Ars Electronica Die letzte Utopie

Ein Regen aus Licht im Bunker unter der PostCity in Linz.
Ein Regen aus Licht im Bunker unter der PostCity in Linz.

Kunst und Wissenschaft gehören nicht zusammen? Blödsinn! Sie ergänzen sich sogar sehr gut. Das beweisen Künstler und Wissenschaftler jährlich auf der Ars Electronica in Linz. Dort verschwinden die Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft, Wissenschaftlern und Künstlern.

Durch die Mischung aus Kreativität und Technik entstehen spektakuläre, verwirrende, überraschende und erschreckende Installationen, die unter anderem in der alten Linzer Postverteilungszentrale ausgestellt werden. Direkt am Hauptbahnhof steht die jetzt PostCity genannte Anlage. An 360 Tagen im Jahr leer, füllt sie sich an den fünf Tagen der Ars Electronica mit über 100.000 Menschen aus allen Ländern der Erde (ok, vielleicht nicht allen, aber doch vielen). Die ehemaligen Postlagerhallen, -bänder und -büros werden zu Bühnen für vertonte Bakterien, Virtual-Reality-­Labyrinthe und malende Roboter.

Und dann gibt es da noch den Bunker: Die Eingeweide der PostCity bestehen aus dunklen Gängen, langgezogenen Hallen und riesigen Lagerräumen, die alle einmal einem Sinn und Zweck dienten, nun aber eher verloren wirken. Sie eignen sich bestens um mit Licht und Ton zu experimentieren wie etwa das Werk »Power is the only error«, das den Zuschauern und schlussendlich Teilnehmern die Macht über Blitz und Krach gibt.

Auch sind die massiven Betonwände der perfekte Hintergrund für die Installationen die Besucher eher verstören als verzücken sollen. Etwa das kleine Kindergesicht, dessen Augen und Brauen sich bewegen können. Es kann damit den Gesichtsausdruck der Besucher imitieren, die über eine Kamera aufgenommen werden. Der Roboter mit den kindlichen Zügen schaut dabei ernst, erschrocken und fragend zurück und wirkt unglaublich lebensecht.

Der Fehler in der Natur

In einem anderen Raum nutzt eine Biologin eigene Zellen und Krebszellen, um einen Zustand der Quantenverschränkung zu imitieren. Die beiden Zellproben befinden sich in Petrischalen in kleinen Plastikkästen an den Außenseiten eines Glasganges. Ein Sensor vermisst die Aktivität der T-Zellen die wiederum in Licht und Ton im Raum umgesetzt werden, was sich auf die Zellen im anderen Behälter auswirkt. Eine Veränderung der einen Zellenkultur bewirkt eine Veränderung bei der anderen Zellenkultur, obwohl sie räumlich getrennt und hermetisch versiegelt sind. Geht nun ein Besucher, in diesem Fall der Beobachter, durch den Glasgang, löst er wie der Beobachter bei der Quantenverschränkung allein durch seine Präsenz eine Änderung der Zustände aus. Er unterbricht die Verbindung zwischen den beiden Zellstationen.

Dieser »Fehler«, der durch den Beobachter entsteht, ist auch der Grund dafür, dass die Biologin hier in Linz ausstellt. Denn das Motto der diesjährigen Ars Electronica ist »Error – the Art of Imperfection«. Zwar ist es heutzutage normal, ein elektronisches Gerät oder eine Software zu veröffent­lichen, die noch Bugs enthält oder weniger kann als versprochen, um eine strengen Zeitplan einzuhalten.

Doch in Linz geht es darum, die Chance zu sehen, die in einem Fehler liegt. Wie etwa bei der misslungenen Kopfschmerztablette, die heute unter dem Namen Viagra bekannt ist. Und auch wenn sich viele Aussteller mit diesem Thema beschäftigen, ganz so streng sehen­ es die Veranstalter dann doch nicht. Schließlich ist die Ars auch eine Bühne für neue Unternehmen, die die Welt etwas besser machen wollen, und einem U19-Bereich, in dem Jugendliche und Kinder ihre Ideen und Projekte präsentieren können.

Die Stadt wird zur Ausstellung

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Das war die Ars Electronica 2018

Kunst im Bunker. In der PostCity in Linz gab es wieder viel zu sehen.

Die PostCity ist aber nicht das einzige Gebäude. 1357 Künstler, Wissenschaftler, Bastler, Unternehmer und Aktivisten aus 54 Ländern zeigen ihre Ideen und Gedanken auf der Ars – und die brauchen Platz. Auf insgesamt 15 weitere Standorte in der Innenstadt, wie etwa den Mariendom oder das Brucknerhaus, verteilen sich Ausstellungen, Konferenzen und Vorstellungen.

Darunter ist auch das eigens für das Festival gebaute Ars Electronica Center. Der Glasbau direkt an der Donau beherbergt unter Anderem den 8K-Raum. Hier können Filme in 8K-Auflösung gezeigt werden, auf einer Fläche von 16 × 9 Quadratmetern. Außerdem stellen hier ganzjährlich die Gewinner des Medienkunstpresies »Prix Ars Electronica« aus, der mit der Goldenen Nica und bis zu 10.000 Euro dotiert ist.

Unter den diesjährigen Gewinnern ist etwa, in der Kategorie Digital Communities, die Internetseite Bellingcat. Sie wird von mehreren Journalisten betrieben, die methodisch Meldungen in den USA nachgehen und sie auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen. Die goldene kopflose Dame in der Kategorie Interactive Art erhielt das Künstlerduo LarbitsSisters aus Belgien. Sie stellten ein alternatives Steuersystem für eine digitale, blockchainbasierte Ökonomie vor – offline wird diese Idee durch eine Serie aus Blockmodulen dargestellt, die als Kunstobjekt und Datencenter dienen.

Neben der Ars Electronica gibt es an diesem Wochenende aber noch weitere Veranstaltungen in Linz, wie etwa das Street Food Festival und die Klangwolke. Sie nutzen das internationale Publikum, das durch die Ars Electronica angelockt wird.