werden und suchen dafür weiter nach Partnern und Softwareentwicklern. Die Einführung einer neuen Produktgeneration, das Redesign unseres Produkts sowie eine starke Kooperation mit Anbietern von Lösungen von Warehouse-Management-Systemen und Enterprise Resource Planning, wie SAP, ist Teil unserer Strategie. Unsere Kooperation mit SAP stellen wir übrigens bereits im November 2019 vor und werden künftig auch eine Standardintegration anbieten.

Warum habt Ihr Euch dazu entschlossen, ein Start-up zu gründen?
Lustigerweise haben wir das gar nicht. Wir haben uns entschieden, ein Unternehmen zu gründen, weil es in unseren Augen an günstigen und effektiven Alternativen fehlte. Der Begriff Start-up war ein Fremdwort für uns, wir kannten nur die Bezeichnung »junges Unternehmen«. Wir wollten gründen, um unseren industriellen Kunden eine Lösung anbieten zu können.

Was waren die größten Herausforderungen in der Anfangszeit?
Vor der Gründung war lediglich der bürokratische Aufwand zum ersten Gründerkredit der KfW etwas schwierig, der Rest ging relativ schnell. Bevor unsere Technik so schnittstellenoffen wurde, wie sie es heute ist, war allerdings die unflexible IT vieler Unternehmen ein Faktor, der uns in unserer Verbreitung und der Implementierung eingeschränkt hat. Außerdem war es – aufgrund der langen Sales-Prozesse in der Industrie – am Anfang nicht einfach, passende Investoren zu finden. Das Problem löste sich aber 2016 als wir ein Seed Investment (Finanzierungsmittel, die in der Frühphase der Unternehmensentwicklung zur Deckung des Kapitalbedarfs eingesetzt werden, Anm. d. R.) von Tengel­mann Ventures und einigen Business Angels erhalten haben.

Welchen Rat würdest Du potenziellen Gründern mit auf den Weg geben?
Man sollte sich nicht verunsichern oder ablenken lassen. Die Produktentwicklung sollte im Vordergrund stehen und dabei ist es auch völlig in Ordnung, sich auszuprobieren. Solange man offen mit seinen Kunden umgeht und realistische Vorstellungen von seinen Timelines und Budgets vermitteln kann, sollte man keine Angst haben müssen, zu scheitern. Ganz besonders wichtig ist es, sich auf sich selbst zu verlassen. Mein Rat: Trefft selbstständig eigene Ent­scheidungen und steht zu ihnen.

Was sind aus Deiner Sicht die wichtigsten Voraussetzungen, um ein Unternehmen zu gründen?
Als Erstes brauchen Gründer eine gute Produktidee und müssen prüfen, ob der Markt das Produkt wirklich gebrauchen kann und ob es skaliert. Dann muss die Organisation klar definiert und strukturiert werden, um anschließend sauber wachsen zu können. Hierzu ist es besonders wichtig, dass es einen Chef gibt, und dass man sich gemeinsam zu einer Strategie entschließt. Als Chef wird man auch ein Vorbild für seine Mitarbeiter – besonders bei einer Neugründung mit einem kleinen Team – und hat die Verantwortung für die Stimmung und die Motivation der Angestellten. Kommunikationsfähigkeit im Allgemeinen ist sehr wichtig. Auch mit Kunden muss klar kommuniziert werden können, selbst wenn mal Fehler passieren. Diesen nicht zugeben zu können, wäre schlimmer als ein offenes Gespräch zwischen den Parteien.

Vielen Dank für das Gespräch, Ersan.

 

 

 

Ersan Günes ist Co-Founder von Intranav und verantwortet als CEO die technische und unternehmerische Entwicklung der Echtzeit-IoT-Plattform für die In- und Outdoor-Ortung. Er ist außerdem Product Owner der IntraLytics-Plattform, die komplexe Sensorsignale in Echtzeit zu Business- und Prozess-Insights umwandelt. Diese Methode des Process Mining auf Grundlage von Echtzeit-Positionsdaten waren auch Themenfeld seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Bevor er 2014 zusammen mit Gonzalo Ibarra Intranav gründete, war Ersan Themenfeld- und Entwicklungsleiter in einer Promotionskooperation beim Competence Center for Applied Sensor Systems (CCASS) der TU Darmstadt. Ersan ist Diplom-Ingenieur für Elektro- und Informationstechnik und ausgebildeter Energieelektroniker.