Augmented Reality im TV Mehrwert für das Fernsehen 2.0

Eyecandylab hat Augmented Reality ins Fernsehen gebracht. Damit wird Fernsehen nahe anfassbar.
Eyecandylab hat Augmented Reality ins TV gebracht. Damit wird Fernsehen nahezu anfassbar.

Fernsehen ist längst nicht mehr, was es mal war. Früher waren die Zuschauer an Sendetermine gebunden, heute streamen sie Filme und Serien wann und so oft sie wollen. Ist das dem Zuschauer noch genug? Robin Sho Moser, CEO von Eyecandylab, erklärt, wie Fernsehen interaktiv wird.

neo: Spätestens seit dem Hype um Pokémon Go wissen Technikbegeisterte, was sich hinter dem Begriff Augmented Reality verbirgt. AR ist die Anzeige von digitalen Zusatzinformationen basierend auf der echten Umgebung. Doch was ist Augmented TV?

Robin Sho Moser: Was wir von Eyecandylab in unserem Produkt Augmen.tv entwickelt haben, ist eine Technik, die diesen Zusatznutzen ins Bewegtbild bringt. Also in den Video-Content – TV, aber auch Youtube – denn es wird ja immer mehr Video-Content produziert. Diesen Content nutzen wir und reichern ihn mit Zusatzinformation an. Während einem Fußballspiel zum Beispiel kann der TV-Zuschauer Informationen über den Spielstand hinaus bekommen – etwa Statistiken, Informationen zu den Spielern. Das sind alles Informationen, die der Zuschauer auch übers Internet, beispielsweise über das Smartphone, bekommen kann, aber unsere Technik nutzt den dreidimensionalen Raum um das Bewegtbild, also das Fernsehgerät, herum.

Wir arbeiten mit Media-Partnern, TV-Sendern, zusammen. Die nutzen unsere Technologie und verbinden sie mit ihrem eigenen Content. Nutzer können die Kamera ihrer Smartphones oder Tablets über die App des Partners aktivieren, damit diese den laufenden Content auf dem Fernseher oder zweiten Screen erkennt. Passend zum Programm werden dann die zusätzlichen Informationen angezeigt und der Nutzer kann damit interagieren. Die Werbebranche macht sich diese Technologie ebenfalls zunutze. Beispielsweise kann ein Zuschauer während einer Show erfahren, welches Kleid die Moderatorin trägt und es sogleich bestellen.

Wie funktioniert das?

Womit wir uns zuerst in der Entwicklung befassen mussten, war Computer Vision. Erst muss die Software erkennen, wo sich der Fernseher befindet, dann was in einem Video passiert, um das anschließend mit der App perfekt zu synchronisieren. Informationen sollen ja nicht zu früh ausgespielt werden. Bei einem Fußballspiel will der Zuschauer natürlich nicht erfahren, dass ein Tor fällt, bevor es tatsächlich passiert. Also muss jedes einzelne Gerät perfekt mit der App verbunden sein. Denn je nach Technik gibt es unterschiedliche Latenzzeiten.

Muss der User die Geräte selbst miteinander verbinden?

Nein, das macht unsere App. Sie erkennt auf die Millisekunde genau, an welcher Stelle sich der User im Video befindet und was er gerade sieht. Basierend auf einem vorprogrammierten Timecode werden dann die entsprechenden zusätzlichen Inhalte ausgespielt.

Wie viele TV-Zuschauer nutzen bereits Eure App?

Mit ProSieben haben wir eine AR-Woche mit Galileo gemacht, das war unser erstes Projekt. 20 Prozent der TV-Zuschauer haben die AR-App von uns interaktiv genutzt. Die Zuschauer konnten in der Woche AR-Elemente und zusätzliche Informationen während der Sendung nutzen und abrufen.

Welche Vorteile bringt AR im TV dem Nutzer?

Der Nutzer möchte mehr Informationen und die bekommt er. Ein Beispiel zeigt ganz gut, dass zusätzliche Informationen gefragt sind. In den USA ist Fantasy Football sehr beliebt. An einem Spieltag laufen aber mehrere Spiele gleichzeitig. Um also alle Spiele zeitgleich verfolgen zu können, bekommt der Nutzer die Spielverläufe anderer Spiele, während er eins hauptsächlich schaut.

Ein weiterer Nutzen ist die Werbung. In Asien arbeiten wir derzeit an einem Commerce-Projekt: einem Augmented Reality Shopping Interface. Der Zuschauer kann den Screen abscannen und ein Produkt aus der Werbung oder dem Shopping-Kanal sofort bestellen. Die App verbessert die Produktvisualisierung. Bei einem Möbelhandel in den USA hat sich gezeigt, dass die Verkaufszahlen elfmal höher sind, als bei Usern, die die AR Features der App nicht dafür genutzt haben. Der Kunde kann sich das Produkt viel besser vorstellen und entscheiden, ob es zu ihm passt. Im Kinderprogramm können AR-Elemente eingebaut werden, etwa Spiele, damit Kinder sehr interaktiv TV schauen können.

Die TV-Industrie kann also wieder auf mehr Zuschauer hoffen. Erfreut sich die Werbeindustrie dadurch denn an neuen Verkaufsmöglichkeiten?

Natürlich. Wir bieten der Werbeindustrie mit unserer Technologie ein ganz neues Inventar an Werbe- und Verkaufsmöglichkeiten. Derzeit können TV-Sender lediglich die Werbezeit monetarisieren. Das heißt auch, eine transaktionsbasierte Erfolgsmessung findet dort nicht statt. Über unsere App können die Zahlen aber getrackt werden, sodass eine Lead-Generierung nun auch im Fernsehen möglich ist.

Hinter dem Produkt Augmen.TV steht das Unternehmen Eyecandylab. Wie ist das Unternehmen entstanden?

Vor zwei Jahren, etwa zu der Zeit als Pokémon Go einen großen Hype erfahren hat, haben wir das Unternehmen gegründet. Wir haben uns viele Virtuell-Reality-Produkte angesehen und festgestellt, dass es zwar eine spannende Technik war, aber eher als nettes Gimmick eingesetzt wurde und nicht unbedingt einen Nutzen hervorgebracht hatte.

Damals zumindest noch. Augmented Reality hingegen hatte mehr zu bieten, da ein zusätzliches Device nicht nötig war. Ein Smartphone oder Tablet hatte inzwischen fast jeder. Eine teure VR-Brille nicht. So konnten wir die Infrastruktur nutzen, die es schon gab. Darauf basiert unsere Technik.

Wie konntet Ihr Eure Gründung finanzieren?

Zum einen haben wir uns als Gesellschafter selbst finanziert. Zum anderen haben wir mit dem Galileo-Projekt ein sehr partnerschaftliches Verhältnis gehabt und konnten uns durch die zügige Bezahlung sehr schnell finanzieren. Statt einem Kredit hatten wir also eine gute Kooperation. Ich muss dazu sagen, dass die Förderung von Start-ups in Deutschland sehr ausbaufähig ist. Ich denke, da gibt es im internationalen Vergleich noch Aufholbedarf.

Wie groß war das Team als Ihr angefangen habt?

Vor zwei Jahren haben wir zu dritt angefangen. Nach einiger Zeit holten wir uns einen technischen Co-Founder dazu, der seither die technische Entwicklung leitet. Inzwischen sind wir 174 Leute. Da wir immer mehr Projekte bekommen, sind wir derzeit auch auf der Suche nach weiteren Talents – besonders Computer Vision Researcher oder im Bereich Backend Development und Cloud Computing. Wir wollen wachsen.

Wer sind Eure Auftraggeber?

Das sind viele TV-Sender aber auch Telekommunikationsanbieter. Weil für diese Unternehmen auch das Telekommunikationsgeschäft alleine nicht mehr lukrativ ist, bieten sie unter anderem Entertainment-Pakete an. Mit 5G, was in den nächsten Jahren kommen wird und mehr Datentransfer zulässt – auch unsere App braucht sehr viele Daten –, suchen diese Unternehmen nach möglichen Usecases.

Wir haben aber noch einen weiteren Zweig: Basierend auf der Gaming-Plattform Unity, haben wir ein Tool gebaut, das Entwickler dort runterladen können, um selbst AR-Inhalte kreieren und bauen zu können. Die Developer können sich auf unserer Seite die Lizenz für dieses Tool kaufen. Mit unserer Technik wollen wir uns in der Entwicklergemeinschaft etablieren. In Zukunft möchten wir noch weitere Tools herausbringen. Etwa ein Web-basiertes, dass auch Leute ohne Programmier-Skills AR-Elemente in ihre Videos einbauen können.