Neoversum | Smart Citiy Eine ganze Stadt wird digital

In Ahaus ist unter anderem die Gastronomie digital organisiert.

Ihr kennt die Stadt Ahaus nur als Atommüll-Lagerort für 329 Castorbehälter im Brennelemente-Zwischenlager? Dann habt Ihr noch nicht den digitalen Stadtkern entdeckt und noch nie im „Smartel“ übernachtet.

Im westlichen Münsterland nahe der niederländischen Grenze betreibt das Unternehmen Tobit Software seit einem Jahr ein digitales Hotel, (fast) komplett ohne Personal. Auf dem Unternehmenscampus konnte der Softwarehersteller bereits über Jahre Erfahrungen mit digitaler Hotellerie sammeln, die vollständig in das »Smartel« in der Innenstadt eingeflossen sind. Heute bietet das Hotel 33 digitale Zimmer, die ausschließlich per Smartphone oder integrierte Displays gesteuert werden. Das Konzept wird von den Gästen gut angenommen, was eine Auslastung von 70 Prozent sowie 374 Bewertungen mit einer Gesamtnote von 8,9 auf booking.com zeigen.

Nachdem der vorherige Pächter das ehemalige Ratshotel im Zentrum von Ahaus nicht mehr weiterführen wollte und es weder neue Betreiber, noch Käufer für das Objekt gab, entschied Tobit-Chef Tobias Groten das Gebäude zu kaufen, um ein voll digitales Hotel zu eröffnen, ein Hotel, das in die Generation Smartphone passt und den Airbnb-Gedanken professionell umsetzt.

Unsichtbare Technik

Das Smartel setzt heute vollständig auf Technik. Direkt am Eingang werden die Gäste nicht von Menschen, sondern von einem Display empfangen. Mit ihrem Zugangscode, den sie bei der Buchung bekommen haben, checken die Gäste hier ein. Alternativ lässt sich die Eingangstür, wie auch die Zimmertüren, per RFID-Karte oder mit dem eigenen Smartphone öffnen. Dazu wurde eine Bedienoberfläche geschaffen, die mit einem Automation-Server kommuniziert. Die Gäste scannen einen QR-Code mit ihrem Smartphone, wodurch Buchungen und Berechtigungen in Echtzeit ermittelt werden, sodass sich die Türen öffnen. Dort werden klassische elektronische Türfallen über einen Feldbus geschaltet, die heute in jeder Tür Standard sind.

Für die Entwickler war es eine Herausforderung, die unterschiedlichen und zeitlich gebundenen Zugangsberechtigungen mit dem Buchungssystem zu koordinieren und die Zimmersteuerung für den gebuchten Zeitraum auf den Smartphones der Gäste automatisch zur Verfügung zu stellen. Loggt sich der Gast auf der mobilen Website des Smartel ein, erhält er direkt alle Steuerelemente in seine elektronische Brieftasche, die Wallet, und zwar bis um 11 Uhr am Tag der Abreise.

Damit auch das einzelne Zimmer per Smartphone gesteuert werden kann, wurden neben einer gut ausgebauten WLAN-Infrastruktur in jedem Raum Aktoren und Sensoren aus der Gebäudesteuerung verbaut. Per Button oder Schieberegler lassen sich Licht und Klimaanlage schalten, dimmen und verändern, die Jalousien steuern und die TV Geräte bedienen. Kleine Gimmicks verschönern den Aufenthalt. Im Nachttisch sind induktive Lademöglichkeiten für Smartphones verbaut, die Steckdosen verfügen über USB-Anschlüsse und via Chromcast können die Gäste eigene Medieninhalte auf die TV-Geräte spielen. Wer in den Zimmern sein Smartphone nicht nutzen will, findet dort auch ein Display, auf dem die gesamte Steuerung zur Verfügung steht und auch die Fluchtwege angezeigt werden.

Draußen vor den Zimmern sorgen zwei Staubsaugerroboter für saubere Flure. In den Zimmern sorgen menschliche Reinigungskräfte für Sauberkeit und frische Bettwäsche. Sie werden automatisch informiert, sobald die Gäste ihre Zimmer verlassen und ausgecheckt sind, oder die Buchungszeit abgelaufen ist.

Um den Anforderungen an Design und Anwendung im Smartel gerecht zu werden, wurden dort keine klassischen Bedienelemente oder Terminals verwendet. Statt Tastaturen mit Nummern neben die Türen zu bauen, sind direkt in den Türen Terminals mit integrierten Smartphones verbaut, die als Touchpanels genutzt werden. Dazu wurde in jeder Tür ein Bereich ausgefräst und verkabelt sowie auf jedem Smartphone eine spezielle Software installiert. Mit einer neuen Glasscheibe versehen, sind die Terminals verbaut, ermöglichen den Zugang, begrüßen den Gast mit Namen und zeigen statt klassischem »Bitte nicht stören« ein einfaches »psssst« als Hinweis an. Auf ähnliche Weise sind auch die Bedien-Terminals in den Zimmern entstanden, bei denen es sich um klassische Tablets mit eigener Software, einem neuen Rahmen und einer neuen Scheibe handelt. Insgesamt 35 Smartphones und 34 Tablets kommen auf diese Weise im Smartel zum Einsatz.

Chayns5 als digitale Basis

Technisch basiert das Smartel sowie viele weitere gastronomische Angebote, Einzelhändler, Dienstleister oder Vereine in Ahaus auf der Software »chayns5«. Diese Software ist im weitesten Sinne ein Baukastensystem, mit dem eine Webseite, eine mobile Website, ein Onlineshop-System, ein Bezahlsystem sowie ein Ticketing und Reservierungstool zur Verfügung gestellt werden.

In Kneipen, Restaurants, Bars, in der Eisdiele oder Burgerbude bestellen die Ahauser ihre Speisen und Getränke in einer digitalen Speisekarte, dem Onlineshop, und bezahlen auch direkt online, ähnlich wie bei Amazon – mit Kreditkarte, Paypal, Google Pay, Apple Pay oder Sofortüberweisung. Einziger Unterschied zum Amazon-Kauf, die Lieferung erfolgt nicht nach Hause, sondern an den Tisch. Damit der Service weiß, wohin er liefern soll, werden die Tischnummern, bei der Bestellung direkt mit angegeben. Einige Restaurants nutzen auch Beacon, die per Bluetooth den Standort ermitteln und die Tischnummern automatisch bei der Bestellung eintragen. Angezeigt und ausgegeben werden die Bestellungen auf einem Terminal mit Bondrucker, das auf den Namen »wayter« hört. Das Gerät wird mit integriertem Onlineshop und Payment-System von Tobit Software als Produkt für den digitalen Einstieg im Gastgewerbe vermarktet.

Die Nutzung digitaler Abläufe und Prozesse im Gastgewerbe, sowie die Verlagerung der Bestell- und Bezahlfunktionen auf das Smartphone haben in Ahaus dazu geführt, dass dort gastronomische Angebote entstanden sind, die es sonst nicht gäbe. Durch Fachkräftemangel und fehlende Nachfolger kommt es in ländlichen Regionen zu Gastronomiesterben, und ein wichtiger Teil der Alltagskultur geht verloren. Davor warnte auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) im Juli 2019. In Ahaus helfen effiziente Abläufe mit geringerem Personalbedarf und der Verzicht auf Bargeld dabei, das gastronomische Angebot zu erhalten und sogar auszubauen.

Wenn Alle mit Allem vernetzt sind

Aber, um eine Stadt für Bürger und Touristen attraktiv zu halten, braucht es mehr als gastronomische Angebote. Einzelhändler, Dienstleister und Handwerksunternehmen müssen eingebunden werden, neue Anwendungen geschaffen, einfaches Micropayment vorhanden sein, und die Kommunikation mit allen Beteiligten muss stimmen. Das würde die Stadt zukunftsfähiger, lebendiger und smarter machen.

In Ahaus sind alle Akteure der Stadt eng miteinander vernetzt, denn sie setzen auf chayns5 als digitale Basis. Eine zentrale ID und ein Account für individuelle Daten sorgen dafür, dass Informationen und Zahlungsströme fließen. Integriert ist eine Wallet, in der Tickets und Gutscheine landen und die die Steuerung für Autos, E-Bikes, Ruderboote oder Hotelzimmer zur Verfügung stellt. Alle Zahlungsmöglichkeiten, von Paypal, über Direktüberweisung bis Apple Pay, werden angeboten, und über die ID können auch zeitabhängige Anwendungen, wie die Nutzung von Parkplätzen und Ladesäulen automatisch abgerechnet werden. Ist einmal ein solches Konto erstellt, kann damit fast überall in der Stadt abgerechnet und gezahlt werden. Entweder direkt bei einer Bestellung im Shop, durch Nummernschilderkennung oder mit dem eigenen QR-Code.

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Das Smartel in Ahaus

Besucher können in Ahaus in einem Smartel, einem weitgehend digital organisiertem Hotel, übernachten.

Damit das Geld in der Stadt bleibt, setzt der Ahauser Einzelhandel seit Anfang des Jahres auf einen digitalen Stadtgutschein. Nach zehn Jahren Papiergutschein hat das Stadtmarketing Anfang 2019 auf die digitale Variante gewechselt. Der Aufwand für Annahme, Verwaltung und Abrechnung mit allen Beteiligten war einfach zu groß. Jetzt werden zwar noch immer Gutscheine auf Papier herausgegeben, aber alle Prozesse im Hintergrund laufen völlig digital, ohne manuellen Aufwand.

Vertrieben werden die Gutscheine in Papierform über das Ahauser Marketing-Büro und online über das Stadtportal »Ahaus.app«. Das Portal bündelt darüber hinaus die gesamten Angebote aus Einzelhandel, Gastronomie, Vereinen und Unternehmen. Aufgeteilt in Kategorien erhalten Bürger und Besucher Informationen zu Angeboten und Events, können Tickets kaufen, Elektrofahrzeuge mieten, Boote ausleihen oder auch an einem digitalen Stadtquiz teilnehmen. Das Quiz findet jeden Tag um 20:40 Uhr auf den Smartphones der Teilnehmer statt, sorgt mit allgemeinen Fragen für Unterhaltung, hilft bei der Vermittlung von Wissen rund um Ahaus und unterstützt das Marketing für Events und städtische Angebote. Gewinne aus dem Quiz landen als Gutscheine in der Wallet der Teilnehmer.

Smart City Tour im digitalen Ökosystem

Für die Ahauser Bürger ist es ganz selbstverständlich geworden, beim Einkaufen und Ausgehen ihr Smartphone als Bestell- und Bezahlsystem zu nutzen. Die Stadt mit knapp 40.000 Einwohnern ist damit schon einen Schritt weiter und digitaler als viele andere Städte. Das hat sich inzwischen herumgesprochen und so kommen Städte, Gemeinden und ganze Landkreise zu einer Smart City Tour, um mehr über dieses digitale Ökosystem zu erfahren. Was sie dann zu sehen bekommen? Ein vernetztes System aus vielen Akteuren, die den Mut haben Neues anzugehen und digitale Chancen zu nutzen, um Mehrwerte für Bürger und Besucher zu schaffen.

Über Tobit Software

Tobit Software ist eine private Aktiengesellschaft mit Sitz im westfälischen Ahaus. Als Hersteller von Standardsoftware konnte das Unternehmen in seiner 34-jährigen Geschichte zahlreiche Meilensteine setzen. Mit seinen Anwendungen und Angeboten schafft Tobit Software heute die digitale Basis für Unternehmen in unterschiedlichen Branchen. Wie Digitalisierung in der Praxis funktioniert, zeigt der Softwarehersteller in eigenen Showcases und sorgt als Treiber in der Smart City in Ahaus für die Vernetzung von jedem und allem.

Zu den Showcases, die alle als echte und wirtschaftliche Betriebe geführt werden, gehören die Restaurants Bamboo-Ahaus, Bamboo-Gronau, Sherlocks, das Ausflugslokal Spieker, zwei Smartels, die Bar Offsite, das Kino Cinemy, der Club next und die digitalste Pommesbude in Deutschland, das TKWY.