Digitale Ethik Hippokratischer Eid für die IT

Mathematikprofessorin Hannah Fry fordert ein Äquivalent des hippokratischen Eids für IT-Profis. Schon während der Ausbildung sollen ethische Fragen diskutiert werden und in die Köpfe fest verankert werden. Braucht die technische Forschung die gleiche ethische Selbstverpflichtung wie die Medizin?

Algorithmen steuern die Welt. Sie versprechen, das Leben sicherer und effizienter zu machen. Längst ist klar, dass digitale Technologien nicht nur ein Segen sind, sondern auch Gefahren mit sich bringen können. Doch wie steht es um die Moral dieser Berufsgruppen? Mathematiker, Informatiker und Computeringenieure sollten einen hippokratischen Eid ablegen, um die Öffentlichkeit vor den neuen Technologien zu schützen, die derzeit in Laboren und Technologiefirmen entwickelt werden. Das fordert Dr. Hannah Fry, Professorin für Mathematik am University College in London.

Die moralische Gleichung

Der Ruf nach einem hippokratischen Eid in der Forschung ist kein neuer. Nach dem Vorbild der Medizin sollen auch andere Wissenschaftler durch eine solche öffentliche Selbstverpflichtung an moralisches Handeln gebunden werden. Unterstützt wird diese Idee seit Jahrzehnten unter anderem von der Unesco, von Vertretern in Forschungsinstituten, Wissenschaftsverbänden und Ethikkomitees. Mediziner halten sich seit mehr als 2500 Jahren an den hippokratischen Eid, der als ethischer Kodex für ärztliches Handeln zwar nicht verbindlich ist, aber einen hohen Stellenwert hat.

Durch den zunehmenden Einfluss von Algorithmen auf unseren Alltag, dem wir uns teilweise nicht mal bewusst sind, nimmt die Diskussion um eine ethische Selbstverpflichtung in technischen Berufen erneut Fahrt auf. »Wir brauchen einen hippokratischen Eid, so wie er für die Medizin existiert«, fordert die aus TED-Talks bekannte Mathematikprofessorin Hannah Fry gegenüber »The Guardian«. In der Medizin lerne man die Ethik vom ersten Tag an kennen, in der Mathematik dagegen spielt sie kaum eine Rolle. Das will die Britin nun ändern: »Ethische Grundsätze müssen vom ersten Tag an im Vordergrund unserer Gedanken stehen«, meint Fry.

Allerdings ist es etwas anderes, Probleme in der realen Welt zu erörtern als in geschlossenen Systemen. Das meint auch die 35-jährige Professorin: »Mathematiker, Computeringenieure und Physiker sind so an abstrakte Probleme gewöhnt, dass sie selten darüber nachdenken, ob die Anwendung ihrer Arbeit in der Praxis ethische Regeln verletzten könnte. Ein ethisches Versprechen dagegen, würde die Wissenschaftler verpflichten, gründlich über die mögliche Nutzung ihrer Arbeit nachzudenken und sie dazu zwingen, nur solche Ansätze zu verfolgen, die der Gesellschaft zumindest keinen Schaden zufügen«, sagt sie.

Weiße Männer gestalten unsere Zukunft

Fry kritisiert etwa, dass Forscher heute Systeme bauen, die persönliche Daten sammeln und verkaufen, menschliche Schwächen ausnutzen und Entscheidungen über Leben oder Tod treffen. »In den Technologieunternehmen dieser Welt finden wir heute meist sehr junge, sehr unerfahrene und oft weiße Männer. Sie wurden nie gebeten, darüber nachzudenken, wie sich die Lebensperspektiven anderer Menschen von ihren unterscheiden. Letztendlich sind dies aber die Menschen, die die Zukunft für uns alle gestalten.«

Hannah Fry wird am 6. Februar 2020 die Chancen und Risiken der modernen Mathematik aufzeigen, wenn sie auf der OOP-Konferenz im ICM München ihre Keynote hält. Der Veranstalter ist SIGS Datacom. In Ihrem Vortrag »How To Be Human In The Age Of The Machine« wird sie untersuchen, wie Algorithmen jeden Aspekt unseres Lebens infiltriert haben, von welchen Problemen Mathematik ferngehalten werden sollte und wie wir lernen müssen, wenn Zahlen nicht vertrauenswürdig sind.