Neoversum | Interview »Ingenieure müssen Mensch sein«

Technik kann soziale Klüfte überwinden, sagt Prof. Rahman Jamal, Business & Technology Fellow bei National Instruments. Aber nur, wenn sich Ingenieure ihrer Verantwortung bewusst sind.

Alle zwei Jahre veranstaltet das Gymnasium Nidda in Hessen einen Philosophietag. In diesem Jahr ging es dabei um die Frage »Sind die Probleme der Gegenwart durch moderne Technik lösbar?«. Wir sprachen mit Prof. Rahman Jamal, Business & Technology Fellow bei National Instruments, der den auftaktgebenden Impulsvortrag hielt, über die Rolle der Ingenieure dabei.

Herr Jamal, im Oktober 2019 setzte das Gymnasium Nidda seine langjährige Tradition des Philosophischen Tages fort, zu dem Sie als Gastredner geladen waren. Was soll mit der Veranstaltung erreicht werden?

Die Schüler sollten zur Diskussion angeregt werden, inwiefern die moderne Technik uns beeinflusst. Man bat mich, hierzu einen Impulsvortrag zu halten, um diesen Austausch in Gang zu bringen. Einer meiner Schwerpunkte lag dabei auf der Frage, inwiefern ein Ingenieur, wie ich es bin, reflektieren sollte, wie er mit seiner Arbeit zur Entwicklung der Gesellschaft beitragen kann und welche Konsequenzen sein Tun für die Menschheit hat.

Letztendlich betrifft das alle Berufsgruppen. Mir lag daran, den Schülern einen Leitfaden an die Hand zu geben, auf wel-chen Werten ihr Menschsein fußen sollte, und dass sich diese in ihrem beruflichen wie privaten Handeln widerspiegeln müssen. Denn wir alle haben eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, der Natur und unserer Umwelt.

Was stand neben Ihrem Vortrag sonst noch auf dem Programm?

Nach dem Vortrag haben sich die Schüler in Gruppen aufgeteilt und mit den Lehrkräften die Themen in Workshops vertieft. Im Anschluss präsentierten Vertreter der unterschiedlichen Gruppen ihre Ergebnisse und eigenen Ansichten in einer Podiumsdiskussion, in der ich ebenfalls Stellung nehmen sollte.

Warum wurden gerade Sie eingeladen?

Grund ist mein multikultureller Werdegang. Ursprünglich komme ich aus Burma, dem heutigen Myanmar – also einem Entwicklungsland. Ich kam erst mit zehn Jahren nach Deutschland. Durch diesen Hintergrund wurde mir sehr klar vor Augen geführt, welch große Lücken zwischen einem Entwicklungsland und einem Industriestaat wie Deutschland klaffen. Während wir hier den Wasserhahn aufdrehen und sogar zwischen warmem und kaltem Wasser entscheiden können, war es in Burma nicht selbstverständlich, dass überhaupt etwas aus dem Hahn floss. Auch die medizinische Versorgung war nicht so wie hierzulande. Meine Erfahrung brachte mich dazu, ein praxisnahes Studium der Elektrotechnik anzugehen, mit dem ich dazu beitragen konnte, solche Klüfte zu überwinden. Ich bin davon überzeugt, dass es Technologien und technische Entwicklungen sind, die es ermöglichen, die zwischen den Ländern bestehenden Lücken zu schmälern. Natürlich ist mir klar, dass die Ingenieure oft genug auch Teil des Problems sind, manchmal sogar die Verursacher.

Was kann man dagegen tun?

Um es auf den Punkt zu bringen, wünsche ich mir, dass der Ingenieur von morgen in erster Linie ein Humanist ist, also ein Menschenfreund, der mit der Technik einen Beitrag leistet, die vielen gesellschaftlichen Herausforderungen zu bewältigen. Er darf nicht einfach nur darin aufgehen, coole ›techy‹ Produkte zu erschaffen, ohne den Sinn dahinter im Auge zu behalten. Ingenieure müssen mitverantwortlich sein für die Folgen ihrer Arbeit. Damit ist jedoch wesentlich mehr als die berufliche Sorgfaltspflicht gemeint. Selbstverständlich muss der Ingenieur auch darauf achten, dass seine Produkte qualitativ hochwertig und zuverlässig sind. Wichtig ist aber, dass er sich darüber im Klaren ist, welche Auswirkungen seine Entwicklung auf die Gesellschaft hat.

Daher begrüße ich Initiativen, die zur Persönlichkeitsbildung beitragen, wie eben den Philosophischen Tag des Gymnasiums Nidda oder auch die Kooperation zwischen der TU München und der Hochschule für Philosophie München. Diese Initiative zielt darauf ab, Ethik und gesellschaftliche Fragen stärker in das Studium der Naturwissenschaft zu integrieren. Studenten der TU stehen damit sämtliche Lehrveranstaltungen der Hochschule für Philosophie offen, was die Auseinandersetzung mit grundlegenden oder sogar ganz konkreten ethischen Fragen vereinfachen soll, die für den eigenen Beruf relevant sind.

Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

Nun, wir alle haben die Aufgabe, die Welt in einem besseren Zustand zu hinterlassen als wir sie vorgefunden haben. Daher finde ich, dass jeder Mensch den Beruf einschlagen sollte, in dem er seine eigenen Stärken zum Wohl der Gesellschaft ausspielen kann. Um so verantwortungsvoll zu agieren, muss ich aber nun einmal in der Lage sein, ethische Fragen meines Fachgebiets zu erörtern. Kooperationen, wie die eben erwähnten, können dafür das nötige argumentative Rüstzeug liefern. Es geht eben nicht nur darum, sich auf seinem eigenen Gebiet gut auszukennen und zu einem liebenswerten Nerd zu mutieren, sondern um vernetztes Denken, das ein verantwortungsvolles Handeln erst ermöglicht.

 

In Ihrem Vortrag schilderten Sie, dass Ihr kultureller Hintergrund im Gegensatz zu Ihrem beruflichen Werdegang etwas weniger linear verlaufen ist und das wiederum Ihre Berufswahl beeinflusste.

Das ist richtig. Geboren wurde ich wie gesagt in Burma, einen Teil meiner Kindheit verbrachte ich in Bangladesch. Anschließend kam ich nach Deutschland. Mit sieben Jahren wurde ich von meinem Großvater und meiner Mutter in die Meditation eingeführt, die für mich bis heute von Bedeutung ist. Schon bald erkannte ich einen Widerspruch zwischen den Erfahrungen, die ich in der spirituellen Innenschau machte und der Abbildhaftigkeit der ›logischen Welt‹ der Naturwissenschaften. Ich stellte fest, dass die Wissenschaft nur aus Theorie und Ansichten besteht, die modellhaft versuchen, die Realität zu beschreiben, aber nicht so erfassen, wie sie tatsächlich ist. Mit diesem Widerspruch konfrontiert, setzte ich mich mit unterschiedlichen Fachdisziplinen auseinander. Über die Astronomie kam ich zu den Naturwissenschaften im Allgemeinen und den Ingenieurswissenschaften im Speziellen und beschloss, Ingenieur zu werden. Ich bin davon überzeugt, dass Ingenieure mit dem richtigen Mindset dazu beitragen können, die größten gesellschaftlichen Probleme des 21. Jahrhunderts zu bewältigen. Sei es, um allen Menschen den Zugang zu Trinkwasser zu ermöglichen oder den Klimawandel in den Griff zu bekommen.

Apropos Klimawandel: Was halten Sie von Fridays for future?

Einerseits finde ich es gut, wenn junge Leute sich engagieren und auf dringliche Probleme aufmerksam machen. Auch, dass sie auf die Straße gehen und ihren Sorgen Sprache verleihen. Für mich ist es jedoch ein Unding, dass dies in der Schulzeit geschieht. Weil ich aus einem Entwicklungsland komme, weiß ich, wie wichtig Bildung ist – und dass der Zugang dazu eben nicht selbstverständlich ist. In den entwickelten Ländern wird Bildung als etwas Selbstverständliches angenommen. Das ist es aber nicht. Bildung ist ein Privileg!

Andererseits ist es meines Erachtens noch viel wichtiger, nicht nur zu demonstrieren, sondern Taten sprechen zu lassen. Aus diesem Grund finde ich es schade, dass eine Greta Thunberg 176 Millionen Suchergebnisse auf Google liefert, wohingegen für Boyan Slat lediglich 430.000 Einträge zu finden sind. Dabei hat der junge Erfinder bereits mit 18 Jahren das weltweit erste Reinigungssystem entwickelt, mit dem das Meer von Plastik befreit werden kann. Und der ›Meeresstaubsauger‹ ist nur ein Beispiel für die innovativen Ideen, die von Heranwachsenden vorangebracht werden, die jedoch nicht genügend Unterstützung bekommen.

Zurück zum Philosophischen Tag. Welche Fragen haben die Schüler am meisten beschäftigt?

Angefangen bei Fragen wie ›Wer übernimmt die Verantwortung für Fehltritte einer künstlichen Intelligenz?‹ oder ›In- wieweit macht der Mensch sich durch KI selbst überflüssig?‹ gab es Diskussionen darüber, ob man den Maschinen, die ja immerhin auch von Menschenhand gemacht sind, vertrauen sollte. Es wurde debattiert, inwieweit eine Maschine ein Bewusstsein erlangen kann oder wie sehr wir heute schon von Social Media abhängig sind, weil unser internes Belohnungssystem von Likes und Followers angetriggert wird. Die meisten Fragen bezogen sich aber tatsächlich auf das Thema KI.

Dass KI auch Schüler beschäftigt, ist ja interessant.

Durchaus! Besonders beeindruckt hat mich die Aussage, dass es wichtig sei, das Motiv, das eine Technik wie KI antreibt, zu hinterfragen. Forscht man, um dem Menschen zu helfen – oder lediglich, um seinem Auftraggeber, vielleicht gar seinen Aktionären Profit zu bringen? Das ist eine berechtigte und für meine Begriffe äußerst differenzierte Sichtweise. Dass unsere Jugend bereits so weit ist, sich solche Gedanken zu machen, stimmt mich zuversichtlich, was unsere Zukunft anbelangt!

Vielen Dank für das Gespräch!